Künstliche Intelligenz: Dieses Buch dazu solltest du lesen

Die Wissenschaftsjournalistin Manuela Lenzen erklärt in ihrem neuen Sachbuch anschaulich, was künstliche Intelligenz ist. Dabei räumt die promovierte Philosophin verschiedene Mythen aus.

 

  • Künstliche Intelligenz stellt die Gesellschaft vor schwere Herausforderungen.
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  • Manuela Lenzen warnt vor übertriebenen Ängsten, aber auch vor überzogenen Erwartungen.
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  • Auch „intelligente“ Maschinen sind nicht in der Lage, eine Spülmaschine einzuräumen.

 

Ohne künstliche Intelligenz geht heute so gut wie gar nichts mehr. In beinahe jedem Bereich des Lebens spielt sie eine Rolle. Wer soziale Netzwerke wie Facebook benutzt oder auch nur eine Wetter-App, hat es mit Algorithmen zu tun. Smarte Programme sortieren Informationen und entscheiden, welche wir sehen. Sprachassistenten wie Alexa haben Einzug in unsere Wohnungen gehalten. Und die großen Tech-Konzerne sorgen mit provokativen neuen Projekten für Aufregung.

Schöne, neue Einkaufswelt

Am 22. Januar eröffnete Amazon in Seattle einen kassenlosen Supermarkt für die Öffentlichkeit. Der Vorteil: Bei Amazon Go gibt es keine Schlangen und kein lästiges Warten beim Bezahlen. Die Kunden greifen einfach ins Regal und nehmen die Produkte, die sie kaufen möchten. Dann gehen sie damit nach draußen. Abgerechnet wird über eine App. Nur wenige Minuten nach Verlassen des Geschäfts erhält der Kunde seine Rechnung auf das Smartphone gesendet. Der Betrag wird automatisch vom Amazon-Konto abgebucht. Amazon nennt das Prinzip „Just Walk Out“. Für Datenschützer ist es ein Alptraum.

Manuel Lenzen: Künstliche Intelligenz (C.H. Beck)
Manuel Lenzen: Künstliche Intelligenz (C.H. Beck)

Denn das bequeme Shopping-Erlebnis wird durch umfassende Videoüberwachung ermöglicht. Hunderte von Kameras beobachten jede noch so kleine Bewegung des Kunden. Zusätzlich erkennen Gewichtssensoren im Regal, wenn ein Artikel entnommen wird. Das Programm sucht nach Mustern im Verhalten der Menschen. Es ist lernfähig und wird immer besser darin, die Körpersprache zu interpretieren. Nach eigenen Angaben setzt der Konzern jedoch keine Gesichtserkennung ein. Offenbar hatte Amazon am Ende doch Skrupel. Denn viele Verbraucher stehen der totalen Überwachung eher skeptisch gegenüber.

Hintergrund

Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ wurde erstmals 1955 verwendet. Damals reichte der 28jährige Assistenzprofessor John McCarthy einen Förderantrag für ein ambitioniertes Projekt ein. Der Mathematiker wollte laut Antrag erforschen

wie Maschinen dazu gebracht werden können, Sprache zu benutzen, Abstraktionen und Begriffe zu bilden, Probleme zu lösen, die zu lösen bislang dem Menschen vorbehalten sind, und sich selbst zu verbessern.

Der Name des Projekts: „Artificial Intelligence“. Niemand konnte ahnen, welche Rolle dieses Thema 63 Jahre später spielen würde.

Solides Grundlagenwissen über künstliche Intelligenz

Manuela Lenzens Buch erklärt die Grundlagen auf verständliche Weise. Man muss kein Nerd sein, um den anschaulichen Beschreibungen folgen zu können. Gleich zu Beginn fragt die Philosophin, was KI eigentlich ist. Denn das gar nicht so klar definiert, wie man meinen könnte. Das liegt nicht zuletzt daran, dass auch die menschliche Intelligenz nicht vollständig erforscht ist. Wir wissen relativ wenig darüber, wie unser Denken funktioniert.

Fest steht jedoch: Maschinen denken nicht wie Menschen, auch wenn sie mitunter den Anschein erwecken. Sie besitzen keine Intuition und kein wirkliches Verständnis. Zwar können Maschinen große Datenmengen nach Mustern und Unregelmäßigkeiten durchsuchen. Aber sie verstehen letztlich nicht, was diese Daten bedeuten.

Durch verbesserte Rechnerleistungen ist es heute möglich, enorme Datenmengen zu bearbeiten. Das ermöglicht das sogenannte „Deep Learning“. Künstliche neuronale Netzwerke orientieren sich am Aufbau des menschlichen Gehirns. Das System „lernt“, indem es seine Struktur verändert. Während es Informationen aufnimmt, bildet es neue Verbindungen und verstärkt bestehende. Das ist die Grundlage zum Beispiel für Gesichtserkennung.

Was erwartet uns?

Die fortschreitende Digitalisierung verändert Forschung, Wirtschaft und die Arbeit grundlegend. Roboter werden immer menschenähnlicher. Maschinen spielen Schach und produzieren sogar Kunst. Der zweite Teil des Buches trägt den Titel „Was uns erwartet“. Die Autorin widmet sich hier auch ethischen Fragen, die sich aus dem Fortschritt ergeben.

Selbstfahrende Autos zum Beispiel werden im Moment vor allem als Risiko angesehen. Diskussionen in Medien und Politik fragen: Wie gefährlich ist die neue Technik? Darf man sie zulassen? Doch die Hauptursache für Verkehrsunfälle ist menschliches Versagen. Schon in naher Zukunft könnten Maschinen in der Lage sein, Verkehrstote zu verhindern. Dann wäre die Gesellschaft moralisch sogar dazu verpflichtet, den Menschen das Steuer aus der Hand zu nehmen, argumentiert die Philosophin.

Noch problematischer ist der Einsatz künstlicher Intelligenz im Krieg. Momentan gibt es keine vollständig autonomen Systeme. Kampfdrohnen wie das US-amerikanische Modell „Reaper“ werden von Menschen gesteuert. Sie setzen ihre Waffen nicht selbständig ein. Doch die Maschine kann Handlungsoptionen vorschlagen. Piloten können dazu neigen, diesen Empfehlungen zu folgen. Menschenrechtler fordern international gültige Reglementierungen und generell ein Verbot autonomer Waffensysteme.

Algorithmen halten der Gesellschaft den Spiegel vor. Denn sie neigen dazu, bestehende Verhältnisse als gegeben anzusehen. Wenn in einem von Minderheiten bewohnten Stadtteil viele Polizeieinsätze stattfinden, folgert das Programm: Minderheiten sind gefährlich. Würden Algorithmen anhand der Daten über die Vergabe von Bankkrediten entscheiden, hätten Menschen mit geringem Einkommen noch schlechtere Chancen. Denn frühere Entscheidungen werden nicht hinterfragt, sondern einfach als Datenmaterial angesehen. So können soziale Ungerechtigkeiten zementiert werden.

Fazit: Lesenswert und informativ.

Die Autorin warnt vor verzerrten Wahrnehmungen: Übertriebene Ängste vor dem möglichen Kontrollverlust des Menschen weist sie zurück. Aber auch wer hofft, dass Digitalisierung und Vernetzung die Probleme der Welt lösen können, muss enttäuscht werden. Im Moment ist künstliche Intelligenz noch nicht einmal in der Lage, eine Spülmaschine einzuräumen. Diese Aufgabe ist zu komplex. In anderen Bereichen kann die Technik den Menschen unterstützen. Die Gesellschaft muss den technologischen Fortschritt verstehen und lernen, mit den tiefgreifenden Veränderungen umzugehen. Manuela Lenzen vermittelt in ihrem Buch wichtiges Grundlagenwissen dafür.

Manuela Lenzen: Künstliche Intelligenz ist im Februar 2018 beim Verlag C.H.Beck erschienen. 272 Seiten. ISBN: 78-3406718694.

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Bild oben: Pete Linforth / TheDigitalArtist