Was hat Kreuzberg eigentlich gegen den Google Campus?

„Fuck Off Google!“, steht auf dem Transparent. Hinter dem Tor des Umspannwerkes am Paul-Lincke-Ufer haben sich Vermummte aufgebaut. Sie erklären das Haus für besetzt. Die Protestaktion richtet sich gegen den „Google Campus“. Denn in einem Teil des großen Gebäudes errichtet der Tech-Konzern ein „Gründerzentrum“. Das soll dem Unternehmen zufolge Jungunternehmern aus der Technologie-Branche „Zugang zum globalen Startup-Netzwerk und wertvolle Ressourcen“ bereitstellen.

Die linke Szene hält allerdings nicht viel von diesen Plänen. Sie wirft Google vor, die Mieten in die Höhe zu treiben. Deshalb die medienwirksame Aktion. Doch nach nur zwei Stunden ist die auch schon wieder beendet. Die Polizei greift durch. Die Beamten rücken seitlich durch den Biergarten eines Restaurants vor und fallen den überraschten Besetzern in den Rücken. Es gibt zwei Festnahmen, aber nur wenig Gegenwehr. Warum  ist gerade der Google Campus immer wieder Ziel von Protesten?

Kreuzberg ist seinen Bewohnern lieb und teuer

Tatsächlich sind die Mieten in Kreuzberg auch ohne Google bereits gestiegen. Der international bekannte Szene-Bezirk zieht seit Jahren Touristen und junge Mietinteressenten aus dem Ausland an. Die Nachfrage nach Wohnungen ist gestiegen – und damit der Preis.

Beim Immobilien-Portal immowelt.de wurde der Quadratmeter Wohnfläche im ersten Halbjahr 2018 in Kreuzberg für durchschnittlich  13,90 EUR angeboten. Nur fünf Jahre zuvor lag dieser Preis noch bei 8,- EUR. Das bedeutet einen Anstieg um 74 Prozent! Im selben Zeitraum stieg der durchschnittliche Kaufpreis für Wohnraum in Kreuzberg von 2.640,- auf 4.370,- EUR pro Quadratmeter.

Mietenentwicklung in Kreuzberg und Berlin. Angebotspreise im ersten Halbjahr des jeweiligen Jahres auf dem Portal immowelt.de (Grafik erstellt mit piktochart.com)
Mietenentwicklung in Kreuzberg und Gesamt-Berlin. Median der Angebotspreise im ersten Halbjahr des jeweiligen Jahres. (Quelle: immowelt.de)

Inzwischen ist das Wohnen im „alternativen“ Kreuzberg teurer als im Regierungsviertel Mitte. Das geht aus einer Studie der Immobilienbank BerlinHyp von 2017 hervor. Günstige Neuvermietungen unter neun Euro pro Quadratmeter gibt es demnach nur noch im von Plattenbauten geprägten Bezirk Marzahn-Hellersdorf oder am Stadtrand, zum Beispiel in Spandau.

„Geldwäsche einfacher als an der spanischen Mittelmeerküste“

„Warum konzentrieren sich diese Proteste auf Google?“, fragt Mark Terkessidis. Der Autor und Migrationsforscher lebt in Berlin-Kreuzberg und Köln. Die Diskussion um den Campus hält er für „provinziell“ und „tendenziell antiamerikanisch“. Denn: „Ich glaube nicht, dass eine Audi-Ansiedlung die gleiche Mobilität erfahren würde, obwohl deren Chef im Knast sitzt.“

Der Google Campus ist nicht der erste Co-Working-Space für Jungunternehmer in der Nähe des Görlitzer Parks. Seit Anfang des Jahres bereits betreibt die „Factory“ ein Start-Up-Zentrum in Treptow. Das ist nur wenige Minuten entfernt vom Umspannwerk. Als es sich noch im Bau befand, warfen Unbekannte in einer Nacht Molotow-Cocktails und Steine dagegen. Abgesehen davon blieb dieses Großprojekt jedoch von Protesten oder gar Besetzungen verschont.

Terkessidis‘ Ansicht nach muss nicht erst ein Tech-Konzern aus Silicon Valley nach Kreuzberg kommen, um die Gentrifizierung anzukurbeln. Im Gegenteil, die Entwicklung sei bereits weitgehend abgeschlossen. Die Mieten seien bereits „extrem hoch“, die Ursachen lägen aber woanders. Eine der wichtigsten sei, dass die Politik wenig gegen fragwürdige Geschäftspraktiken auf dem Immobilienmarkt unternehme: „Geldwäsche ist hier einfacher als an der spanischen Mittelmeerküste.“

Wird der Google Campus die Mieten weiter erhöhen?

Joachim Oellrich von der Berliner Mietergemeinschaft sieht das anders: „Wir erwarten einen enormen Nachfrageschub durch den Google Campus.“ Die Mietergemeinschaft stand in den 1980er Jahren der Westberliner Hausbesetzerszene nahe. Heute ist sie die zweitgrößte Interessenvertretung für Mieter in der Hauptstadt. Oellrich geht davon aus, dass die Mietpreise noch einmal deutlich steigen werden, wenn das Gründerzentrum am Paul-Lincke-Ufer eröffnet. Denn durch zuziehende Start-Up-Gründer verschärfe sich die „Flächenkonkurrenz“, meint er.

Tech-Neugründungen sind mit einem hohen Risiko verbunden. Joachim Oellrich meint deshalb sogar, der Start-Up-Ökonomie fehle ganz grundsätzlich die „Substanz“. Darin sieht er eine Gefahr. Denn wenn zu viele Risiko-Unternehmungen an einer Stelle angesiedelt würden, so wie beim Campus, könnte das seiner Ansicht nach zu einer „Bubble“ führen. Sollte die eines Tages in sich zusammenfallen, dann gäbe es statt Aufschwung sehr viele Arbeitslose im Kiez, befürchtet Oellrich.

„100.000 zusätzliche Arbeitsplätze“

Solche Bedenken hatte die Unternehmensberatung McKinsey nicht, als sie im Oktober 2013 ihre Studie „Berlin gründet“ vorstellte. „In Berlin fehlt an vielen Stellen ein Gründer-Mindset“, kritisierte die Agentur. Die deutsche Hauptstadt könne von erfolgreichen „Gründungshubs“ wie New York, London oder Tel Aviv lernen. Die Stadtverwaltung müsse bürokratische Hürden aus dem Weg räumen und eng mit Universitäten und Kapitalgebern zusammenarbeiten, um Gründungen zu erleichtern. „Bis 2020 können in Berlin auf diese Weise über 100.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen“, versprach McKinsey.

Der damalige Oberbürgermeister Klaus Wowereit (SPD) begrüßte die Studie geradezu euphorisch:

Gemeinsam mit den Wirtschaftsfördereinrichtungen, Kammern, Verbänden, etablierten Unternehmen und den Start-ups werden wir uns mit aller Kraft einsetzen, die führende Start-up-Metropole Europas zu werden.

Der McKinsey-Masterplan beinhaltete unter anderem „große, zentral gelegene und flexibel anmietbare Flächen für Start-ups in der Wachstumsphase“. Die sollten von der Stadt bereitgestellt werden. Das wurde auch versucht. Die praktische Umsetzung sollte auf dem Gelände des ehemaligen Tempelhofer Flughafens erfolgen. Das „Kreativquartier“ blieb aber – wie vieles in der Hauptstadt – weit hinter den Erwartungen zurück. Insgesamt wurden die Ideen von McKinsey trotz vollmundiger Versprechungen nur ansatzweise umgesetzt. Doch die Studie scheint die Vorstellungen der Politik nachhaltig beeinflusst zu haben.

Google-Gegner: „kein Technik-Bashing“

„Gentrifizierung passiert nicht einfach. Sie wird gemacht“, sagt Konstantin Sergiou. Der Philosophiestudent engagiert sich bei der Initiative „Bizim Kiez“. Die besteht seit 2015. Damals erhielt ein kleiner Gemüseladen in der Wrangelstraße vom neuen Hauseigentümer unverhofft die Kündigung. Doch Anwohner schlossen sich zusammen und protestierten dagegen. Der allgemeine Frust über steigende Mieten und Verdrängung hatte plötzlich ein konkretes Ziel. Die Kampagne war erfolgreich, der Laden behielt seinen Mietvertrag. Zwar musste der Besitzer das Geschäft dann doch aus gesundheitlichen Gründen schließen. Doch die Aktivisten beließen es nicht dabei. Inzwischen gibt es eine Vielzahl lokaler Gruppen, die gegen zu hohe Mieten und Verdrängung protestieren. Einige von ihnen, wie „Bizim Kiez“, haben sich nun zum Bündnis „Google ist kein guter Nachbar“ zusammengeschlossen.

Aber warum liegt der Schwerpunkt jetzt auf Google und dem Campus? Der Konzern profitiere durch seine „Monopolstellung“ von User-Daten, kritisiert Seriou. „Es geht nicht um „Technik-Bashing“, stellt er klar, sondern um die Frage: „Wer hat die Kontrolle über die Technik?“ Wenn neue Technologien wie Künstliche Intelligenz das Leben der Menschen besser machten, sei dagegen nichts einzuwenden. Die Frage sei vielmehr: „Wer kontrolliert die Technik? Und wer entscheidet, wie sie eingesetzt wird?“ Unternehmen wie Google müssten außerdem von Politik und Gesellschaft in die Verantwortung genommen werden. Gerade dann, wenn sie für Gentrifizierung, höhere Mieten und Verdrängung verantwortlich seien.

Konstantin Sergiou möchte Alternativen zu den Angeboten der Großkonzerne fördern. Es gebe durchaus positive Beispiele von Tech-Unternehmen und Start-Ups, die nicht nur profitorientiert arbeiteten, sondern auch soziale Verantwortung übernehmen würden, zum Beispiel Crowdfunding-Plattformen oder unabhängige Email-Provider.

Noch eine Besetzung

Nur einen Tag nach der Aktion am Google Campus gab es eine weitere Besetzung in Kreuzberg. Diesmal allerdings weniger dramatisch. Das Eckhaus in der Großbeerenstraße hatte bereits seit Jahren leer gestanden. Der Eigentümer sprach noch am Tag der Besetzung eine Duldung aus, deshalb räumte die Polizei nicht. Kurz darauf wurde eine Zwischennutzung vereinbart. Diese Besetzung ist keine reine Protestaktion, sondern verfolgt das Ziel, langfristig eine Art soziales Zentrum mit günstigem Wohnraum zu etablieren.

Hausbesetzer in der Großbeerenstraße
Hausbesetzer in der Großbeerenstraße

Bei einer öffentlichen Versammlung vor dem Gebäude diskutieren Alt-Besetzer, Punks und Hippies über die Zukunft des baufälligen Hauses. Die Stimmung ist entspannt. Gegenüber im „Café Schnittchen“ sitzen Anwohner und schauen wohlwollend auf das Treiben. Das Café unterstützt die Aktivisten und stellt seine Toiletten zur Verfügung. Und die Traditionskneipe „Das Goldene Handwerk“ ein paar Häuser weiter hat Geschirr gespendet.

Einige Schritte entfernt von der Versammlung stehen Grünen-Politiker und trinken Bio-Bier. Die Abgeordnetenhaus-Fraktion hat ein Büro in der Großbeerenstraße. Der Leerstand des Gebäudes an der Ecke war dort Thema eines „Aktionsabends“, nur wenige Tage vor der Besetzung. In Kreuzberg funktioniert Vernetzung offenbar auch ganz gut ohne Google.

Auf einmal wird es etwas unruhig. „Die Bullen nehmen Leute fest!“, ruft ein Punk. Doch die Lage beruhigt sich schnell wieder. Tatsächlich kontrolliert die Polizei den Ausweis eines älteren Mannes, weil der Marihuana geraucht hat. „Das macht man aber nicht, wenn Kinder in der Nähe sind“, erklärt der junge Bereitschaftspolizist dem Kiffer, der beinahe sein Großvater sein könnte. Dann lässt er ihn gehen.

Fotos und Grafik: Christoph Kluge

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2 Gedanken zu „Was hat Kreuzberg eigentlich gegen den Google Campus?

  1. Schlecht recherchierter Artikel; ihr schreibt zum Bizim Kiez „Die Kampagne war erfolgreich, der Laden blieb.“ Leider ist der Laden aber nicht geblieben und steht seit 2015 leer… Und ich bekomme im Kiez kein gescheites Gemüse mehr…

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