Zerrissene Helden und melancholische Tänzer beim FilmFestival Cottbus

Das FilmFestival Cottbus zeigt bis zum kommenden Sonntag Filme aus dem Osten Europas. Mit dabei: politische Propaganda-Schinken und kritische Querdenker.

Wo beginnt eigentlich Osteuropa? Umgangssprachlich bezeichnen wir mit dem Begriff Länder wie Polen oder Tschechien. Dabei befinden die sich eigentlich in Mitteleuropa – geografisch gesehen. Und Russland? 65 Prozent der Russen leben auf dem europäischen Kontinent, das sind 147 Millionen Menschen. Doch als typische „Europäer“ werden die normalerweise nicht gesehen, vor allem nicht von sich selbst. Die Einteilung in West und Ost geht auf die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts zurück. Der Osten, das sind auch heute noch die Länder, die bis 1989 hinter dem „Eisernen Vorhang“ lagen.

FilmFestival Cottbus: Filmhauptstadt in der Lausitz

Auch Cottbus liegt demnach in Osteuropa. Einmal im Jahr wird die Stadt in der Lausitz zur Filmhauptstadt dieses schwer zu fassenden Pseudo-Kontinents. Beim FilmFestival Cottbus treten neue Filme in drei Wettbewerben gegeneinander an. Auch in den neun Programm-Sektionen werden Premieren gezeigt, neben älteren Filmen. Insgesamt vergibt die Jury achtzehn Preise mit einem Gesamtwert von 75.000 Euro. Lesungen, Konzerte, Ausstellungen sowie Workshops, Seminare und Diskussionen umrahmen das Programm.

Chervoniy (Ukraine), Foto: © Insightmedia
Chervoniy (Ukraine 2018), Foto: © Insightmedia

Fragwürdige Helden

Einer der Schwerpunkte in diesem Jahr ist der aktuelle ukrainische Film. Dem hoffnungsvollen Aufbruch des Euromaidan folgte der seit Jahren andauernde Krieg im Donbas. Gleichzeitig kämpfen Reformer gegen Korruption und Oligarchie an. Inmitten der Krise versucht das Land eine Neubestimmung seiner Identität. Die geht mit einer problematischen Umdeutung der eigenen Geschichte einher. Antikommunistische Gruppierungen der Kriegs- und Nachkriegszeit werden verherrlicht und als vermeintliche Vorgänger des aktuellen Widerstandes gegen Russland dargestellt. Dass viele an Kriegsverbrechen und Vernichtung beteiligt waren, schmälert ihren Ruhm aus Sicht heutiger Patrioten oft nicht.

Ein Beispiel ist das Kriegsdrama „Chevoniy“ (Ukraine 2018), das am Freitag in Cottbus im Wettbewerb zu sehen ist. Der Regisseur Zaza Buadze erzählt darin die Geschichte eines Kämpfers der Ukrainischen Aufständischen Armee. Diese Partisanentruppe kollaborierte im Zweiten Weltkrieg zeitweise mit den Nationalsozialisten, weil sie auf Unabhängigkeit von Stalin hoffte. In Buadzes Film erscheinen die Kämpfer jedoch als mutige Helden.

Ähnliche Heroen- und Opfermythen fänden sich auch in aktuellen Filmen aus Lettland, Estland und Litauen, sagt Bernd Buder, der Programmdirektor des FilmFestivals gegenüber Leverage. Hinter den „nationalistischen Narrativen“ stünden historische Fakten, die im Bezug auf die aktuelle Situation umgedeutet würden: die Angst vor dem neoimperialen Gebaren des Nachbarn Russland. „Das führt dazu, das Geschichte anders betrachtet wird, umgeschrieben in dem Sinne, dass alte Tabus – aus sozialistischen Zeiten – gebrochen, aber gleichzeitig neue errichtet werden“, so Buder.

Sehnsucht nach alter Größe

Deshalb stünde ein renommiertes Festival wie das in Cottbus vor einem Dilemma: Eine Einladung berge die Gefahr, Geschichtsklitterungen aufzuwerten. Doch gleichzeitig möchte das Festival auch die Möglichkeit zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen bieten. Etwa im Rahmen moderierter Diskussionen nach den Vorstellungen.

„Als Fachfestival für das osteuropäische Kino können wir dieses Phänomen  nicht ignorieren“, sagt der Programmdirektor. „Das würde heißen, den Film als reines Medium der Aufklärung schön zu reden.“ Doch das Kino würde in vielen Ländern eben auch zur Propaganda genutzt. 

Auch das russische Action-Drama „Vrema Pervykh“ (2016, internationaler Titel: Spacewalker) von Dmitri Kisseljow wird in Cottbus zu sehen sein. Der Film feiert den Kosmonauten Alexei Leonow, der 1965 als erster Mensch ein Raumschiff verließ. Kisseljow münzt sowjetische Geschichte zur russischen Nationalgeschichte um. Als Vorbild scheinen patriotische Hollywood-Produktionen zum Apollo-Programm der NASA zu dienen.

Solche Produktionen erhalten nicht nur massive politische und finanzielle Unterstützung. Sie sind auch echte Blockbuster in Russland, das Massenpublikum liebt sie. Im Gegensatz dazu erreichen unabhängige Produktionen, die regelmäßig auf westlichen Festivals gefeiert werden, im eigenen Land nur eine sehr kleine Zielgruppe.

Man kann sich an William Faulkners berühmten Satz erinnert fühlen: 

Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist noch nicht einmal vergangen.

Bütter-süße Ironie

Zu den vielen inhaltlich interessanteren Filmen des Cottbusser Festivals gehört zum Beispiel „Podbrosy“ (Russland 2018) von Ivan I. Tverdovskiy, der im Ausland unter dem Titel „Jumpman“ vermarktet wird. Eine sarkastische Geschichte um einen außergewöhnlichen Teenager.

Denis empfindet aufgrund einer seltenen Krankheit keine Schmerzen. So wird sein Körper zum Tatwerkzeug in einer ausgeklügelten Masche: Er wirft sich absichtlich vor Autos, um wohlhabende Raser zu erpressen. Mit der Hilfe korrupter Polizisten und Richter werden die nach dem so provozierten Unfall unter Druck gesetzt und ausgenommen. Ein bitterböser Blick auf die ernste Problematik der Korruption.

Podbrosy / Jumpman von Ivan I. Tverdovskiy (Russland, Irland, Frankreich, Litauen, 2018)

Die Mockumentary „2020#DesertedCountry“ (2017) des ukrainischen Regisseurs Korney Gricyuk zeigt eine dystopische Ukraine des Jahres 2020. Das Land steht kurz vor dem Eintritt in die EU. Ein kanadischer Regisseur will eine Doku drehen, findet aber nur leer gefegte Ortschaften vor. Denn sobald sie Visa-Freiheit hatten und die Grenzen für sie offen waren, sind die Ukrainer massenhaft in den Westen geflohen. Nur wenige blieben zurück.

Ein Mädchen zum Beispiel bereitet sich auf einen Schönheitswettbewerb vor, dessen einzige Kandidatin sie ist. Ein Ingenieur möchte derweil das verwaiste Land mit Robotern besiedeln. Und ein Chinese sucht schon mal nach Möglichkeiten, das Land zu kolonialisieren. Auf sarkastisch pointierte Weise geht der Film die Flucht vieler Ukrainer vor Stagnation und Krieg an.

„Niemand kann uns nehmen, was wir getanzt haben“

In anderen Filmreihen beleuchtet das Festival weitere Länder wie Polen, Tschechien oder das momentan geradezu gehypete Georgien. Aber auch weniger beachtete Landstriche die Lausitz im Osten Deutschlands, die teilweise sorbisch geprägt ist.

Der deutsche Dokumentarfilm „Wenn wir erst tanzen“ (2018) wird in Cottbus welturaufgeführt. Er begleitet den Baletttänzer Dirk Lienig bei Tanz-Workshops in Hoyerswerder. Die drittgrößte Stadt der Oberlausitz hat nach der Wende keine „blühenden Landschaften“ erlebt, sondern Desillusionierung, den Niedergang des Kohlebergbaus, massenhaften Wegzug und rassistische Gewalt.

Doch zu den Klängen von Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ öffnen sich die Menschen und finden eine Ausdrucksform für Zerrissenheit, Schmerz und vielleicht sogar so etwas wie Hoffnung. „Niemand kann uns nehmen, was wir getanzt haben“, heißt es im Trailer.

Wenn wir erst tanzen (Deutschland 2018), Foto: © Contact 99 GbR
Wenn wir erst tanzen (Deutschland 2018), Foto: © Contact 99 GbR

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