Die Hauptstadt brennt: ‚Dogs Of Berlin‘ bei Netflix

Netflix bringt nach der Mystery-Serie Dark (2017) die zweite deutsche Eigenproduktion heraus. Dogs of Berlin erzählt in vorerst zehn Folgen vom harten Leben in einer Stadt voller Gewalt und Klischees. Mit beidem kennt sich Regisseur Christian Alvart aus, zuletzt drehte er mehrere Tatort-Filme mit Til Schweiger als „Tschiller“.

Dogs of Berlin: die gespaltene Stadt

Blaulicht durchzuckt die düstere Straße im Neubaugebiet. Zwei unerfahrene Streifenpolizisten versuchen, einen Tatort abzusichern. Im Gebüsch hinter ihnen liegt eine Leiche. Doch schon kommt der erfahrene LKA-Beamte Kurt Grimmer (gespielt von Felix Kramer) hinzu und reißt den Fall kurzerhand an sich. Warum er das tut, bleibt zunächst unklar. Das Opfer stellt sich bald als der berühmte deutsch-türkische Fußballnationalspieler Orkan Erdem heraus. Der sollte eigentlich am nächsten Tag bei einem wichtigen Spiel auf dem Rasen stehen.

Der Anfang der ersten Folge von Dogs of Berlin skizziert bereits einen großen Teil dessen, was das Bild der Hauptstadt in dieser Serie ausmacht. Die Kameradrohne nimmt sich Zeit für eine lange Fahrt, mit der sie die brutale Kälte des Plattenbau-Ghettos einfängt. Der Ortsteil Marzahn ist einer der beiden zentralen Pole dieser Welt (auch wenn die Szene eigentlich in der Rudolf-Seiffert-Straße in Lichtenberg gedreht wurde). Hier, das erfährt der Zuschauer bald, kontrollieren Neonazis die Straßen. Die tragen Glatzen und Bomberjacken, ganz so als kämen sie mit der Zeitmaschine direkt aus den 1990er Jahren.

Jetzt mal bloß kein „Rassenkrieg“

Der andere Pol der Handlung ist Kreuzberg, beziehungsweise ein fiktiver Teil davon namens „Kaiserwarte“. In diesem diesem Ghetto haben arabischstämmige Clans das Sagen. Die Jugendlichen im Kiez träumen davon, der Armut mit Gangsta-Rap oder Fußball zu entfliehen. Ähnlichkeiten mit dem Norden Neuköllns – so wie er aus der TNT-Serie 4 Blocks oder Büchern von Heinz Buschkowksy bekannt ist – sind wahrscheinlich rein zufällig.

Entlang dieser Zweiteilung erzählt das von Alvart verfasste Drehbuch eine Geschichte, die sich um politische Relevanz bemüht. Im Gespräch mit seinem Vorgesetzten raunt der Ermittler Grimmer, der selbst eine Nazi-Vergangenheit hat, mal eben ins Handy:

Wenn wir nicht aufpassen, haben wir ratzfatz einen Rassenkrieg an der Backe.

Ein „Rassenkrieg“ wegen eines toten Fußballspielers? Unter dem Asphalt brodelt es. Weil man aber nie genug Migrationsproblematik im Plot haben kann, ermittelt Grimmer mit einem türkischstämmigen Kollegen: Erol Birkan (Fahri Yardin) ist schwul und hat einen Vater-Knacks. Muss ja. Etwas rätselhaft bleibt hingegen, warum die Sonderkommission ihr Hauptquartier ausgerechnet im Steglitzer Bierpinsel hat.

Wer tötete den Fußball-Star?

Im Prinzip könnte jeder für den Mord verantwortlich sein: Libanesische Clans, osteuropäische Mafiatypen, Nachwuchs-Rapper, Nazi-Skinheads oder vielleicht doch eher die türkische Familie des Opfers? Grimmer hat derweil auch mit privaten Spielschulden zu tun. Und mit seiner Neonazi-Mutter (Kathrin Sass). Und seiner Geliebten, der Sozialhilfe-Empfängerin Bine (Anna Maria Mühe), von der Ehefrau Paula (Katharina Schüssler) nichts erfahren darf. Aber die hat eh andere Probleme, aufdringliche Schutzgelderpresser zum Beispiel.

Das klingt nach ganz schön viel Holz. Und das ist es auch. Deutsche Serien, die mit einer gewissen Erfolgserwartung produziert werden, neigen mitunter zur Druckbetankung des Zuschauers. Da wird reingepumpt, was geht. Zuletzt konnte man das beim anderen großen Hauptstadt-Hype beobachten: Auch Babylon Berlin liefert ein kaum durchschaubares Sammelsurium von Plots und Figuren, in denen alles, aber auch wirklich alles, miteinander zu tun hat. Doch am Ende ist die Sache meist gar nicht so, wie man anfangs vermutete – sondern viel unlogischer.

Berlin, der Exportschlager

Das von Alvert verfasste Drehbuch für Dogs of Berlin greift tief hinein in die Kiste der Krimi-Klischees. Gleichzeitig ist es vollgestopft mit Themen, die man irgendwie mit Deutschland im Allgemeinen oder Berlin im Besonderen assoziieren könnte. Das klingt mitunter ganz schön sperrig, etwa wenn die Polizeipräsidentin über den Mord sagt

Die Spannungen in der Stadt sind seit der Flüchtlingsdebatte so hoch wie noch nie. Da hat uns sowas gerade noch gefehlt.

Dogs of Berlin kann aber auch mit wunderschön-bedrückend komponierten Bildern der deutschen Hauptstadt beeindrucken. Der Regisseur beweist durchaus ein Gespür für Rhythmus. Die Handlung reiht nicht eine Action-Szene an die nächste, sondern bietet den Charakteren Raum zur Entfaltung. Der wird in weiteren Rollen von exzellenten Schauspielern wie Alina Stiegler, Aram Tafreshian oder Renato Schuch genutzt, die von den Theaterbühnen der Stadt bekannt sind.

Seit Netflix massiv in Serien und Filme investiert, ist Hollywood gewissermaßen überall. Das Entertainment wird lokal produziert, und zwar mit erheblichem Aufwand. Doch das Produkt wird weltweit vermarktet. Ein Schelm, wer vermutet, der berühmte Algorithmus des Streaming-Konzerns säße mit im Writer’s Room. Dogs of Berlin wird mit Sicherheit großen Erfolg beim Publikum haben, denn die Serie bietet solide, sauber produzierte Unterhaltung. Kritiker werden wohl nicht in gleichem Maße begeistert sein, aber deren Meinung hat Netflix ja noch nie besonders interessiert.

Foto: Netflix

Folge Leverage Magazine auf Facebook und Christoph M. Kluge auf Instagram und Twitter.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.