Kunstfreiheit in Gefahr: Sind wir alle zu empfindlich?

Hanno Rautenberg ist in Sorge um die Kunstfreiheit. Sein Essay „Wie frei ist die Kunst?“ ist kürzlich bei suhrkamp erschienen.

Am 7. September drehte ein Team des Satirikers Schlecky Silberstein in Berlin-Lichtenberg einen Satire-Film für das TV-Format „Bohemian Browser Ballett“. Der inzwischen veröffentlichte Clip ist eine Parodie auf die rassistischen Ausschreitungen in Chemnitz und den medialen Zirkus darum. Neben klischeehaften Nazi-Shinheads und verschiedenen skurrilen Figuren ist auch ein AfD-Stand zu sehen. Einige Anwohner am Drehort, dem Anton-Saefkow-Platz, waren verwirrt von dem Szenario. Der Blogger:

Geduldig erklärten wir das Set und die Story, bemerkenswert vielen Menschen mussten wir auch die Kunstfreiheit erklären.

Schlecky Silberstein

Doch damit war es nicht getan. Einige Zaungäste vermuteten, in diesem Film könnten „Hetzjagden“ gestellt werden, um die AfD zu diffamieren. Vorwurf: Lügenpresse. Schnell kursierten entsprechende Gerüchte im Internet. Der AfD-Abgeordnete Frank-Christian Hansel fuhr daraufhin persönlich mit einem Kameramann zum Büro der Produktionsfirma und drehte einen eigenen Clip. Als der im Netz veröffentlicht wurde, waren Name und Anschrift deutlich zu sehen. Die Folge: Die Filmemacher erhielten antisemitische Hass-Mails und Gewaltandrohungen.

Eigentlich hatte Schlecky Silberstein eine Satire gedreht, bei der nicht nur die AfD, sondern auch zum Beispiel Gegendemonstranten und Event-Sponsoren ihr Fett weg kriegen. Aber darum ging es längst nicht mehr. Die beleidigten Rechtspopulisten wollten nicht hinnehmen, dass sie in einem Film anders dargestellt werden, als sie sich selbst sehen.

Drohungen und Einschüchterungsversuche

Dass die AfD mit der Kunstfreiheit auf Kriegsfuß steht, ist keine Neuigkeit. Schon 2015 versuchten Partei-Funktionäre und Aktivisten aus dem Umfeld, die Aufführung des Theaterstücks „FEAR“ an der Berliner Schaubühne zu unterbinden. In dem Stück von Falk Richter waren unter anderem die Abgeordnete Beatrix von Storch und die rechtskatholische Autorin Gabriele Kuby zu sehen – als Hexen. Und Pegida-Demonstranten erschienen als Zombies. Kurze Clips davon kursierten auf Facebook und Twitter. Und brachten die bundesweite Wutbürger-Szene zum Schäumen.

Eigentlich reflektierte das Theaterstück die Angst des linksliberalen Bildungsbürgertums vor einem Rechtsruck. Doch für das Spiel mit Ironie und Doppelbödigkeit hatten die rechten Kulturkämpfer keinen Sinn. Kuby verklagte die Schaubühne, AfD-nahe Websites und Zeitungen unterstützten sie dabei medial. Die Folge war ein jahrelanger Rechtsstreit, der erst im Juli 2018 endete, mit einem Teilerfolg für Kuby. Auch hier stellten sich die Rechten als Opfer einer Kampagne dar. Tatsächlich waren sie es aber, die unliebsame Kritiker zum Schweigen bringen wollten.

Hanno Rautenberg: Angriffe auf Kunstfreiheit aus allen Richtungen

Der Autor Hanno Rauterberg sieht Angriffe auf die Kunst jedoch nicht nur von rechts, sondern von verschiedenen Seiten. Rauterberg ist Kunsthistoriker und Redakteur beim Feuilleton der „Zeit“. In seinem aktuellen Buch „Wie frei ist die Kunst?“ umreißt er eine komplexe Problemlage. Seine zentrale These: In den allgegenwärtigen Kulturkämpfen der „Digitalmoderne“ droht die Kunstfreiheit unter die Räder zu geraten.

Gemälde ‚Die Freiheit führt das Volk‘ von Eugène Delacroix
Gemälde ‚Die Freiheit führt das Volk‘ von Eugène Delacroix, 1830

Im März diesen Jahres sorgte Facebook für Schlagzeilen. Das Unternehmen zensierte das Revolutions-Gemälde „La Liberté guidant le peuple“ („Die Freiheit führt das Volk“) des französischen Malers Eugène Delacroix. Die Begründung: Nackte Brüste sind im sozialen Netzwerk verboten. Der Tech-Konzern ruderte jedoch schnell zurück und entschuldigte sich: Das Kunstwerk sei „regelkonform“, dürfe also gezeigt werden. Das klingt zwar banal. Folgt man aber Rauterbergs Überlegungen, dann kann diese Posse als symptomatisch gelten für ein gewandeltes Kunstverständnis. Offenbar sieht Facebook keinen Unterschied zwischen einem der bedeutendsten Gemälde der Romantik und dem Selfie eines x-beliebigen Users.

Das Museum als Ort der Selbstbefragung und Selbstbefremdung verliert an Bedeutung. Es regiert der identifikatorische Blick, wie er bei Instagram, Facebook und Co. eingeübt wird.

Hanno Rauterberg

„Ich war schockiert“

Im Zuge der #MeeToo-Bewegung geriet auch das renommierte New Yorker Metropolitan Museum of Art in die Kritik. Eine Online-Petition warf der Institution vor, Kindesmissbrauch zu fördern – durch Kunst:

Als ich am vergangenen Wochenende ins Metropolitan Museum of Art ging, war ich schockiert, ein Bild zu sehen, das ein junges Mädchen in einer sexuell suggestiven Pose darstellt. Balthus‘ Gemälde, Thérèse Dreaming, ist ein eindrucksvolles Porträt eines vorpubertären Mädchens, das sich mit hochgezogenen Beinen und entblößter Unterwäsche auf einem Stuhl entspannt.

Petitionstext von Mia Merril

Die Beschreibung des Bildes ist zutreffend. Doch nur wenige Kunstliebhaber fühlten sich davon bisher aufgefordert, in der Realität einen sexuellen Missbrauch zu verüben.

Bemerkenswert: Die Initiatorin Mia Merrill stellte sich selbst als unbedarfte Besucherin dar, die durch eine spontane und beinahe zufällige Begegnung mit anstößiger Kunst „schockiert“ wurde. Tatsächlich hat Merrill aber Kunstgeschichte studiert und engagiert sich seit Jahren in feministischen Kontexten. Das Werk des bereits zu Lebzeiten umstrittenen Künstlers Balthus dürfte ihr also sehr gut bekannt gewesen sein. Dennoch argumentierte Merill mit ihrem Bauchgefühl. Das kam an: Mehr als 11.000 Menschen unterzeichneten die Petition online.

Später fügte die Initiatorin hinzu: Sie wolle Thérèse Dreaming weder verbieten noch zerstören. Das Museum solle das Gemälde aber mit einem Warnschild versehen: „Manche Betrachter finden dieses Bild verstörend.“ Dieser Vorschlag mag aus Merrills Sicht vernünftig klingen. Der Museumsbesucher soll vor den eigenen Empfindungen geschützt werden. Aber Balthus‘ Werk gilt gerade deshalb als bedeutsam, weil es Unwohlsein verursacht. Für Hanno Rauterberg stellt die Forderung nach Trigger-Warnungen das Publikum als „unmündig“ dar.

Unser Schmerz gehört uns

Der Autor zitiert aus vielen weiteren Fallbeispielen. Die New Yorker Malerin Dana Schutz etwa thematisierte 2016 in ihrem Gemälde „Open Casket“ einen realen Lynchmord an dem schwarzen Teenager Emmett Till in den 1950er Jahren. Anti-Rassismus-Aktivisten warfen der weißen Künstlerin daraufhin „cultural appropriation“ vor, also die ungerechtfertigte Aneignung fremder Kulturgüter. Schutz habe vom Leid schwarzer US-Bürger profitieren wollen, behauptete der Kunstaktivist Parker Bright. Deshalb müsse ihr Bild abgehängt werden.

Dana Schutz hatte versucht, die Grausamkeit eines rassistischen Mordes zu zeigen. Doch nun sah sie sich demselben Vorwurf ausgesetzt wie verschiedene Popstars. 2012 zum Beispiel hatte ein Musikvideo der Band „No Doubt“ einen Shitstorm ausgelöst. Darin war die Sängerin Gwen Stephanie in einer klischeehaften Kostümierung als nordamerikanische Ureinwohnerin zu sehen. Ohne Zweifel eine banale Reproduktion rassistischer Stereotype.

Der pauschale Vorwurf der kulturellen Aneignung differenziere aber nicht zwischen der Auseinandersetzung mit dem Rassismus und dem Rassismus selbst, meint Rautenberg. Der Dogmatismus der Aktivisten könne die gesellschaftliche Debatte unterdrücken. Denn, so der Autor, die Kritiker berufen sich ausschließlich auf ihre eigene verletzliche Identität. „Überindividuell gültige Argumente“ ließen sie nicht gelten. Ein produktiver Diskurs sei so nicht möglich. Rautenberg schließt sich hier linken Philosophen wie Slavoj Žižek oder Robert Pfaller an.

Benno Rauterberg: Wie frei ist die Kunst?
Benno Rauterberg: Wie frei ist die Kunst?

Schuld an allem: die böse „Digitalmoderne“

Kunst ist heute nicht mehr nur im Museum oder im Theater zu sehen, sondern auch im Netz. Also überall. Deshalb erreicht sie auch Menschen, die eigentlich gar kein Interesse an ihr haben. Wer ohnehin dünnhäutig ist und sich schnell provoziert fühlt, kann mit wenigen Klicks etwas finden, über das er sich aufregen kann. Und jeder kann sich an der Debatte um die Frage beteiligen, ob ein bestimmtes Kunstwerk entfernt oder verhindert werden sollte.

Eine neue Buchstäblichkeit, die zwischen Fiktion und faktischer Welt nicht unterscheiden mag, zeugt davon, dass die Kunst als relativierende Kraft kaum mehr gewollt wird. Ihre Scheinhaftigkeit unterliegt dem Verlangen nach Seinsgewissheit.

Hanno Rautenberg

Mit scharfem Blick analysiert Hanno Rautenberg in „Wie frei ist die Kunst?“ die wachsende Empfindlichkeit in der Gesellschaft. Das belegt er an vielen Beispielen, ohne diese jedoch gleichzusetzen. Statt Polemik liefert der Autor sachliche Auseinandersetzung. Seiner Ansicht nach führt die Reizüberflutung in der „Digitalmoderne“ dazu, dass viele Menschen Halt suchen in strengen Moralvorstellungen und die eigene Verletzlichkeit zum Maß aller Dinge erklären. Die Kunstfreiheit werde aufgerieben zwischen den vielen Fronten eines erbarmungslosen Kulturkampfes. Doch sie sei zu wichtig, um sie einfach aufzugeben.

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