Mal ehrlich, ‚Westworld‘ ist nur oberflächlicher Unsinn

Die Serie Westworld läuft seit 2016 beim US-Pay-TV-Sender Home Box Office. Von Kritikern wurde sie schon als Thronfolgerin des HBO-Hits Game of Thrones gefeiert. Das war aber etwas vorschnell. Denn spätestens die zweite Staffel hat gezeigt: Westworld ist nicht viel mehr als langweiliger, überkandidelter Unsinn.

 

  • Pseudointellektuelle Dialoge können nicht über die inhaltlichen Schwächen hinwegtäuschen.
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  • Auch die Ästhetik der Show ist eine Ansammlung von Klischees.
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  • Die Einschaltquoten sinken – zu Recht. HBO wird dennoch mindestens eine weitere Staffel produzieren.

 

Eine alte Geschichte

Die Welt von Westworld ist ein Vergnügungspark in der nahen Zukunft. Dort vergnügen sich reiche Gäste mit Robotern, die wie lebensechte Menschen aussehen. „Vergnügen“ bedeutet in dem Fall: vergewaltigen und morden ohne Verbote oder moralische Grenzen. Die Idee basiert auf einem Spielfilm von Michael Crichton von 1973. Im Original rebellierten die Maschinen und die Menschen wurden zu Gejagten. Die Geschichte erinnert stark an Jurassic Park. Und das ist kein Zufall. Auch die Vorlage für das erfolgreiche Dinosaurier-Franchise stammt von Crichton.

Eine Rebellion von Maschinen ist keine neue Idee. 1920 veröffentlichte der tschechische Dramatiker Karel Čapek das Theaterstück R.U.R. Darin erwachen menschenähnliche Arbeits-Automaten zum Leben und greifen ihre menschlichen Schöpfer an. Čapek nannte sie „Roboter“ und machte den Begriff weltbekannt. Eine Aufführung seines Stücks in Berlin inspirierte den Regisseur Fritz Lang zu seinem Science-Fiction-Film Metropolis von 1927. Dort verdreht ein weiblicher Roboter den Männern die Köpfe und reißt so beinahe die gesamte Gesellschaft in den Abgrund. Selbstbewusste Maschinen stellte man sich im vergangenen Jahrhundert vor allem als Bedrohung vor.

Westworld will die Perspektive der Maschinen zeigen

In der HBO-Serie erlebt der Zuschauer, wie die „Hosts“ genannten Maschinen Schritt für Schritt eine Art Bewusstsein entwickeln. Auch hier bricht eine Rebellion aus, doch die erscheint gerechtfertigt. Denn die menschlichen Gäste des Parks haben die Hosts sadistisch gequält. Die totale Macht einer Gruppe über eine andere scheint auf die Sklaverei anzuspielen. Der Konflikt wirft die offensichtlichen Fragen auf: Was macht eigentlich einen Menschen aus? Was ist menschlich? Jede Folge ist vollgestopft mit Andeutungen. Es gibt Motive aus der jüngeren Geschichte ebenso wie der abendländischen Mythologie und Religion.

Dolores (Evan Rachel Wood) in der HBO-Serie Westworld (Foto: © HBO / Sky)
Dolores (Evan Rachel Wood) in der HBO-Serie Westworld (Foto: © HBO / Sky)

Das mag recht smart sein. Und es wirkt noch ein wenig schlauer, weil die Serie mit einem erzählerischen Trick arbeitet. Sowohl in der ersten als auch in der zweiten Staffel werden jeweils zwei Handlungsstränge parallel erzählt. Zunächst bleibt unklar, wie viel Zeit zwischen beiden Ebenen liegt. Erst ein Plot-Twist am Ende erklärt den Zusammenhang. So wird im verwirrenden Geschehen eine Chronologie erkennbar. Dem Zuschauer fallen im Finale die sprichwörtlichen Schuppen von den Augen. Wenn er überhaupt noch zuschaut und nicht längst aufgegeben hat.

Die Zuschauerzahlen sinken

Westworld hat bereits diverse Preise gewonnen und wurde auch in diesem Jahr wieder mehrfach für die renommierten Emmy’s nominiert. Die Kritiken sind fast durchweg positiv. Dem Portal Rotten Tomatoes zufolge konnte die zweite Staffel 86 Prozent der Kritiker in den USA überzeugen. Das entspricht den Ergebnissen der ersten Staffel. Doch gleichzeitig ist die Zustimmung beim Publikum gesunken: von 91 auf 73 Prozent. Das ist zwar immer noch sehr gut und spricht für eine starke Fan-Basis. Aber insgesamt wandert das Publikum ab.

Die Einschaltquoten der Erstausstrahlungen im TV sind gesunken. Im Durchschnitt schalteten in diesem Jahr 1,57 Millionen Zuschauer pro Folge ein, bei Staffel eins waren es noch 1,82 Millionen. Selbstverständlich machen die US-Fernsehzuschauer nur einen Bruchteil des weltweiten Marktanteils aus. Etwa 80 Prozent der Westworld-Zuschauer nutzen andere Plattformen, zum Beispiel DVR und Streaming. Doch auch dort sind die Zuschauerzahlen gesunken, von etwa zwölf auf zehn Millionen laut HBO.

Vorrangig ein Prestige-Projekt

Das schwindende Interesse wird HBO nicht davon abhalten, mindestens eine weitere Staffel zu produzieren. Die wurde bereits im Mai in Auftrag gegeben. Denn Westworld ist in erster Linie ein Prestige-Projekt für den Anbieter. Um die Jahrtausendwende prägten HBO-Produktionen wie Sex and the City oder The Sopranos die Serienwelt nachhaltig. Doch heute muss sich das Unternehmen gegen Streaming-Dienste wie Netflix, Amazon Prime oder Hulu behaupten. Westworld soll zumindest eine Art intellektuelle Überlegenheit gegenüber der Konkurrenz sichern.

Doch nicht einmal das gelingt.

Emmy Nominations 2018: Game of Thrones on Top (Quelle: Statista)
Emmy Nominations 2018: Game of Thrones on Top (Quelle: Statista)

Denn hinter den von Stereotypen geprägten Plots verbirgt sich keine tiefere Weisheit. Die Figuren sind eindimensionale Abziehbilder, daran ändern auch exzellente Schauspieler nichts. Da ist zum Beispiel der von Antony Hopkins verkörperte Schöpfer des Parks. Der hat einen Gott-Komplex. Selbstverständlich – wie jeder Erfinder im Film. Derweil hat der von Ed Harris gespielte „Man in Black“ (der tatsächlich so genannt wird) auf der Suche nach dem Sinn des Spiels seinen moralischen Kompass verloren. Aha. Und das brave Mädchen Dolores (Evan Rachel Wood) entwickelt sich vom Mauerblümchen zur selbstbewussten Rebellin. Gähn.

Westworld ist hübsch anzusehen, aber inhaltsleer

Das klingt nicht nur altbekannt, das ist ganz kalter Kaffee. Um über ihre inhaltlichen Schwächen hinwegzutäuschen, reiht die Serie bedeutungsschwangere Bilder aneinander. Die zweite Staffel erweist sich sogar als noch pathetischer als die erste. Zum Beispiel suchen die Hosts nun nach einem mystischen Ort, einer Art verheißungsvollem El Dorado. Die Menschen unternehmen ihrerseits den Versuch, unsterblich zu werden. Und es gibt eine Unterwelt, in der die Daten der menschlichen Besucher – also gewissermaßen ihre Seelen – für immer gespeichert sind. Keine dieser Ideen wird weiter erkundet oder weiter ausgebaut. Sie werden einfach präsentiert. Abgehakt, weiter.

Auch die hölzernen Dialoge täuschen viel Bedeutung vor. Aber die haben sie nicht. Es sind nur leere Phrasen. Den Tiefpunkt des verbrämten Stumpfsinns markiert ein Ausflug in einen entlegenen Teil des Parks. Der soll das mittelalterliche Japan darstellen. In „Shogunworld“ treffen die Western-Roboter auf Schwert schwingende Samurai und exotische Geishas, die schlaue Kalendersprüche von sich geben. Kitsch pur! Auch kurze Impressionen des kolonialen Indiens oder der Lebenswelt amerikanischer Ureinwohner werden geboten. Doch alles bleibt billiges Klischee. Eine schöne Kulisse, vor der mit viel Aufwand eine schwache Geschichte erzählt wird.

Und das vielleicht Schlimmste daran: Westworld hat buchstäblich keinen Humor. Die Serie ist trocken, fade, prätentiös und insgesamt eine Zumutung. Wer dabei einschläft, hat alles richtig gemacht.

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