Netzwerk der Neuen Rechten: Getroffene Hunde bellen

Rechte Blogger laufen Sturm gegen das Buch Das Netzwerk der Neuen Rechten der Journalisten Christian Fuchs und Paul Middelhoff. Aber das ist nicht weiter schlimm.

„Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen“, tönte AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland am Abend des 27. Septembers 2017. Soeben war seine Partei als drittstärkste Kraft in den Bundestag gewählt worden. Mit stolzer Brust schmetterten die Gäste der Wahlparty die Nationalhymne. An diesem Abend wurde aber nicht nur für den ehemaligen CDU-Politiker Gauland ein Traum wahr. Eine ganze Szene aus Aktivisten, Vordenkern und Geldgebern feierte den Parlamentseinzug der AfD als Triumph. Wer sind diese Leute? Fuchs und Middelhoff möchten einen Überblick liefern.

Gar nicht mal so neu, diese Rechte

Die Neue Rechte hat sich längst eine eigene Öffentlichkeit geschaffen. Fragwürdige Publizisten und AfD-Politiker spielen sich in den sozialen Netzen den Ball zu, und inszenieren sich dabei als Rebellen gegen einen angeblichen linken Konformitätsdruck. Ihre ständigen Provokationen wirken wie Nadelstiche auf die politischen Diskurse ein. Tatsächlich gelingt es ihnen so, dem Mainstream die eigenen Themen aufzuzwingen. Doch so neu ist diese Strategie gar nicht.

Bereits seit den späten 1960er Jahren bemühten sich rechte Intellektuelle wie der Franzose Alain de Benoist darum, rechtsextremen Ideen ein modernes und attraktiveres Auftreten zu verleihen. So wollten sie – kurz gefasst – ein Image-Problem beheben, das seit 1945 bestand. Klassische Neonazis verehrten Hitler und hielten an der alten Rassenideologie fest. Von der Mehrheit der Gesellschaft wurden sie ausgegrenzt. Die Avantgarde der Neurechten sprach lieber von Konzepten wie einer „kulturellen Identität“, denn davon erhoffte sie sich mehr Akzeptanz.

An den Prinzipien änderte sich freilich nichts: Ausgrenzung des „Fremden“ bei gleichzeitiger Überhöhung eines mystifizierten „Eigenen“, Verschwörungsglaube und virulenter Antisemitismus, nicht zuletzt die Forderung nach einer autoritären Gesellschaft. Für neue wie für alte Rechte gilt: Die Menschen sind nicht gleichwertig geboren. Diese zentralen Inhalte blieben bestehen. Doch sie sollten nun mit einer anderen Strategie erreicht werden, einer sogenannten „Kulturrevolution von rechts“. 

Im deutschen Sprachraum versuchten Autoren wie Armin Mohler, die antidemokratische „Konservative Revolution“ der Weimarer Republik als Vorbild zu rehabilitieren. Solche Gedankenspiele erreichten jedoch lange Zeit nur eine Sub-Subkultur innerhalb der rechten Szene, etwa Leser von Zeitschriften wie der Jungen Freiheit. Doch in den vergangenen Jahren haben neurechte Vorstellungen ihren Weg in die Mehrheitsgesellschaft gefunden. Und mit der AfD auch in die Parlamente. Das geschah direkt vor unser aller Augen, verblüfft uns aber immer noch. 

Schauermärchen vom Rittergut 

Die AfD – ursprünglich eine biedere Anti-Euro-Partei – hat sich in wenigen Jahren als eine Art politischer Arm dieses Spektrums etabliert. Das war möglich, weil sich zu den intellektuellen Gedankenspielen eine reale Bewegung auf den Straßen gesellte. Die Renaissance rechten Gedankenguts trifft heute auf die Unzufriedenheit eines Teils der Bevölkerung, der etablierte Akteure in Politik und Medien nicht mehr sehen möchte. Durch Internet und soziale Netzwerke kommen die Frustrierten und berufsmäßige Hetzer zusammen. Agitatoren wie der Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke haben große Fan-Gemeinden und erheblichen Einfluss.

Über all das wurde und wird viel berichtet: Jeden Tag erscheinen Artikel, alle paar Monate gibt es ein Buch zum Thema. Da könnte man fragen: Braucht es wirklich noch ein weiteres?

Demonstration "Zukunft Heimat" in Cottbus. Götz Kubitschek (Antaios Verlag). Foto: © Katia Vasquez Pacheco
Schnauze voll. Rechte Demonstration „Zukunft Heimat“ in Cottbus 

Illustre Charaktere betraten in den vergangenen Jahren die Manege des politischen Zirkus der Bundesrepublik. Der Name Götz Kubitschek zum Beispiel war die längste Zeit nur einschlägigen Experten ein Begriff. Heute kennen Millionen Deutsche den rechten Verleger aus dem Fernsehen. Dort haben sie Kubitschek als gestrengen Familienvater erleben können. Und als Naturburschen, der die Ziegen im Stall von Hand melkt. Sie haben unzählige O-Töne des Demagogen gehört, gern unterlegt mit düsterer Musik. Reporter großer Zeitungen zogen nach Schnellroda, um das Fürchten zu lernen. Die FAZ beispielsweise berichtete, das „Wohnzimmer“ der Familie habe „eine fremdartige Aura“.  Alles ganz schön gruselig.

Sollte diese Form des Journalismus das Ziel gehabt haben, einen politischen Strippenzieher zu „entzaubern“, dann ist das – gelinde gesagt – gründlich schiefgegangen.  Tatsächlich haben solche Inszenierungen den Mythos nur verstärkt, den Typen wie Kubitschek gezielt um sich aufbauen. Das Problem: Die neurechten Köpfe verstehen die Medienbranche mitunter besser, als die sich selbst versteht. Geschickt spielen sie auf der Klaviatur der Branche, nutzen ihren Hang zu Skandalisierung und Verkürzung, um ihre Themen in den Mainstream zu drücken.

Götz Kubitschek (Antaios Verlag). Foto: © Katia Vasquez Pacheco
Ziegenbesitzer mit fremdartigem Wohnzimmer: Götz Kubitschek 

Wie schreibt man über die Neuen Rechten?

Die Journalisten Fuchs und Middelhoff berichten bereits seit Jahren für die Zeit über die neurechte Szene. Das Buch fasst die Ergebnisse von Recherchen zu unterschiedlichen Aspekten zusammen. Das hat zur Folge, dass vieles davon schon bekannt ist. Zumindest für Leser, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen.  Manches war bereits bei Erscheinen nicht mehr ganz auf dem aktuellen Stand. Warum zum Beispiel der US-Nationalist Steve Bannon überhaupt thematisiert wird, bleibt fraglich. Schließlich hat dessen Expedition in die europäische Politik nie wirklich Einfluss entwickeln können.

Die Stärke von Das Netzwerke der Neuen Rechten liegt woanders. In einer Kombination aus Analyse und Roadmovie beschreiben die Autoren eine deutsche Parallelgesellschaft. Das Ergebnis ist eine Art „Who is who“. Das Spektrum ist breit, neben Rechtsintellektuellen gibt es auch Publizisten auf Boulevardniveau wie den notorischen Selbstdarsteller Jürgen Elsässer mit seinem Compact-Magazin. Oder obskure Hass-Websites wie jouwatch, deren Betreiber die Autoren interviewt haben. Letzteren beschreiben sie als einen überraschend smarten und reflektierten Medien-Kleinunternehmer.

Fuchs und Middelhoff zeigen die Verbindungslinien des Netzwerks auf, doch sie stricken keine Verschwörungstheorien. Vielmehr zeigen sie die Protagonisten der Neuen Rechten mit ihren allzu menschlichen Eigenschaften. Diese Individuen arbeiten zusammen, zerstreiten sich wieder, versuchen sich an Projekten, die mal scheitern, häufig aber auch zum Erfolg werden. Der unaufgeregte Blick der Autoren auf die Aktivitäten und Entwicklungen macht dieses Buch aus – und ist seine große Stärke. Denn Fuchs und Middelhoff lassen sich nicht ein auf das Spiel mit dem Grusel, ignorieren das Drama und behalten kühle Köpfe.

Die Reaktion: Verwirrtes Bellen

Zum Buch gibt es eine Website mit interaktiver Karte. Die präsentiert dem geneigten User die wichtigsten Personen und Institutionen, die im Buch thematisiert werden. Diese Karte hat einen regelrechten Aufschrei ausgelöst in der neurechten Szene.

Einen Tag vor Release von Buch und Website brachte Vice die Karte „exklusiv“, allerdings ergänzt um eine reißerische Überschrift: „Hier kannst du sehen, ob die Neuen Rechten in deiner Nachbarschaft aktiv sind“. Diese Clickbait-Zeile könnte den Eindruck erwecken, es handle sich um eine Art Adressenliste. Und das tat sie auch.

Tatsächlich sind auf der Karte zwar keine Wohnanschriften verzeichnet. Die Angaben sind sehr grob, die Informationen in der Regel öffentlich zugänglich. Doch das hinderte verschiedene rechte Publizisten nicht, das Ganze als bösartigen Gewaltaufruf zu interpretieren. Der islamfeindliche Blogger David Berger behauptete etwa:

Das Magazin „Vice“ veröffentlicht eine detaillierte Deutschlandkarte, auf der die Wohn-und Arbeitsstätten der angeblich 150 wichtigsten „neurechten“ Persönlichkeiten und Organisationen Deutschlands verzeichnet sind. […] Da hat die Antifa in den kommenden Monaten richtig viel zu tun. Aber die Vice hat ihr ihre Arbeit ja erleichtert, sodass sie mehr Zeit für das Sammeln von Pflastersteinen und Kanthölzern hat.

Der Kolumnist Henryk Broder und andere äußerten sich in ähnlicher Weise. Der Berliner Professor Jörg Baberowski wunderte sich auf Facebook darüber, dass sein Name in der Karte auftaucht und warf den Autoren erst einmal vor, falsche Tatsachen zu verbreiten. Wie all diese Kommentatoren hatte er das Buch noch nicht gelesen. Doch auch ohne diese Lektüre hätte Baberowski vermuten können, dass seine – laut Fuchs und Middelhoff – federführende Rolle bei der Veröffentlichung der „Erklärung 2018“ gegen die angebliche „Beschädigung Deutschlands“ durch „illegale Masseneinwanderung“ etwas damit zu tun haben könnte.

Meine Freiheit ja, deine Freiheit nein

Kritikfähigkeit ist nicht gerade die Stärke der Neuen Rechten. Einerseits fordern die Protagonisten totale „Meinungsfreiheit“ – andererseits wollen sie die nur für sich selbst gelten lassen. Darunter verstehen sie das Recht, ihre tatsächlichen oder vermeintlichen Gegner jederzeit und überall mit Beschimpfungen zu überschütten. Richtet jedoch jemand das Licht auf sie und ihre Aktivitäten, dann sehen sie darin mindestens Rufmord, wenn nicht gar einen Aufruf zu Gewalttaten. In jedem Fall einen Skandal. Und sie gehen aggressiv dagegen vor, in der Regel mit einer Kombination aus bösen Tweets und Klagen vor Gericht

Der Verlag Rowohlt Polaris scheint das erwartet zu haben. Man sieht es sportlich. In einer Rundmail an Rezensenten des Buches heißt es:

Schon einige Tage vor der Veröffentlichung hatten neurechte Strategen versucht, das Buch juristisch zu stoppen. Seitdem sind ein halbes Dutzend juristische Beschwerden beim Rowohlt-Verlag eingegangen. Bisher konnten den Autoren jedoch keine Fehler nachgewiesen werden.

Kontroversen um ihr Werk haben Buchautoren selten geschadet.  Das sollten die neurechten Autoren aus eigener Erfahrung eigentlich wissen. Tatsächlich dürfte ihr Shitstorm den Verkaufszahlen eher zuträglich sein.  Und das ist gut, denn dieses Buch sollte viele Leser finden.

Björn Höcke. Foto: © Katia Vasquez Pacheco
Ein deutscher Mann, für den die späte Geburt keine Gnade ist: Björn Höcke

Alle Fotos: © Katia Vasquez Pacheco

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