‚Die Akte Skripal‘: Mark Urban über Putins Spionagekrieg

Der britische Journalist Mark Urban hat ein großartiges Buch über das Attentat auf den russischen Ex-Spion und Überläufer Sergei Skripal geschrieben. Es ist Anfang Oktober bei Droemer-Knaur erschienen.

Sonntag, 4. März 2018, 16:15 Uhr in der südenglischen Stadt Salisbury. Ein älterer Mann und eine junge Frau liegen auf einer Parkbank. Ihre Gesichter werden immer bleicher, sie schwitzen heftig, verlieren das Bewusstsein. Passanten rufen den Notarzt.  Die eintreffenden Rettungskräfte vermuten, es handle sich um Drogensüchtige, die eine Überdosis erlitten haben. Doch Polizisten fällt auf, dass die Kleidung der beiden Personen nicht zu typischen Junkies passt: zu sauber und ordentlich. Ihre Namen stehen in den Ausweisen: Sergej und Julija Skripal, sie sind Vater und Tochter. Im Krankenhaus wird festgestellt, dass die beiden mit einer unbekannten Substanz vergiftet worden sind.

Ein schockierendes Attentat 

Der Vorfall erschüttert die britische Öffentlichkeit. Schon bald fällt der Verdacht auf Russland. Sergej Skripal ist ein ehemaliger Spion des russischen Militärgeheimdienstes GRU, der als Doppelagent für den britischen MI6 arbeitete. Bereits zwölf Jahre zuvor hatte Moskau einen anderen Überläufer in England getötet: FSB-Agenten hatten dem Putin-Kritiker Alexander Litwinenko radioaktives Polonium verabreicht. Nach einigem hin und her stellte sich heraus, dass die Skripals mit Nowitschok vergiftet worden waren. Dieser seltene Nervenkampfstoff war in der Sowjetunion entwickelt worden. Es gibt ihn heute nur in russischen Labors.

Die britische Regierung und ihre Verbündeten reagierten vergleichsweise scharf. Insgesamt 28 Länder wiesen russische Diplomaten aus. Nach der Litwinenko-Ermordung war die Reaktion viel begrenzter ausgefallen. Doch die russische Regierung dementierte jede Beteiligung am Anschlag. Kreml-treue Medien verbreiteten Verschwörungstheorien und begleiteten die monatelangen Ermittlungen der britischen Behörden mit höhnischem Spott.

Dabei griffen sie auf zwei Narrative zurück, analysiert Mark Urban:

  • Skripal sei längst im Ruhestand gewesen und daher zu unwichtig. Er habe kein interessantes Ziel für eine Ermordung abgegeben.
  • Das Opfer sei selbst schuld, denn Skripal habe sich gegen Russland gestellt. „Verräter“ lebten nun einmal gefährlich, das wisse jeder.

Eigentlich widersprechen sich diese Sichtweisen. Doch die russischen staatsnahen Medien möchte gar keine stichhaltige Argumentation liefern, sondern Zweifel sähen und Verunsicherung stiften. Dazu passt auch, dass der russische Außenminister Sergei Lawrow die Briten beschuldigte, Skripal selbst vergiftet zu haben – nur um Russland schlecht dastehen zu lassen.

Urban: Das Skripal-Attentat war eine Machtdemonstration

Sergei Skripal kämpfte als junger Mann im sowjetischen Afghanistankrieg und machte dann Karriere im Militärgeheimdienst GRU. In dessen Auftrag spionierte er mit Diplomatenpass zuerst auf Malta, danach in Spanien. Dort erlebte er den Zusammenbruch des Ostblocks. Russland rutschte ins Chaos. Skripal verlor den Glauben an die Moskauer Führung und ließ sich vom britischen MI6 anwerben. 2004 wurde er in Moskau enttarnt und zu einer hohen Gefängnisstrafe verurteilt. Doch einige Jahre später kam er im Austausch gegen russische Agenten frei. Seither lebte er unter dem Schutz des britischen Staates in Salisbury.

Mark Urban: Die Akte Skripal bei Droemer Knaur
Mark Urban: Die Akte Skripal bei Droemer Knaur

Urbans Ansicht nach wollte der Kreml mit dem Anschlag ein Exempel statuieren und gleichzeitig eine alte Rechnung begleichen. Skripal sei in einer Zeit angeworben worden, in der Moskaus einst gefürchtete Geheimdienste am Boden lagen. Doch unter Putins Herrschaft könnten sie nun endlich ihre wiedererlangte Macht demonstrieren. Westliche Dienste hätten Hinweise dafür gehabt, dass die Russen Dossiers über mehrere potenzielle Zielpersonen erstellt hatten, schreibt Urban und beruft sich auf Quellen in Sicherheitskreisen.

Die Botschaft an heutige Doppelagenten oder auch Regime-Gegner laute: Wir finden und wir töten euch, wenn ihr am wenigsten damit rechnet – niemand kann euch schützen. Das ist die erbarmungslose Denkweise der „Tschekisten“, wie sich russische Agenten in Anspielung auf den ersten Sowjet-Geheimdienst bis heute nennen. Mark Urban zitiert einen hochrangigen britischen Sicherheitsbeamten, der ihm gegenüber deren Selbstverständnis folgendermaßen zusammenfasste:

Man liquidiert Verräter, wie man sich die Zähne putzt. Es ist nicht politisch, es ist rein operativ.

Eine Analyse wie ein Spionageroman

Mark Urban berichtete zu Beginn des sowjetischen Afghanistan-Krieges für die BBC. Zufällig war er „embedded“  in genau dem Regiment, in dem der junge Sergei Skripal als Luftlandepionier diente. Bereits vor dem Attentat hatte er Skripal für ein anderes Buchprojekt ausgiebig interviewt.

Der Autor erzählt diese bizarre Geschichte aus der Welt der Spionage und Gegenspionage mit kühler Sachlichkeit. Gerade dadurch entsteht eine Spannung, wie sie ein gelungener Spionageroman nicht besser erzeugen könnte. Naturgemäß ist die Quellenlage schwierig, doch Urban weist präzise darauf hin, woher seine Informationen kommen. Und er ordnet auch verbleibende Ungewissheiten ein. Die Akte Skripal ist ein wichtiges Buch in einer Zeit wachsender internationaler Spannung.

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Die mutmaßlichen Attentäter Anatoli Tschepiga (li.) und Alexander Mishkin bei einem bizarren Auftritt im Kreml-nahen TV. Foto: RT/YouTube
Die mutmaßlichen Attentäter Anatoli Tschepiga (li.) und Alexander Mishkin bei einem bizarren Auftritt im Kreml-nahen TV. Foto: RT/YouTube

Foto oben: kremlin.ru

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