„Wall Street Porn“: die Showtime-Serie ‚Billions‘

Die Serie Billions erzählt vom skrupellosen Machtkampf im New Yorker Wall-Street-Milieu. Nicht nur die hochkarätige Besetzung überzeugt, sondern auch die Detailgenauigkeit der Inszenierung. 

• Eine rasante und komplexe Story vom Kampf um Macht und Reichtum.

• Die Serie stellt gesellschaftliche Normen radikal infrage.

• Künstliche Intelligenz wird die Finanzwelt revolutionieren.

Staatsanwalt Chuck Rhoades ist am Ende. Schluchzend sitzt der kräftige Mann (gespielt von Paul Giamatti) am Rand des ehelichen Bettes. Chuck ist erledigt, hat all sein Geld verloren. Und das Schlimmste: Es ist sein Erzrivale, der ihn besiegt hat. Die Kamera zeigt Rhoades‘ Rücken und fährt langsam an ihn heran. Dann offenbart ein Schnitt auf sein Gesicht die Wahrheit. Aus Chucks Weinen wird in der Nahaufnahme ein Lachen, das triumphierende und einigermaßen irre Gelächter des Siegers.

Die Szene am Ende der zweiten Staffel markiert das Ende eines langen, verschlungenen Handlungsstranges. In Rückblenden erfährt der Zuschauer Stück für Stück: Chuck hat seinem Feind, dem Hedgefonds-Manager Bobby „Axe“ Axelrod (Damien Lewis) eine vertrackte Falle gestellt. Mit dem teuflischen Plan hat der durchtriebene Staatsanwalt  alles auf eine Karte gesetzt. Er hat sein eigenes Geld verzockt – und das seines Vaters gleich mit. So hat er den smarten Axe dazu bewegt, einen Fehler zu machen. Und konnte ihn endlich überführen.

Eines haben die charismatischen und mitunter völlig überzeichneten Charaktere der Serie gemeinsam: Sie zweifeln nicht an sich. Niemals. Das fällt auf, gehört doch der melancholische Selbstzweifel heute zum Standard-Stilmittel in praktisch jedem Drehbuch. Doch im Billions-Universum ist dafür ebenso wenig Zeit wie für ethische Bedenken. Ohne Rücksicht auf Regeln oder Anstand suchen die Einzelkämpfer den eigenen Vorteil.

Billions zeigt ein realistisches Bild des Wall-Street-Milieus

In den USA wird die Produktion seit Januar 2016 von Showtime ausgestrahlt. Billions ist das zweiterfolgreichste Serien-Format des Kabel-Netzwerks, gleich nach dem Spionage-Thriller Homeland. Zuschauer in Deutschland können alle drei Staffeln bei Sky Ticket und Sky Go streamen.

Die Produzenten Brian Koppelman und David Levien beweisen seit der ersten Folge eine extrem hohe Detailgenauigkeit. Als fachlicher Berater sorgt der New Yorker Journalist und Wall-Street-Experte Andew Ross Sorkin für Authentizität. Sorkin hat das Sachbuch „Die Unfehlbaren“ geschrieben – eine der wichtigsten Analysen der Finanzkrise von 2008. Seine Expertise dürfte der Grund dafür sein, dass Billions viele Fans in der Branche hat. Der Investment-Manager James Chanos zum Beispiel bezeichnete Billions gegenüber der Washington Post als „Wall Street porn“. Das war als Kompliment gemeint.

Dominanz und Profit

Zwischen den Kontrahenten steht eine Frau: Wendy Rhoades (Maggie Siff) ist mit Chuck verheiratet, arbeitet aber auch in Bobbys Firma Axe Capital. Dort verdient die Psychiaterin sehr viel Geld damit, überarbeitete Trader zu Höchstleistungen anzuspornen. Gleichzeitig versucht Wendys Ehemann Chuck, ihren Boss in den Knast zu bringen. Dieses Beziehungsdreieck ist zwar wenig plausibel, treibt aber die Handlung voran. Die dritte Staffel der Serie löst das Duell der beiden männlichen Hauptfiguren allerdings zugunsten einer spannenderen Konstellation mit neuen Antagonisten.

Erfolg ist alles in der Welt von Billions. Die Figuren streben unverblümt nach Dominanz und Macht. Dabei stehen sich zwei sehr unterschiedliche Konzepte gegenüber. In der von Glas und Stahl geprägten Sphäre des Hedgefond-Managers Axe wird die Erfolgsquote in kalten Zahlen gemessen. Ausschließlich der Profit zählt. Im Gegensatz dazu steht die Welt der Staatsanwälte und Politiker. Die schieben sich in dunklen Räumen mit edlen Ledersesseln gegenseitig die Pfründe zu. Ein kleiner Gefallen hier, eine mittlere Erpressung da. Schon lässt sich alles regeln.

Daten – der neue Machtfaktor

Ab Staffel zwei rückt eine Figur ins Zentrum des Geschehens, wie es sie noch nie in einer populären TV-Serie gegeben hat. Taylor Mason (Asia Kate Dillon) lehnt es ab, sich einem Geschlecht zuzuordnen. Er*sie sieht sich als gender-fluid und non-binär. Das schwer durchschaubare Mathe-Genie bahnt sich seinen Weg durch die Macho-Welt der Trader. Bobby Axelrod erkennt Taylors Begabung sofort und fördert sie*ihn. Da er*sie perfekte Arbeit leistet und damit Profite erwirtschaftet, spielen Geschlechternormen keine Rolle.

Die Handlung verknüpft den Aufstieg Taylors mit dem Bedeutungsgewinn von Big Data und dem Einsatz künstlicher Intelligenz an der Börse. Das hat einen realen Hintergrund. Datengestützte Geschäftsmodelle werden bereits seit Jahren gehypet in der Finanzwelt. In letzter Zeit haben zahlreiche Unternehmen tatsächlich damit begonnen, menschliche Hedge-Fond-Manager durch lernfähige Maschinen zu ersetzen. Versierte IT-Experten haben sich wichtige Positionen in den Machtzentren der Wall Street erkämpft. Aber was bedeutet es für die Gesellschaft, wenn folgenreiche Entscheidungen am Aktienmarkt immer häufiger von Programmen getroffen werden? Und wer ist verantwortlich, wenn ein Programm eine neue Krise auslöst?

Vermutlich wird Billions dieses spannende Feld bald weiter ausloten. Die vierte Staffel wurde bereits im April von Showtime in Auftrag gegeben und sollte ab Anfang 2019 ausgestrahlt werden.

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Fotos: © Showtime / Sky