Kommende Supermacht China: Die Welt des Xi Jinping

Xi Jinping ist seit 2013 Staatspräsident der Volksrepublik China und das Gesicht der aufstrebenden Weltmacht. In seinem neuen Sachbuch Die Welt des Xi Jinping zeichnet der China-Experte Kerry Brown ein Bild der politischen Elite Beijings.


  • Brown: Präsident Xi Jinping ist kein „typischer“ Autokrat, sondern Produkt der Partei.

  • Chinas Aufstieg ist langfristig nicht aufzuhalten.

  • Das „Reich der Mitte“ geht einen eigenen Weg in die globalisierte Moderne.

  • Anfang September trafen sich beinahe alle afrikanischen Staatschefs in Beijing. Beim China-Afrika-Forum kündigte der chinesische Präsident Xi Jinping massive Finanzhilfen für den Kontinent an. China wird in den kommenden Jahren insgesamt 60 Milliarden US-Dollar bereitstellen, größtenteils in Form zinsloser Kredite. Mit chinesischem Geld werden Straßen, Eisenbahnlinien, Häfen und Airports gebaut. Außerdem Freihandelszonen, die den Handel mit China erleichtern.

    Die Investitionen sind Teil des gigantischen Infrastruktur-Projekts „Neue Seidenstraße“. Dessen Ziel ist es, neue Märkte, Handelsrouten und Energiequellen zu erschließen. Insgesamt sind 60 Länder involviert. Bis 2050 will China zur globalen Führungsmacht aufsteigen. Europa und die Vereinigten Staaten haben dem nichts entgegenzusetzen. Mit einer Mischung aus Faszination und Angst schaut der Westen auf die rasante Entwicklung.

    Kerry Brown will mit seinem Buch das Verständnis erleichtern.

    Wer ist Xi Jinping?

    Xi Xinping gehört der sogenannten „Fünften Führungsgeneration“ der Kommunistischen Partei an. Als Sohn eines Spitzenfunktionärs wuchs er in privilegierten Verhältnissen auf. Doch während der Kulturrevolution verhafteten die Roten Garden seinen Vater. Damals hatte Mao Zedong die Jugend des Landes zum Kampf gegen die politische Elite aufgerufen. So wollte er seinen Rivalen schaden. Das Ergebnis war ein Jahrzehnt beispiellosen Terrors, dessen Schrecken bis heute nachwirkt.

    Wie viele andere Jugendliche und Studenten aus der Parteielite wurde Xi aufs Land verbannt. Dort bestimmten Armut und harte Arbeit für mehrere Jahre sein Leben. Angeblich musste er in einer Höhle wohnen. Die Landbevölkerung verachtete die jungen Städter in der Regel. Sie sahen in den empfindsamen Gebildeten nur nutzlose Esser. Denn für die Feldarbeit waren sie kaum zu gebrauchen. Für den jungen Xi sei diese Erfahrung traumatisch und prägend gewesen, schreibt Kerry Brown in seinem Buch:

    Mao war der beste Lehrer und Vollstrecker der Weisheit, dass in der chinesischen Politik sich der Sieger alles nimmt. In diesem Sinne, und möglicherweise nur in diesem Sinne, ist Xi ein moderner Maoist. 

    Kerry Brown

    Kerry Brown ist Sinologie-Professor am Londoner King’s College. Er gilt weltweit als seiner der renommiertesten China-Experten und hat mehrere englischsprachige Bücher zum Thema verfasst. 2012 zum Beispiel legte Brown eine Biografie von Xis Amtsvorgänger Hu Jintao vor. Das aktuelle Sachbuch Die Welt des Xi Jinping ist beim Verlag S. Fischer in deutscher Übersetzung erschienen. Es bietet weniger eine Biografie als eine allgemeine Einführung in die aktuelle chinesische Politik.

    Die Macht der Partei

    Xi Jinpings Macht basiert auf der Partei, betont Brown. Von außen mag der Staatspräsident wie ein Alleinherrscher erscheinen. Doch im Gegensatz zu Autokraten wie Putin oder Erdogan sei Xi viel mehr Produkt des politischen Establishments. Eine Karriere in der Kommunistischen Partei ist auch heute noch der einzige Weg zu politischer Macht in China. Die Parteikader werden nach wie vor in der marxistischen Ideologie geschult, auch wenn die für die Normalbevölkerung kaum eine Rolle spielt.

    Brown beschreibt die Funktionäre als eine Art Priesterkaste. Deren Glaubenssystem vereint den Maoismus mit diversen Traditionen, etwa den konservativen Werten des Konfuzianismus. Diese komplexe und einigermaßen widersprüchliche Weltanschauung werde von den meisten Menschen zwar nicht geteilt. Aber die Macht der Partei stellen sie dennoch nicht ernsthaft infrage. Denn die KPCh kann Erfolge vorweisen: die Wirtschaftskraft wächst weiterhin und das System ist stabil.

    Die neue Supermacht

    China sei aber kein Land der verängstigten Untertanen, schreibt Brown. Die Parteiführung unterdrücke zwar jede politische Opposition. Aber in anderen Bereichen der Gesellschaft würden zunehmend bestimmte Freiheiten toleriert. Die Führung vollführe einen „Drahtseilakt“ und gebe ihren umfassenden Machtanspruch nur mit äußerster Vorsicht preis. Zu groß sei die Angst vor einem Zusammenbruch des Systems wie Anfang der 1990er Jahre in der Sowjetunion, so Brown.

    Kerry Brown: Die Welt des Xi Jinping
    Kerry Brown: Die Welt des Xi Jinping im Verlag S. Fischer

    Heute ist das „Reich der Mitte“ auf dem besten Wege, die führende Supermacht der Welt zu werden. China ist so stark mit der Weltwirtschaft vernetzt, dass eine Krise Beijings schnell zu einer Kettenreaktion und damit einer Weltwirtschaftskrise werden könnte. Die wachsende Macht weckt Ängste im Ausland. Kerry Brown meint, dass es Xi Jinping und der Kommunistischen Partei momentan nicht gelingt, ihre eigene Weltsicht nach außen zu vermitteln. Auch hadere die Führung mit der wachsenden globalen Führungsrolle des Landes.

    Die Welt des Xi Jinping ist ein ungewöhnliches Buch zum Thema. Denn Brown stellt nicht die Menschenrechtslage ins Zentrum. Und er betont auch nicht die offensichtlichen Widersprüche zwischen Klassenkampf-Rhetorik und Turbo-Kapitalismus. Kerry Brown nimmt die zusammengewürfelte Weltanschauung der chinesischen Partei-Elite ernst. In ihr erkennt er einen alternativen Weg in die globalisierte Moderne. Autoritär – aber stabil, mit der vagen Aussicht auf ein wenig mehr Freiheit in der Zukunft. Dem können offenbar auch die afrikanischen Staatschefs etwas abgewinnen.

    Foto oben: Foreign and Commonwealth Office | Flickr | CC 2.0

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