Stalin in Stockholm: Martin Österdahls Agentenroman ‚Der Kormoran‘

Mit seinem Erstlingsroman Der Kormoran verneigt sich der schwedische Autor Martin Österdahl vor den britischen Spionageautoren des Kalten Krieges. 

Verschwörung gegen Schweden

Im Februar 1944 warfen sowjetische Flugzeuge einige Bomben über dem neutralen Schweden ab. Unter anderem wurden bei dem Angriff einzelne Gebäude in der Hauptstadt Stockholm getroffen. Bis heute ist nicht wirklich klar, warum das überhaupt geschah. Moskau stritt damals ab, dass die Bombardierung jemals stattgefunden hatte. Der Thriller-Autor Martin Österdahl benutzt diesen seltsamen Zwischenfall aus der realen Geschichte seines Landes nun als Aufhänger für einen Agententhriller. Darin mischt er wirkliche Ereignisse mit wilden Verschwörungstheorien.

Österdahl war viele Jahre Chef eines schwedischen Fernsehsenders. In seinem ersten Buch fährt er schwere Geschütze auf: eine düstere Schattenorganisation, angeführt von einem – diesen Leckerbissen darf man wohl verraten – stalinistischen Kannibalen verfolgt den bösartigen Plan. Die Finsterlinge wollen die Macht in Russland an sich reißen – und dann Schweden unterjochen. (Natürlich, wen sonst?) Eine junge Frau namens Paschie kommt dem Geheimnis zu nah, und verschwindet daraufhin spurlos. Doch Rettung naht. Denn der Lebensgefährte der entführten Dame ist kein anderer als Max Anger… (Moment, wer?) Max Anger ist „Russlandexperte“, verrät der Klappentext, und „ehemaliger  Kampftaucher“. Autor und Verlag wünschen sich für ihn offenbar ein große Zukunft. Da hat Paschie ja nochmal Glück gehabt.

Der Kormoran: auf den Spuren von John Le Carré

Mit schnörkellosem, klarem Stil und einem gewissen Händchen für Spannung entrollt der Fernsehmann Österdahl Stück für Stück die Details seines Plots. Und selbstverständlich stellt sich nach und nach heraus, dass der Held Max Anger viel tiefer in das Geschehen verwoben ist, als ihm selbst anfangs klar war. Der Autor hat die Handlung auf mehrere Zeitebenen verteilt, zwischen denen die Erzählung wechselt. Der Hauptstrang spielt im chaotischen Russland Mitte der 1990er Jahre, Rückblenden führen in die Endphase des Zweiten Weltkriegs und den sowjetischen Afghanistankrieg. Man merkt den detailreichen Schilderungen an, dass Österdahl osteuropäische Geschichte studiert hat.

Zwischen Geschichtslektion und Verschwörung passt immer noch eine Action-Szene, scheint das Motto des Autoren zu sein. Das klingt etwas plump, wenn man es so zusammenfasst, aber es funktioniert. Der Kormoran bietet ohne Zweifel Entertainment. Österdahl versucht dabei nicht einmal zu verstecken, dass er seinen Stil ganz eng an die britischen Thriller-Haudegen John Le Carré und Frederick Forsyth angelehnt hat. Klischees des Genres werden souverän bedient, zum Beispiel gibt es einen verschuldeten Spieler, der aus bloßem Opportunismus in die Mühlen des Agentenhandwerks gerät. Etwas arg retro wirkt allerdings die Rolle der weiblichen Hauptfigur: Paschies einzige Aufgabe besteht darin, sich von ihrem Mann retten zu lassen.

Max Anger ist noch nicht fertig mit Moskau

Der Kormoran von Martin Oesterdahl (Blanvalet / Random House)
Der Kormoran von Martin Oesterdahl (Blanvalet / Random House)

Der Held Max Anger kämpft sich ohne Furcht und Tadel durch eine sauber strukturierte Handlung, die ein klares Ziel verfolgt: ein Bestseller zu werden. Doch der Thriller wächst bisweilen über die zahllosen Konkurrenzprodukte hinaus. Nämlich dann, wenn der Autor seinen kenntnisreichen Blick auf die sowjetisch-russische Geschichte einfließen lässt. Der Kormoran kommt zwar in der Struktur mitunter vorhersehbar daher, ist aber durchweg mitreißend erzählt und entfaltet eine gewisse Sogwirkung.

Der 575 Seiten starke Agententhriller alten Schlags ist im Juli bei blanvalet erschienen. Und die Rückkehr des Helden steht auch schon auf dem Plan. Die Abenteuer des unerschrockenen Osteuropa-Nerds Max Anger sind als Trilogie angelegt. Der zweite Teil wird voraussichtlich im Sommer 2019 erscheinen.

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