Helmut Newton schuf Poesie aus Macht und Sex: neuer Bildband

In der knallharten Welt des Fotografen Helmut Newton verbindet sich dekadenter Luxus mit einer kompromisslosen Darstellung weiblicher Sexualität. Der Bildband Work gibt einen Einblick in die zahlreichen Aspekte seiner Arbeit.
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  • Helmut Newtons Aktbilder provozierten, indem sie Frauen als selbstbestimmte Subjekte darstellten.
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  • Seine Porträts zeigen berühmte und berüchtigte Personen. Nicht alle mochten die Bilder.
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  • Newtons Welt ist eine Welt der lustvollen Spannung und Auseinandersetzung.
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Nackte Terroristen

1980 las Helmut Newton in einer Zeitung von einer Anti-Terror-Einheit der deutschen Polizei. Ein Detail der Story faszinierte den Meister besonders: An den Wänden des Büros der Eliteeinheit waren lebensgroße Bilder von gesuchten RAF-Terroristen angebracht. Das bedeutete, dass die Beamten tagtäglich auf ihre Zielpersonen schauen mussten. Sie betrachteten die gefährlichen Gewalttäter vom Scheitel bis zur Sohle. Doch die entzogen sich dem Zugriff der Fahnder. Und forderten die staatliche Ordnung heraus.

Der Zeitungsbericht inspirierte Newton zu einer seiner bekanntesten Serien, den Big Nudes. Doch statt Terroristen fotografierte er nackte Frauen – und stellte sie in monumentaler Größe dar. Siegessicher und machtbewusst schauen die Big Nudes den Betrachter an. Denn sie wissen genau: Die letzte Schlacht gewinnen sie. Und wir wissen es auch. Fünf dieser gigantischen Bilder in Schwarz-Weiß sind heute in der Lobby des Berliner Museums für Fotografie zu sehen.

Helmut Newton als Porträtfotograf

Die Ausstellung Work wurde im Jahr 2000 in Berlin gezeigt. Kuratorin war June Newton, die Ehefrau des Star-Fotografen. Der dazugehörige Bildband enthält neben legendären und umstrittenen Aktfotos Newtons auch zahlreiche Porträts. Etwa von Persönlichkeiten wie dem Kunstsammler Heinz Berggrün und Gerhard Schröder als Kanzlerkandidaten, den Schauspielerinnen Catherine Deneuve und Sigourney Weaver, nicht zuletzt von Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl.

Auch der französische Rechtsextremist Jean Marie Le Pen ließ sich von Newton abbilden. Er posiert im Anzug mit seinen zwei Dobermann-Rüden. Le Pens Blick richtet sich provokativ in die Kamera. Überheblich und selbstgefällig schaut er auf den Betrachter herab. Newton hatte Le Pen dazu überredet, seine geliebten Hunde ins Bild zu bringen. Und die Zeitung Le Monde druckte das Foto ab – direkt neben einer Aufnahme von Hitler mit seiner Schäferhündin Blondi. Das gefiel Le Pen gar nicht.

Ironische Sexualität

Work enthält auch ein besonders skandalträchtiges Bild. 1976 fotografierte Newton ein Model, das auf allen vieren auf einem Hotelbett posierte. Auf den Rücken der Frau ist ein Sattel geschnallt, natürlich ein luxuriöses Modell von Hermès. Im selben Jahr erschien auch Newtons erstes Buch: White Women. Daraufhin warfen Feministinnen dem Künstler eine frauenverachtende Sichtweise vor. In seinem ironischen Spiel mit den absurden Aspekten sexueller Anziehung war Newton seiner Zeit wohl einfach voraus.

Helmut Newton: Work, © Taschen
Helmut Newton: Work, © Taschen

Heute haben sich die Wogen längst geglättet. Doch die Auseinandersetzung um seine Bilder prägte Newtons Ruf als Provokateur.

Nur selten fotografierte er im Studio, viele seiner Bilder entstanden in Hotels oder öffentlichen Räumen. Die Eleganz von Kleidung und Ausstattung steht im Spannungsverhältnis zu einem düsteren Unterton. Der ist in der Inszenierung stets präsent. Newtons Bilder sind gleichzeitig hochkarätige Modefotografie und ironischer Kommentar. Denn der Fotograf scheint sich über die Branche lustig zu machen, deren Star er ist. Und womöglich lacht er über die gesamte Menschheit.

Allerdings spielte Newton selbst  den künstlerischen Wert seiner Arbeit herunter und stellte sich gern als bloßen Auftragsfotografen dar:

Some people’s photography is an art. Mine is not. If they happen to be exhibited in a gallery or a museum, that’s fine. But that’s not why I do them. I’m a gun for hire.

„Nur Mädchen und Fotos im Kopf“

Helmut Newton wurde 1920 in Berlin geboren. Sein Vater war der wohlhabende jüdische Kopffabrikant Max Neustädter. Der war entsetzt, als er erfuhr, dass sein Sohn keinen „ordentlichen“ Beruf ergreifen wollte. Für die Schule hatte Helmut wenig Interesse, stattdessen träumte er von einer Karriere als Fotograf. „Du hast nur Mädchen und Fotos im Kopf“, soll sich der Vater beschwert haben. Das zumindest behauptete Helmut Newton später in seiner Autobiografie.

Mit 16 Jahren ging Helmut bei Else Neuländer Simon in die Lehre. Sie war unter ihrem Pseudonym „Yva“ eine der bekanntesten Mode- und Aktfotografinnen der Weimarer Republik. Ihrer jüdischen Herkunft wegen untersagten die Nazis Yva das Arbeiten, sie wurde später im Konzentrationslager ermordet. Der gerade 18-jährige Helmut emigrierte allein nach Singapur, seine Eltern gingen nach Südamerika. Newton hielt sich als Fotoreporter und Porträtfotograf über Wasser. In Australien lernte er die Schauspielerin und Fotografin June Browne kennen. 1948 heiratete das Paar.

In den 1950er Jahren veröffentlichte die australische Ausgabe der Vogue einige Bilder von Helmut Newton. Das war der Auftakt einer steilen Karriere. Denn bald darauf folgte die britische und schließlich die französische Vogue. Newton hatte den Olymp der Modefotografie erklommen. Nun lebte er in London, Paris, Monte Carlo und Hollywood. Aber er schlug nie wieder Wurzeln. Im Alter von 83 Jahren starb Helmut Newton bei einem Autounfall. Der alte Mann raste mit seinem Cadillac in eine Mauer am Sunset Boulevard. Seine Asche wurde in Berlin beerdigt.

Zwischen Zwang und Freiheit

Macht und Sex sind die bestimmenden Themen von Newtons Arbeit. Bis heute versuchen Journalisten einigermaßen hilflos, die eigentümliche Härte seiner charakteristischen Bildsprache zu beschreiben. Doch häufig verwendete Schlagworte wie Fetisch, Voyeurismus oder Sadomaso können deren Wirkung nur schwer greifen. Die weiblichen Figuren treten mit einer Härte und Aggressivität auf, die vor Newton undenkbar gewesen war. Zumal in Hochglanzmagazinen. Dabei zeigen sie sich radikal selbstbestimmt, bis zum Punkt der Erbarmungslosigkeit. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie gestalten die Welt – oder sie vernichten sie.

Männer treten, wenn überhaupt, dann bestenfalls als Statisten auf. Nutzlos glotzend sitzen sie am Rande des Geschehens herum. Oder sie erweisen den machtvollen Göttinnen in High Heels ihren Dienst, so gut sie eben können. Newton inszeniert Fantasien von Begehren und Grenzüberschreitung. Aus dem Widerstreit von Freiheit und Zwang lässt seine Kamera eine Poesie der Spannung entstehen. Doch selbstverständlich, in dem Punkt hatten die frühen Feministinnen durchaus Recht, ist immer ein männlicher Blick hinter der Kamera der Bezugspunkt der gesamten Aufführung.

Helmut Newton. Work, herausgegeben Françoise Marquet und Manfred Heiting, erscheint im August im Taschen Verlag als mehrsprachige Ausgabe in Deutsch, Englisch und Französisch. ISBN 978-3-8365-7422-8

 

Foto: © Taschen

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