Des Menschen Wolf: ‚Der Hauptmann‘ von Robert Schwentke

In seinem Kriegsfilm Der Hauptmann erzählt Regisseur Rober Schwentke die verstörende Geschichte eines talentierten Hochstaplers und Massenmörders.

Deutschland im April 1945. Es ist die Endpase des Krieges. Der versprengte Gefreite Willi Herold (gespielt von Max Hubacher) findet durch Zufall die zurückgelassene Uniform eines Hauptmanns der Luftwaffe. Zunächst sieht er darin nur ein warmes Kleidungsstück, dann posiert er zum Spaß als Offizier. Zufällig kommt ein anderer Soldat (Milan Peschel) hinzu – und hält den jungen Mann für einen echten Offizier. Herold nimmt die Rolle an – und damit das Kommando. Als „Hauptmann“ sammelt er weitere Soldaten um sich.

Der Tod hat das Kommando

Das „Dritte Reich“  zerfällt, aber kaum einer will es wahrhaben. Die verunsicherten Deutschen sehnen sich nach Ordnung und Führung. Schnell begreift der Hochstapler Herold, dass er seine Männer mit kompromissloser Härte beeindrucken kann. Auf seinen Befehl hin plündert und mordet die Bande hinter der Front.

Herold übernimmt sogar zeitweise das Kommando eines Strafgefangenenlagers. Dort führt er, ermutigt von überforderten Nazi-Führern, Massenerschießungen durch. Während die Alliierten näher rücken, errichtet Herolds Truppe von Halsabschneidern ein kurzlebiges Terrorregime hinter der Front.

Der „Henker vom Emsland“

Dem bizarren Plot von Robert Schwentkes Spielfilm Der Hauptmann (2018) liegt eine wahre Geschichte zugrunde. Tatsächlich verübte ein 19-jähriger Hochstapler namens Willi Herold 1945 zahlreiche Kriegsverbrechen, unter anderem eine Massenerschießung im Strafgefangenenlager Aschendorfermoor. Die meisten der Opfer waren deutsche Soldaten, denen Fahnenflucht oder andere Vergehen vorgeworfen wurden. Herold ließ seine Männer mit einer Flugabwehrkanone auf die hilflosen Gefangenen feuern. Da die aber nicht – wie erhofft – sofort starben, wurden die schwer Verwundeten mit Handfeuerwaffen und Granaten niedergemacht. Die Aktion dauerte mehrere Stunden.

Einige Gefangene beteiligten sich jedoch auch an den Gräueltaten. Herold „begnadigte“ sie kurzerhand und reihte sie in seine Mörderbande ein. Doch zum Schluss blieb nur ein kleiner Trupp übrig. Der fuhr in einem Opel Blitz mit der Aufschrift „Schnellgericht Herold“ über Land. Die Männer töteten angebliche „Wehrkraftzersetzer“, zum Beispiel einen Bauern, der in Erwartung der alliierten Truppen eine weiße Fahne gehisst hatte. Schließlich wurde Herold, den die Nachkriegspresse als „Henker vom Emsland“ bezeichnete, 1946 selbst für seine Taten zum Tode verurteilt und hingerichtet. Dem gelernten Schornsteinfeger wurde die Tötung von 172 Menschen zur Last gelegt.

Hier bin ich Unmensch, hier darf ich’s sein

Bereits 1997 haben Paul Meyer und Rudolf Kersting die erschütternde Geschichte in ihrem Dokumentarfilm Der Hauptmann von Muffrika untersucht. Darin kamen vor allem Zeitzeugen zu Wort. Besonders erschütternd: Die Grenze zwischen Opfer und Täter verschwimmt in einigen Erzählungen. Warum wurden die Gräueltaten überhaupt begangen? Für die Beteiligten jedenfalls scheint sich die Frage nach dem „Warum“ überhaupt nicht mehr gestellt zu haben.

Der Hauptmann hat’s erlaubt

Regisseur und Drehbuchautor Robert Schwentke bleibt, was die Schildung der Ereignisse angeht, im Großen und Ganzen nah an der realen Geschichte. Dennoch lässt er den Film mit einer Szene beginnen, von der kein Historiker berichtet. Der Protagonist betritt die Bühne als Gehetzter. Offenbar ist er ein Deserteur oder wird dafür gehalten, jedenfalls flieht er in panischer Angst vor Feldjägern, die ihn töten wollen. Als er kurz darauf die Offiziersuniform findet, wandelt sich das Blatt zu seinen Gunsten.

Das Opfer wird zum Monster, um in einer monströsen Welt zu überleben. Das ist Schwentkes Interpretation der grotesken Geschichte. Doch abgesehen davon bleibt die Hauptfigur blass – und wirkt gerade dadurch verstörend. Im Zentrum steht nicht Willi Herold, sondern der Wunsch seiner Gefolgsleute nach einer Autoritätsperson, die ihnen erlaubt, grausam zu sein.  

Der Hauptmann ist erhältlich auf DVD, Blue-Ray oder als Stream bei Amazon Prime, YouTube-FilmeMaxdome und anderen.

Fotos: Julia M. Müller / Weltkino Filmverleih

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Bernd Hölscher in 'Der Hauptmann' (2017),  Foto: Julia M. Müller / Weltkino Filmverleih
Bernd Hölscher in ‚Der Hauptmann‘ (2017), Foto: Julia M. Müller / Weltkino Filmverleih

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