Eine verschlossene Welt: Jacob Nachumi fotografiert ultraorthodoxe Juden in Israel

Der israelische Fotograf Jacob Nachumi zeigt in seinen Bildern Einblicke in das Leben der ultraorthodoxen Juden. Das ist von religiösen Ritualen und einer Bildsprache bestimmt, die selbst viele Israelis nicht verstehen.

Sie selbst nennen sich die „Gottesfürchtigen“, die Haredim. Die ultraorthodoxen Juden lehnen die moderne Gesellschaft ab. Sie heiraten früh und bekommen in der Regel mehr Kinder als säkulare Familien. Das hat politische Konsequenzen. Denn das zahlenmäßige Wachstum schlägt sich zunehmend an den Wahlurnen nieder. In der aktuellen Regierung etwa sind Minister der zwei wichtigsten ultraorthodoxen Parteien vertreten. Der Einfluss der Ultraorthodoxen wächst. Das führt immer wieder zu Spannungen mit liberalen Israelis.

Die meisten Strenggläubigen leben aber auch in materieller Armut. Denn ihre hauptsächliche Beschäftigung ist nicht weltliche Arbeit, sondern das Studium religiöser Schriften. Eine Vielzahl unterschiedlicher Rituale bestimmt den Alltag ihrer Gemeinschaften strukturieren.

Die Ultraorthodoxen leben in verschlossenen Gemeinschaften

Doch die Atmosphäre verändere sich etwas, behauptet der Fotograf Jacob Nachumi in einer Email. In jüngerer Zeit würde ein wachsender Teil der Ultraorthodoxen weltliche Berufe annehmen. Dadurch lernen sie andere Bereiche der Gesellschaft kennen. Nachumi selbst wuchs in Bnei Berak auf, einer kleinen Stadt nordöstlich von Tel-Aviv, die fast ausschließlich von Haredim bewohnt wird. Er hat an einer religiösen Hochschule studiert. Wenn die Menschen Geld verdienen und dadurch die Möglichkeit haben zu reisen oder an kulturellen Aktivitäten teilzunehmen, dann verändern sie auch ihre Ansichten und werden offener, hofft er. Das betrifft jedoch letztlich immernoch eine Minderheit der Orthodoxen.

Vor einigen Jahren begann Nachumi damit, die Zeremonien der Strenggläubigen zu fotografieren. Trotz seines Hintergrunds war es nicht einfach, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Viele der unterschiedlichen Clans und Sekten leben abgeschottet von der Öffentlichkeit. Immer wieder stieß er auf Widerstände. Der Fotograf meint, dass seine Bilder manchen Strenggläubigen erst vor Augen führen, wie sehr sie sich vom Rest der Gesellschaft unterscheiden. Ganz so, als würden sie sich plötzlich selbst mit den Augen der Mehrheit sehen. Und dann nehmen sie sich selbst als fremd wahr. Im Verlauf seiner Arbeit lernte Jacob Nachumi Rituale kennen, von denen er selbst noch nie gehört hatte.

 

Am Tag des Purimfestes: kostümiertes Kind in der Synagoge
Am Tag des Purimfestes: kostümiertes Kind in der Synagoge

Purin-Fest

An Purim wird der Befreiung der persischen Juden im fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung gedacht. Die entgingen – dem alttestamentarischen Buch Esther zufolge – nur knapp der Ermordung durch den Perserkönig. Das heutige Purimfest ähnelt der christlichen Tradition des Karnevals. Dabei spielen Umzüge in den Straßen und Kostüme eine wichtige Rolle. Die Erwachsenen trinken an diesem Tag viel Alkohol. Und Ultraorthodoxe betrachten das Trinken an Purim sogar als religiöse Pflicht.

 

Orthodoxe Juden tanzen bei einer Demonstration gegen die Ausweitung der Wehrpflicht
Orthodoxe Juden tanzen bei einer Demonstration gegen die Ausweitung der Wehrpflicht

 

Getanzte Demonstration

2014 beschloss das isralische Parlament, die Knesset, dass die allgemeine Wehrpflicht auch uneingeschränkt für Ultraorthodoxe gilt. Die hatten bis zuletzt erbittert dagegen protestiert. Der Entscheidung gingen eine lange politische Kontroverse und ein Urteil des Obersten Gerichts voraus. Seit der Staatsgründung waren strenggläubige Männer, die sich in Vollzeit dem Studium religiöser Texte widmen, vom Wehr- beziehungsweise Ersatzdienst freigestellt gewesen.

 

Tanz vor der Braut
Tanz vor der Braut

 

Tanz mit der Braut

Bei einer chassidischen Hochzeit steht die Braut, verborgen hinter einem Schleier, bewegungslos inmitten der Festgesellschaft. Nacheinander tanzen der Rabbi und die Männer der Familie den Mitzvah Tantz vor ihr. Erst nach dem Großvater und dem Brautvater kommt der Bräutigam an die Reihe. Nur Vater und Bräutigam dürfen die Braut dabei berühren. Männer und Frauen im Publikum sind durch eine Absperrung getrennt, die Mechitza. Im Verlauf des Rituals wird sie mitunter entfernt.

 

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Ultraorthodoxe verbrennen öffentlich eine israelische Flagge

 

Viele Ultraorthodoxe lehnen den Staat Israel ab

Ein Teil der ultraorthodoxen Juden spricht dem Staat Israel aus religiösen Gründen seine Legalität ab. Sie glauben, dass ein jüdischer Staat erst nach der Ankunft des Messias gegründet werden kann. Deshalb halten kleinere Sekten anlässlich des Purimfestes Flaggenverbrennungen ab. In den Medien präsent ist vor allem die umstrittene Guppierung Neturei Karta. Deren Mitglieder nahmen sogar an der berüchtigten „Holocaust-Konferenz“ 2006 in Teheran teil. Dort traten auch Shoah-Leugner auf.

 

Ultraorthodoxe Frauen im Jerusalemer Stadtviertel Mea Shearim
Ultraorthodoxe Frauen im Jerusalemer Stadtviertel Mea Shearim

 

Vollständig verschleierte Frauen

Mea Shearim ist eine weitgehend autarke Gemeinde im westlichen Teil Jerusalems. Hier ist die Umgangssprache Jiddisch, nicht Hebräisch. Moderne Medien wie Zeitungen, Radio oder Fernseher lehnen die Bewohner ab. Stattdessen verbreiten sie Nachrichten auf Plakaten an der Wand. In dem Viertel gelten strenge Verhaltens- und Kleidungsvorschriften. Sie werden den Besuchern auf Schildern an den Eingängen bekannt gegeben. Einige Frauen treten sogar nur vollständig bedeckt in der Öffentlichkeit auf. Doch damit gelten sie sogar in Mea Shearim als extrem.

 

Anhänger der Dynastie Toldos Aharon bei einer "Tisch"-Zeremonie im Jerusalemer Stadtteil Mea Shearim
Anhänger der Dynastie Toldos Aharon bei einer „Tisch“-Zeremonie anlässlich des Purimfestes

 

Tisch-Zeremonie

Die Dynastie Toldos Aharon hat ihre Zentrale im Stadtteil Mea Shearim. Das Foto zeigt die Tisch-Zeremonie anlässlich des bereits erwähnten Purim-Festes. Das Ritual ist im Grunde ein symbolisches Festmahl. In einigen Varianten beobachtet die Gemeinschaft den Rabbi beim Essen. Die Essensreste am Rand der Tafel haben eine rituelle Bedeutung . Den Hintergrund zum Fest bildet die Geschichte des vereitelten Genozids im antiken Persien. Strenggläubige Juden behaupten mitunter einen Zusammenhang der biblischen Geschichte mit dem Holocaust.

 

Tanz anlässlich des Festes Simchat Tora
Tanz anlässlich des Festes „Simchat Tora“

 

Das Jahr als Kreislauf

Mit dem Simchat Tora endet der jährliche Zyklus der Tora-Lesung. Und damit beginnt der Kreislauf wieder von vorn. Die Tora entspricht den christlichen fünf Büchern Mose. Sie wird in der Synagoge jedes Jahr Zeile für Zeile gelesen, nach einem festen Plan an mehreren Tagen in der Woche. Wenn an Simchat Tora das Ende der Textrolle erreicht ist, wird sie siebenmal durch das Gebetshaus getragen und danach zurückgerollt zum Anfang. Kinder erhalten an diesem Feiertag Geschenke.

 

Bei der Zeremonie "Pidjon ha-Ben" wird der erstgeborene Sohn symbolisch ausgelöst
Bei der Zeremonie „Pidjon ha-Ben“ wird der erstgeborene Sohn symbolisch ausgelöst

 

Freikauf der Erstgeborenen

Dem traditionellen jüdischen Gesetz zufolge muss der Vater seinen erstgeborenen Sohn beim Pidjon ha-Ben für fünf silberne Schekel freikaufen. Das Baby ist dabei vom Goldschmuck der anwesenden Frauen umgeben. Hintergrund ist der rabbinischen Überlieferung zufolge die Bibel-Geschichte vom Goldenen Kalb. Das wurde gebaut nachdem Mose auf den Berg Sinai gestiegen war, um die zehn Gebote zu empfangen. Die Israeliten verehrten das Götzenbild wie einen Gott. Nur der Stamm der Leviten verweigerte den Götzendienst. Die Leviten wurden deshalb nach Moses Rückkehr zu Priestern ernannt. Zuvor hatte diese Würde allen Erstgeborenen zugestanden. Fortan musste jede Familie ihre Erstgeborenen mit Geld auslösen.

 

Ein Planschbecken dient als Ersatz für ein natürliches Gewässer beim "Taschlich"-Ritus
Ein Planschbecken dient als Ersatz für ein natürliches Gewässer beim „Taschlich“-Ritus

 

Fisch im Wasser

Am Neujahrstag vollziehen die Strenggläubigen den Taschlich-Ritus. Dabei versenken sie ihre Sünden symbolisch im Wasser. Das Ritual fand früher in osteuropäischen Gemeinden an natürlichen Gewässern statt. In Israel genügt mitunter auch ein Planschbecken voller Fische. Nach dem Vergebungsgebet werfen die Ultraorthodoxen Brotkrümel aus den Taschen ihrer Kleidung in das Wasser. Die Fische im Becken sollen daran erinnern, dass der Mensch sich in seinen Sünden verfangen kann wie in einem Fischnetz. Außerdem: Weil er keine Lider hat, sind die Augen des Fisches immer offen – wie die Gottes.

 

Orthodoxe Juden beten an einem Grab, in dem sie die Überreste von Rav Aschi vermuten
Orthodoxe Juden beten an einem Grab, in dem sie die Überreste von Rav Aschi vermuten

 

Eine umstrittene Grabstelle

Rav Aschi (352–427) war einer der Hauptredaktoren des babylonischen Talmud. Der traditionellen jüdischen Überlieferung zufolge liegt sein Grab auf einem Hügel an der israelisch-libanesischen Grenze. Muslime aus dem Libanon hingegen glauben, dass darin ein schiitischer Geistlicher begraben liegt, Scheich Abbad. Die Ultraorthodoxen können hier nur mit militärischer Genehmigung beten. Auf der israelischen Grenzseite patroullieren israelische und UN-Soldaten. Auf der libanesischen zeigt die schiitische Miliz Hezbollah Präsenz.

Kontakt zu Jacob Nachumi: via Facebook oder Email.

Herzlichen Dank an das Zentrum für jüdische Studien Berlin-Brandenburg für fachliche Beratung zu diesem Artikel.

Alle Fotos: © Jacob Nachumi

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