Michel Houellebecqs Roman ‚Serotonin‘: Keine Erlösung

Nichts singt sich leichter als der Abgesang. In seinem neuen Roman Serotonin treibt der französische Schriftsteller Michel Houellebecq Westeuropa in den Suizid. Viele Kritiker glauben eher, das kreative Schaffen des preisgekrönten Provokateurs sei am Ende angekommen. Sie haben Unrecht.

„Trump ist ein guter Präsident“

So lautete der griffige Titel eines Essays in der US-Politikzeitschrift Harper’s Magazine, der im Dezember wohl kalkulierte Wellen schlug. Darin erklärte Michel Houellebecq seine Vorliebe für die Politik des US-Präsidenten, der – davon kann man wohl ausgehen – noch nie etwas von dem Goncourt-Preisträger gehört haben dürfte. Oder vom Prix Goncourt. Der Harper’s-Text an sich ist zwar eher belanglos. Doch der PR-Coup des Houellebecq-Verlegers Flammarion glückte. Dem Release des neuen Romans, etwa fünf Jahre nach Unterwerfung, war die Aufmerksamkeit der Medien sicher. Anfang Januar ist er auf Deutsch bei Dumont erschienen.

Michel Houellebecq: Serotonin. Erschienen im DuMont Verlag.
Michel Houellebecq: Serotonin. Erschienen im DuMont Verlag.

Ich bin sechsundvierzig Jahre alt, ich heiße Florent-Claude Labrouste, und ich hasse meinen Vornamen. Ich glaube, er geht auf zwei Familienmitglieder zurück, die mein Vater und meine Mutter jeweils ehren wollten; das ist umso bedauerlicher, als ich meinen Eltern darüber hinaus durchaus nichts vorzuwerfen habe, sie waren in jeder Hinsicht ausgezeichnete Eltern und haben ihr Bestes getan, mich mit den notwendigen Waffen für den Lebenskampf zu rüsten, und wenn ich letztlich versagt habe, wenn mein Leben in Trauer und Leiden endet, dann kann ich sie nicht dafür verantwortlich machen, sondern nur eine Verkettung von Umständen, auf die ich noch zu sprechen kommen werde […]

Mit diesen zwei Sätzen, von denen der zweite über die Hälfte der Seite einnimmt, stellt sich der Protagonist von Serotonin vor. Wie jede Houellebecq-Figur ist Florent-Claude frustriert und wirft gern mit frauenfeindlichen Sprüchen um sich. Ein fiktives Antidepressivum beraubt ihn seiner Potenz und ganz allgemein der Lebenslust, unaufhaltsam steuert er auf den eigenen Suizid zu. Zuvor lässt er jedoch sein Leben noch einmal Revue passieren und blickt in der Gegenwart auf ein Europa, das dem Untergang geweiht ist.

Freiheit als Last und Qual

Houellebecqs Welt ist zynisch und generell freudlos. Die ätzenden Attacken auf liberale Werte wie die Gleichberechtigung, die er seinen Figuren in den Mund legt, ließen sich leicht als billige Provokationen abtun, würden sie nicht mit einer treffenden Gegenwartsanalyse einhergehen. Der preisgekrönte Autor glaubt offenkundig nicht an die Fähigkeit des Menschen zum Glück. Individuelle Freiheit erscheint als Qual, der man sich entledigen sollte. In seinen bisherigen Romanen hat Houellebecq verschiedene Auswege aus dem Dilemma erkundet, nur um sie dann wieder zu verwerfen.

Bereits in Ausweitung der Kampfzone (1994) ließ der Autor seinen namenlosen Protagonisten an Einsamkeit und zwischenmenschlicher Kälte zerbrechen. Die Sexualität erschien als neoliberaler Markt, auf dem eine kleine Elite die Ressourcen kontrolliert, während die Mehrheit leer ausgeht. Jegliche Form von Liebe ist unmöglich. Plattform (2001) setzte diesen Gedanken fort, imaginierte jedoch einen Ausweg: Organisierter Sextourismus könne die Marktkräfte nutzen, um das Problem zu lösen. Das schlichte Konzept: Die Armen geben ihre Körper, die Reichen ihr Geld. Die Globalisierung des Sex-Marktes könnte die Ressourcen neu verteilen, so die fragwürdige Idee. Doch es kommt anders: Ein islamistischer Terrorakt durchkreuzt die Pläne. Weil das Buch kurz vor dem 11. September herauskam, wurden dem Autor damals prophetische Fähigkeiten unterstellt.

Überwindung des Irdischen

Elementarteilchen (1998) zeigte das Leiden zweier Halbbrüder: der eine sexsüchtig, der andere depressiv und zurückgezogen. Beide scheitern am Leben und der Suche nach dem Glück. Das Altern erscheint als grausame Folter. Dennoch gelingt es einem der beiden, der Nachwelt einen Ausweg zu eröffnen, denn seine wissenschaftliche Forschung bildet die Grundlage für eine neuen Menschenrasse. Die kommt ohne Individualität aus, pflanzt sich durch Klonen fort und altert nicht. Problem gelöst? Nicht wirklich.

In Möglichkeit einer Insel (2005) sucht ein zynischer Komiker nach der Liebe. Ein New-Age-Kult namens Elohimismus gibt den atheistischen, nach Spiritualität hungernden Westeuropäern eine schräge Ersatzreligion. Erneut erscheint die Gentechnik als Weg aus dem Jammertal. Denn die Sekte erschafft geklonte Menschen. Die beinahe gnostisch anmutende Idee einer Überwindung aller fleischlichen Lust wird zu Ende gedacht. Aber die ewige Existenz ohne Bedürfnisse stellt sich als ziemlich öde Angelegenheit heraus.

Vorwärts in die Vergangenheit

In Karte und Gebiet (2010) kehrte Houellebecq wieder ins Frankreich der Gegenwart zurück. Ein Land im Niedergang, dessen westliche Werte keinen Reiz mehr bieten und dessen Hochkultur zu einen flachen Witz verkommen ist. Der gefeierte Künstler Jed Martin konvertiert zum Katholizismus, zieht sich zurück auf das Land. In raumgreifenden Überlegungen erklärt die Hauptfigur ihre wachsende Abneigung gegen die Moderne, beispielhaft verkörpert in der funktionalistischen Architektur Le Corbusiers. Der Protagonist flieht buchstäblich in den Wald, das ländliche Frankreich bildet – für eine gewisse Zeit zumindest – einen Fluchtpunkt.

Der Niedergang Westeuropas wurde in Unterwerfung (2015) auf die Spitze getrieben. Die liberale Gesellschaft ist sich selbst zu viel geworden, bereitwillig geben die Franzosen die Demokratie und die Idee individueller Freiheit auf, um sich einem autoritären Islam unterzuordnen. Die Folge ist die Wiedereinrichtung des uneingeschränkten Patriarchats und eine Art Rückkehr des römischen Reiches der augusteischen Zeit. Europa flieht, wie bereits in Karte und Gebiet vorgezeichnet, vor der Zukunft in die Tradition. Voreilige Kritiker glaubten, mit Unterwerfung habe sich der vermeintliche Querdenker endgültig als Reaktionär entlarvt. Und tatsächlich erfreut sich dieses Buch einer gewissen Beliebtheit in der intellektuellen Rechten. Doch so einfach ist es nicht.

Serotonin – Flucht ist unmöglich

Kann also die Rückkehr in die Vergangenheit einen Ausweg bieten? Könnte der frustrierte und verunsicherte Europäer – der alternde, weiße Mann – dort vielleicht ein wenig Freude finden? Genau an diesem Punkt setzt Serotonin an. Der Protagonist lebt im Totem-Hochhaus im 15. Arondissement von Paris. Das Gebäude wurde 1979 von den Architekten Michel Andrault und Pierre Parat errichtet, die mit zahlreichen futuristischen Bürogebäuden das Erscheinungsbild der Hauptstadt geprägt haben. Der Architekturstil steht für jene Fortschrittsbegeisterung, die das westliche Selbstverständnis bis etwa Mitte der 1990er Jahre weitgehend unwidersprochen prägte.

Doch Florent-Claude Labrouste hält es dort nicht mehr aus. Er flieht, lässt seine ungeliebte Ehefrau und sein altes Leben zurück. Zuerst zieht er in ein Hotel, dann führt ihn die Flucht aufs Land. Canville-la-Rocque ist eine winzige Gemeinde mit etwa 130 Einwohnern, gelegen auf einer Halbinsel an der Küste der Normandie. Als Gast eines heruntergekommenen Freundes aus altem Adel erlebt der Protagonist eine Revolte wütender Milchbauern. Der wirre Protest entzündet sich an zu niedrigen Milchpreisen, wird aber schnell zum Ausdruck einer Wut, die seit Langem im Untergrund gärte.  La France profonde, das vermeintlich „tiefe“ Frankreich der Provinz begehrt auf gegen Paris, gegen die Stadt im Allgemeinen, gegen die Moderne und alles, was damit zu tun hat.

Auch das Gestern hat keine Antwort

Der Bauernaufstand eskaliert zu einer Gewaltorgie, von Anfang an ist er zum Scheitern verurteilt. Das einzige, was Florent-Claude davon bleibt, ist eine Waffe. Ein Gewehr österreichischen Fabrikats mit dem schönen Namen Steyr Mannlicher. Doch der archaische Rückgriff auf Tradition und Patriarchat, der in Unterwerfung noch verheißungsvoll erschien, stellt sich ebenfalls als unsinniger Holzweg heraus. Auch vom romantischen Mythos ist also keine Erlösung zu erwarten. Es bleibt nur ein neuer Versuch: der Suizid.

Einige Kritiker behaupten, der Autor habe in Serotonin die Revolte der sogenannten Gelbwesten vorausgesehen. Das ist natürlich Unsinn. Houellebecq hat ganz einfach eine Sensibilität für die Welt außerhalb der urbanen, gebildeten Filterblase. Die meisten Feuilletonisten haben keinen blassen Schimmer davon. Nur deshalb können sie den Romancier für einen Propheten halten. Oder einen Reaktionär. Oder einen bloßen Provokateur.

Serotonin bietet keine mitreißende Handlung. Sein  hintergründiger Humor macht vermutlich nicht jedem Leser so viel Freude wie dem Rezensenten. Doch ohne Zweifel handelt es sich um einen ausgezeichneten Roman, der intellektuell herausfordert. Und er macht Lust auf das nächste Buch des großen Franzosen, in dem wir dann vielleicht erfahren, wie man es als alter, weißer Mann schaffen kann, auch nach dem Freitod noch jämmerlich zu leiden.

Alle Bilder: Wikicommons

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Théodore Rousseau: Markt in der Normandie (um 1832). Das "tiefe Frankreich" widersetzt sich der Dominanz von Paris.
Théodore Rousseau: Markt in der Normandie (um 1832). Das „tiefe Frankreich“ hält seit jeher nicht viel von der Dominanz der Metropole Paris.

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