Die Doku ‚Gas-Macht‘ zeigt den Machtkampf um Nord Stream 2

Die ersten Rohre der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 werden bereits verlegt. Sie soll in Zukunft noch mehr russisches Gas nach Deutschland bringen. Das umstrittene Projekt steht im Zentrum eines erbitterten Machtkampfs. Pünktlich zum Baubeginn zeigt Arte die Doku Gas-Macht in der Mediathek.

  • Kritiker: Nord Stream 2 macht Europa noch abhängiger von Putin.
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  • Die Bundesregierung hat die geopolitische Dimension unterschätzt.
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  • Gerhard Schröder inszeniert sich im Film als Friedensstifter.
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Das russische Spezialschiff „Gastoro 10“ hat in der Nacht zu Mittwoch vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns mit der Verlegung erster Rohrsegmente begonnen. Die Bauteile werden an Bord verschweißt. Danach zieht sie eine Hochleistungswinde durch einen Tunnel zur Gasanlande-Station in Lubmin. Die eigentlichen Bauarbeiten sollen aber erst im August beginnen. Die 9,5 Millionen Euro teure Pipeline Nord Stream 2 verbindet Russland mit Deutschland. Kritiker befürchten, dass die Röhre die Abhängigkeit Europas von Putins Erdgas verstärken wird.

Perfektes Timing: Arte zeigt die Doku Gas-Macht

Pünktlich zum Baubeginn strahlte Arte am Dienstagabend die Doku Gas-Macht über das umstrittene Großprojekt aus. Sie wurde von MDR und Deutsche Welle produziert. Bis zum 31. Juli ist sie in der Arte-Mediathek zu sehen. Die Filmemacher Christian F. Trippe und Ulli Wendelmann argumentieren: Die Bundesregierung hat die geopolitische Sprengkraft von Nord Stream 2 unterschätzt. Denn die Pipeline ist kein rein privatwirtschaftliches Projekt. Mehr Gas-Importe aus Russland bedeuten auch eine Verschiebung politischer Abhängigkeiten. Bezeichnend: Kein amtierender deutscher Politiker wollte sich im Film äußern.

Dafür kommt ein früherer deutscher Kanzler zu Wort: Gerhard Schröder. Der hatte das Vorgänger-Projekt Nord Stream 1 noch während seiner Amtszeit eingeweiht. Nur wenige Monate nach seiner Abwahl 2005 nahm Schröder dann einen Manager-Posten bei der Nord Stream AG an. Das Unternehmen gehört zu 51 Prozent der de facto Kreml-geführten Gazprom. Seither ist der Ex-Politiker einer der eifrigsten Fürsprecher der Außen- und Energiepolitik seines persönlichen Freundes Putin. In der Doku Gas-Macht stellt er das Wirtschaftsprojekt als eine Art Fortsetzung von Willy Brandts „Ostpolitik“ dar. Nord Stream 2 könne langfristig den Frieden zwischen Deutschland und Russland sichern, behauptet Schröder.

Der Ex-Kanzler greift sogar das alte Schlagwort „Handel durch Wandel“ auf. Unter diesem Motto sollte der Ostblock durch wirtschaftliche Zusammenarbeit zu politischen Zugeständnissen gebracht werden. Was Schröder nicht sagt: Diesmal „wandelt“ sich der Westen, die Initiative kommt aus Moskau. Und das Ziel ist keine Demokratisierung.

Gaspreise als Waffe

Der Kreml nutzt seine Energieexporte für politische Einflussnahme. Das zeigt sich unter anderem in der Ukraine. Mehrere Pipelines durchziehen das Land. Solange der russlandfreundliche Präsident Wiktor Janukowytsch regierte, erhielt die Ukraine von Russland Rabatte. Seit dessen Sturz und der Eskalation des Konflikts hat Gazprom aber mehrfach die Preise erhöht. Deshalb bedienen sich ukrainische Unternehmen heute eines Tricks. Zunächst leiten sie das Gas aus Russland in EU-Länder wie Rumänien – und kassieren dafür Transitgebühren. Dann kaufen sie Gas für den ukrainischen Markt zum günstigeren EU-Preis wieder zurück. Wenn aber in Zukunft mehr Erdgas über Nord Stream 2 nach Europa kommen sollte, wird es damit vorbei sein. Kiew verliert so nicht nur Einnahmen aus Gebühren, sondern muss auch wieder mehr für den eigenen Verbrauch zahlen. Das bedeutet unter dem Strich: Mehr politische Abhängigkeit von Moskau.

Deutschland ist der wichtigste Exportmarkt für russisches Erdgas (Quelle: Statistica)
Deutschland ist der wichtigste Exportmarkt für russisches Erdgas (Quelle: Statistica)

Deutschland ist der wichtigste Auslandsmarkt für russisches Gas. Und 2017 wurde hierzulande sogar noch mehr eingeführt als in den Vorjahren. Der Grund: Gazprom hat den Preis gesenkt. Diese Rabatte stehen im direkten Zusammenhang mit dem Projekt Nord Stream 2. Auch die Türkei, die an einem ähnlichen Pipeline-Projekt beteiligt ist, erhielt Vergünstigungen. Es handelt sich gewissermaßen um ein Lock-Angebot. Der Kreml schafft Anreize für deutsche Politiker und Lobbyisten, die letzten Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Auch auf EU-Ebene. Das Nachsehen haben zum einen osteuropäische Länder wie die Ukraine und Polen. Die wollen ihre Abhängigkeit vom Kreml-Gas aus politischen Gründen reduzieren. Aber auch US-Konzerne verlieren. Sie können ihr teureres Flüssiggas nicht mehr verkaufen. Deshalb wetterte Donald Trump kürzlich gegen die Pipeline. Normalerweise ist der US-Präsident nicht gerade ein Putin-Kritiker.

„Spionage verbindet“

Der Film Gas-Macht kommt genau zur richtigen Zeit. Trippe und Wendelmann zeigen die Verflechtungen im Ressourcen-Streit anschaulich. Wichtige Protagonisten der unterschiedlichen Parteien kommen zu Wort. So entsteht ein vielschichtiges Bild des Konflikts. Das ist zum Teil erschreckend ehrlich. Eindringlich schildert zum Beispiel Matthias Warnig, der Geschäftsführer des Nord-Stream-2-Konzerns, seine persönliche Bindung zum russischen Präsidenten. Warnig kommt aus der DDR und war vor der Wende bei der Auslandsaufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit tätig. Ebenso wie Putin trauert er dem Ostblock nach. Und seinen altem Job, dessen Denkweise er verinnerlicht hat. „Spionage“, meint Warnig „verbindet im gegenseitigen Verständnis.“

Gas-Macht ist bis zum 31. Juli in der Arte Mediathek online verfügbar.

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Foto oben: © Schulz & Wendelmann Filmproduktionen / Arte

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