Meister der Inszenierung: Berliner Ausstellung ‚Künstler Komplex‘

Die Ausstellung Künstler Komplex zeigt ab 29. Juni Porträtfotos von Künstlern aus der Sammlung Platen in Berlin. Ein faszinierender Blick auf die Inszenierung und Selbstinszenierung der bedeutendsten Kreativen des letzten Jahrhunderts.

Die Ausstellung versammelt 180 Fotografien, die zwischen 1917 und 2000 entstanden sind. Viele der Bilder stammen von berühmten Fotografinnen und Fotografen wie Berenice Abbot oder Henri Cartier-Bresson. Doch bei anderen ist der dargestellte Künstler bekannter als der eigentliche Schöpfer des Werks. Zu sehen sind ikonenhafte Bilder zum Beispiel von Frida Kahlo, Joseph Beuys, Andy Warhol oder Pablo Picasso. Einige der Werke sind inzwischen längst Teil der Popkultur geworden. Sie entstammen der Sammlung der Fotoreporterin Angelika Platen, die selbst eine bedeutende Porträtfotografin ist.

Künstler Komplex ist eine Reise durch die Kunstgeschichte

Im vergangenen Jahrhundert hat sich die Fotografie von einer Methode der Abbildung der Wirklichkeit zur eigenständigen Kunstform entwickelt. Ein wichtiges Zentrum war Paris, wo in den 1930er Jahren Man Ray und Cartier-Bresson wirkten. Dort fotografierte die Autodidaktin Ilse Bing mit einer handlichen Leica-Kamera, was seinerzeit einigermaßen revolutionär war. Die Ausstellung zeigt ein berühmtes Selbstporträt dieser allzu oft übersehenen Pionierin.

Die Leica verdeckt das Gesicht der Künstlerin teilweise. Doch die Augen schauen darüber hinweg und fixieren den Betrachter. Und ein Spiegel links im Bild zeigt Bling im Profil. Minutiös inszeniert die Künstlerin ihren eigenen Blick – auf sich selbst, auf das Gegenüber und auf die Welt.

Ilse Bing: Selbstporträt, 1931 (cea + / Flickr / CC2.0)
Ilse Bing: Selbstporträt, 1931 (cea + / Flickr / CC2.0)

Doch Blings außergewöhnliches Bild bildet auch in der Ausstellung „Künstler Komplex“ eine Ausnahme. Nur ein Porträt des Pop-Art-Malers Roy Lichtenstein, das Ken Heyman 1964 aufnahm, beschäftigt sich in ähnlicher Weise mit dem Spiegelbild. In den meisten Werken richtet sich der Blick von außen auf den Kunstschaffenden.

Der Künstler und sein Werk

Die Kuratorin Jadwiga Kamola hat die Schau in drei Bereiche geteilt. Dabei greift ihr Konzept Theorien des Psychoanalytikers Carl Gustav Jung auf. Der erste Abschnitt „Persona“ stellt die Frage, wie die Individualität inszeniert wird. Denn in der Vorstellung Jungs trägt der Mensch eine soziale Maske. Was bleibt dahinter verborgen, was wird gezeigt? Mehrere Bilder von Pablo Picasso zum Beispiel werfen die Frage auf, ob es sich tatsächlich um ein und dieselbe Person handelt.

Danach richtet der Teil „Kreativität“ das Augenmerk auf den Schaffensprozess. Hier beobachtet der Fotograf den Künstler bei der Arbeit. Im Atelier entsteht aus der Fantasie durch die Arbeit der Hand ein Produkt. Wir erkennen einen schwierigen Prozess, in dem der Schöpfer beinahe zu verschwinden scheint. Und in der dritten Sektion „Pygmalion“ schließlich sehen wir den Künstler gemeinsam mit seinem Kunstwerk. Wie der antike Bildhauer Pygmalion scheint manch ein kreativer Kopf ganz in das Werk seines Geistes verliebt zu sein. Und das wirkt durchaus ansteckend.

Die vielschichtige und spannende Ausstellung „Künstler Komplex – Fotografische Porträts von Baselitz bis Warhol. Sammlung Platen“ führt den Besucher durch die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Jedes einzelne Foto erscheint als Stein eines Mosaiks. Das Mosaik unserer Vorstellung davon, was einen Künstler ausmacht. Die Schau ist noch bis zum 7. Oktober im Museum für Fotografie in der Charlottenburger Jebensstraße zu sehen.

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Ken Heyman: Roy Lichtenstein, 1964 (© Ken Heyman)
Ken Heyman: Roy Lichtenstein, 1964 (© Ken Heyman)