Ikigai – die faszinierende Lebenskunst aus Japan

Der japanische Bestseller-Autor Ken Mogi bringt der westlichen Leserschaft das Konzept des Ikigai näher. Sein Buch verspricht nicht weniger als einen Weg zu einem langen und zufriedenen Leben.

In Japan leben die Menschen besonders lang. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt laut WHO 83,7 Jahre. Das hat verschiedene Ursachen. Zum Beispiel die traditionelle Ernährung, die nahrhaft und gesund ist. Und die Medizin arbeitet auf dem neuesten Stand der High-Tech. Doch auch die Lebensweise der Japaner trägt dazu bei, dass sie in der Regel sehr alt werden. Ein entscheidender Faktor dabei sei das Konzept des Ikigai, behauptet Ken Mogi in seinem gleichnamigen Sachbuch. Das ist jetzt im Dumont-Verlag auf Deutsch erschienen ist.

Ikigai – raison d’être auf Japanisch

Unter Ikigai verstehen Japaner „das, wofür es sich zu leben lohnt“. Ikigai ist der Grund, aus dem man am Morgen aufsteht. Der Sinn des Daseins. Ähnlich dem, was man im Französischen als rainson d’etre beschreibt. Der Mathematiker und Neurowissenschaftler Ken Mogi ist in Japan für seine populärwissenschaftlichen Arbeiten bekannt. Mit dem Sachbuch Ikigai – Die japanische Lebenskunst möchte er das westliche Publikum für diesen japanischen Ethos begeistern.

Dazu greift der Autor auf anschauliche Beispiele zurück. Mogi erklärt das Konzept aus verschiedenen Perspektiven. So porträtiert er etwa den legendären Sushi-Meister Jiro Ono. Der betreibt ein kleines, aber sehr hoch angesehenes Restaurant. Vor einigen Jahren wurde er durch die amerikanische TV-Dokumentation Jiro Dreams of Sushi weltberühmt. 2014 besuchte der damalige US-Präsident Barack Obama sein Restaurant „Sukiyabashi Jiro“ in Tokyo und zeigte sich begeistert.

Der heute 92-jährige Koch arbeitet noch immer jeden Tag daran, seine Kochkunst zu verfeinern. Darin, glaubt Ken Mogi, liegt das Geheimnis von Jiro Onos langem und erfüllten Leben. Der Sushi-Meister hat sich einen „jugendlichen Geist“ bewahrt. Seine täglichen Aufgaben erledigt er mit Freude und Hingabe. 

Begeistert vom Ikigai: Barack Obama im Restaurant Jiro Onos, 2014 (Foto: White House)
Barack Obama im Restaurant Jiro Onos, 2014 (Foto: White House)

Dabei bemüht er sich um Perfektion in allen Details. Jiro orientiert sich nicht an dem Niveau, das der Markt oder andere Menschen vorgeben, sondern setzt eigene Standards. Dieses Streben wird im Japanischen als Kodawari bezeichnet. Es kann zu Erfolg und Berühmtheit führen, wie bei Jiro Ono. Aber darum geht es nicht unbedingt. Auch unbekannte Personen folgen diesem Ethos. Ein Amateur-Sumoringer gibt im Ring alles. Und der Imbiss-Koch an der Ecke verbessert kontinuierlich seine Ramen-Nudeln.

Just Do It

Die Alltagsphilosophie des Ikigai ist stark beeinflusst vom Zen-Buddhismus. Wer ihr folgt, setzt auf kleine Schritte. Das steht im Gegensatz zur westlichen Vorstellung von Erfolg, die in der Regel auf ambitionierte Ziele setzt. Ikigai mahnt eher zu Bescheidenheit und rät davon ab, allzu grandiose Vorstellungen von der eigenen Person zu entwickeln. Stattdessen soll die Motivation für die täglichen Tätigkeiten aus der „Freude an den kleinen Dingen“ entstehen.

Aus eigenem Antrieb zu arbeiten, mit Liebe zum Detail. Jeden Tag von neuem eine Verbesserung erreichen. Und das in Harmonie mit der Umgebung, bemüht um Nachhaltigkeit. Ohne sich allzu viel auf sich selbst einzubilden. Das ist im Wesentlichen die Idee des Ikigai.

Ein kleines Buch, das Freude macht

Ken Mogi: Ikigai - die japanische Lebenskunst. Erschienen im Dumont Verlag.
Ken Mogi: Ikigai – die japanische Lebenskunst. Erschienen im Dumont Verlag.

Ken Mogi präsentiert das Thema auf sehr anschauliche Weise. Sein Buch ist ohne Vorkenntnisse der japanischen Kultur und Geschichte sehr gut verständlich. Erstaunlicherweise betont er Elemente des Individualismus in der Gesellschaft Japans. Als Beispiel nennt der Autor Cosplay, bei dem sich Durchschnittsbürger als Anime-Figuren verkleiden. Wer sein Ikigai nicht im Beruf finden kann, sucht es in einem Hobby wie diesem, argumentiert er.

Zwischen den Zeilen widerspricht er stereotypen Vorstellungen über das „Land der aufgehenden Sonne“. Im Westen gilt Japan in der Regel als Ort der Hektik, Konformität und sozialen Zwänge. Die Selbstverwirklichung des Einzelnen spiele dort keine Rolle, glauben wir. Ken Mogi weist im Gegensatz dazu auf die Inseln und Rückzugsräume im Alltag der Japaner hin.

Ikigai – Die japanische Lebenskunst ist aber nicht nur sachliche Darstellung, sondern möchte auch Ratgeber sein. Zum Glück kommt Ken Mogi weitgehend ohne die im Genre üblichen Binsenweisheiten aus. Allerdings sind 175 Seiten vielleicht etwas zu wenig, um dem breiten Ansatz wirklich gerecht zu werden. Mitunter wünscht man sich etwas tiefer gehende Informationen. Aber das tut der kurzweiligen und interessanten Lektüre keinen wirklichen Abbruch.

ISBN 978-3-8321-9899-2

Foto oben: Flickr | skyseeker | CC BY 2.0

Folge Leverage Magazine auf Facebook und Christoph M. Kluge auf Instagram und Twitter.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.