James Comey hofft auf ein Amerika nach „Katastrophe“ Trump

Der ehemalige FBI-Chef James Comey präsentierte am Dienstagabend in Berlin sein Enthüllungsbuch über den Beginn der Trump-Ära. Amerika werde sich wieder auf seine Werte besinnen, hofft der Mann, der „Giraffe“ genannt wird. 

Lange Schlangen drängten sich vor der Tür des Kino International. Der Saal war bis auf den letzten Platz ausverkauft.  Doch auf dem Programm stand kein Film, sondern Politik. Der ehemalige FBI-Chef James Comey stellte sein Buch „Größer als das Amt“ vor. Das ist zwar schon im April beim Droemer-Knaur-Verlag auf Deutsch erschienen (Originaltitel: „A Higher Loyalty“). Aber erst jetzt kam der prominente Trump-Kritiker nach Deutschland, für einen einzigen Auftritt. Als Comey die Bühne betrat, muss selbst Besuchern in den hinteren Reihen schlagartig klar geworden sein, warum der von seinen FBI-Kollegen „Giraffe“ genannt wurde. Der schlanke Zwei-Meter-Mann überragt seine Umgebung.

James Comey und Hillary Clintons Emails

Im Gespräch mit dem Zeit-Journalisten Holger Stark berichtete Comey von der umstrittensten Pressekonferenz seiner Karriere. Die fand unmittelbar vor den Präsidentschaftswahlen 2016 statt. Als FBI-Chef informierte er die Öffentlichkeit darüber, dass seine Behörde ihre Ermittlungen gegen Hillary Clinton wieder aufgenommen hatte. Der Anlass: Auf einem privaten Laptop waren weitere Emails gefunden worden, die die Kandidatin als Außenministerin verschickt und erhalten hatte. Das widersprach den Sicherheitsvorschriften. Daher musste das FBI prüfen, ob Clinton ihre Pflicht zur Geheimhaltung vernachlässigt hatte.

Das Problem dabei: Donald Trump hatte seine Anhängerschaft mit bizarren Verschwörungstheorien gegen seine Rivalin aufgehetzt. Rechte Medien wie Fox News und Breitbart stellten Clinton als gefährliche Verbrecherin dar. Als Comeys vor die Presse trat, gab er diesen Anschuldigungen zusätzliches Gewicht. Kurz danach wurden die Ermittlungen zwar eingestellt. Sie hatten auch nichts mit den Verschwörungstheorien zu tun. Aber inzwischen war Donald Trump zum Präsidenten gewählt worden – mit einem historisch knappen Ergebnis.

Erstaunlicherweise streitet Comey jedoch heute ab, die Wahl mit seiner Äußerung beeinflusst zu haben. Er „bete dafür“, dass seine Entscheidung keine Auswirkungen auf das Ergebnis gehabt habe, fügt er hinzu und verrät dadurch gewisse Zweifel. Und das nicht ohne Grund. Die Pressekonferenz fand nur elf Tage vor dem Wahltag statt. Die scheinbar explosive Enthüllung hätte im aufgeheizten Klima unmöglich ohne politische Folgen bleiben können. Heute hadert Comey sichtlich mit seiner damaligen Entscheidung. Aber er gibt keinen Fehler zu.

Donald Trump: eine Katastrophe für die USA

Kurz nach der Wahl informierten die Chefs der Sicherheitsdienste den zukünftigen Präsidenten Trump über die russischen Versuche der Wahlbeeinflussung. Der damalige CIA-Chef James Clapper machte bei dem Treffen deutlich: Die Kreml-Kampagne hatte das Ziel, Trump zum Präsidenten zu machen. Trumps Team reagierte eigenartig, erinnert sich Comey. Die Politstrategen fragten nicht, welche Folgen die Einmischung für die US-Politik haben könnte oder wie so etwas in Zukunft verhindert werden könnte. Stattdessen suchten sie sofort nach einem Spin, also einer Geschichte, die sie der Öffentlichkeit auftischen könnten, um nicht negativ dazustehen.

James Comey hat seine Karriere in den 1980er Jahren in New York begonnen. Als junger Staatsanwalt hatte er gegen die New Yorker Mafia ermittelt. Jahrzehnte später erlebte er die Gruppe um Donald Trump hautnah – und fühlte sich augenblicklich an die Cosa Nostra erinnert. Alle Beteiligten hatten nur ein einziges Interesse: Sie wollten Schaden von der Organisation und vor allem von ihrem Anführer abwenden. Der FBI-Chef verdrängte diese Assoziation im ersten Moment, sagt er heute. Kurz darauf wurde er vom Präsidenten zum Essen eingeladen.

Bei diesem inzwischen berüchtigten Termin forderte Trump Comey auf, die Ermittlungen gegen Michael Flynn einzustellen. Flynn wurde illegale Zusammenarbeit mit russischen Behörden vorgeworfen. Comey beschreibt Trumps Gesprächsstrategie: Der Präsident rede auf sein Gegenüber ein. Er versuche, den Zuhörer in einen „Kokon“ aus Behauptungen und Halbwahrheiten einzuwickeln. Wenn er dabei nicht auf Widerspruch stöße, so unterstelle er einfach Zustimmung. Am Ende verlangte er ausdrücklich „Loyalität“. Weil Comey die Ermittlungen gegen Flynn nicht einstellen wollte, wurde er bald darauf entlassen.

Hoffung auf bessere Zeiten

Der ehemalige Bundespolizist Comey unterrichtet heute an der privaten Howard University in Washington, D.C. Die aktuelle Präsidentschaft kann er nur als Katastrophe beschreiben: Donald Trump habe einen „Flächenbrand“ von Hass und Unmoral entfacht. Doch gerade darin liege Hoffnung. Denn in Reaktion auf Trumps Politik würden sich nun viele Amerikaner auf die Werte der Verfassung und die Prinzipien der Gründerväter besinnen, glaubt er. Wahrheit und Anstand hätten an Bedeutung gewonnen, gerade weil der Präsident sie so grundsätzlich infrage stellt.

Aus all dem werde, so Comey, die amerikanische Nation letzten Endes verbessert und gestärkt hervor gehen. Er beruft sich auf den Historiker und TV-Kommentator Jon Meachum, der die US-Geschichte als Fortschritt mit temporären Rückschlägen interpretiert. Die aktuelle Krise sei so ein Rückschlag. Doch die Bürger dürften ihren Optimismus ebenso wenig verlieren wie den Glauben an die Institutionen. Comey hofft nicht auf eine Amtsenthebung aufgrund des Russland-Skandals, sondern auf eine reguläre Abwahl des Präsidenten. Denn die Auseinandersetzung müsse in der Gesellschaft geführt werden. Er behauptet sogar:

Kein Präsident ist lange genug im Amt, um das System zu zerstören.

Trump mobilisiert seine Gegner

Trumps Rechtspopulismus stößt tatsächlich auf Gegenwehr und mobilisiert seine Gegner. Aber auch wenn er es nicht zugibt: James Comey hat Donald Trump und die rechtsgerichtete Bewegung, die ihm folgt, mehrmals grundlegend falsch eingeschätzt. Und er hat zu ihrem Aufstieg beigetragen, auch wenn er das nicht wollte. Seine eigenen fatalen Entscheidungen und deren Folgen haben gezeigt, wie schnell die Institutionen des Staates im politischen Tagesgeschäft Schaden nehmen können. Doch Comey drückt sich davor, seine eigene Mitverantwortung einzugestehen. Stattdessen flüchtet er sich in pathetische Beschwörungen und quasi-religiöse Floskeln.

James Comeys Augenzeugenbericht gibt einen spannenden Einblick in die erste Phase der Trump-Ära. Es gibt aber auch guten Grund zur Skepsis gegenüber dem patriotischen Optimismus des Bestseller-Autors. Seine Hoffnung richtet sich auf eine erneuerte und verbesserte Gesellschaft, die er erst herstellen möchte. Es ist zwar durchaus möglich, dass die Vereinigten Staaten wieder zur Vernunft zurückfinden. Vielleicht halten Institutionen wie das Justizministerium wirklich den ständigen Attacken aus dem Weißen Haus stand. Aber das ist keineswegs so sicher wie das Amen in der Kirche.

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Foto oben: Protest vor dem Weißen Haus nach der Entlassung Comeys (Mike Maguire | Flickr | CC2.0)