Arabische Clans: Das Buch von Ralph Ghadban

In seinem Buch Arabische Clans – Die unterschätzte Gefahr, das im Oktober 2018 bei Econ erschienen ist, zeichnet der Migrationsforscher Ralph Ghadban die Entwicklung der kriminellen Clans nach und kritisiert die deutsche Politik. Die hat seiner Ansicht nach die Entstehung rechtsfreier Räume zugelassen. Der Autor unterbreitet Lösungsvorschläge, schießt jedoch auch weit über das Ziel hinaus. 

An einem spätsommerlichen Abend im September des vergangenen Jahres spazierte eine junge Familie am Rande des Tempelhofer Felds entlang. Plötzlich fielen Schüsse. Der Vater sackte getroffen zusammen, die Täter flohen in einem bereit stehenden Auto. Das Opfer des Attentats war der bundesweit bekannte Intensivtäter Nidal R. Nachdem der kurz darauf im Krankenhaus gestorben war, posteten Angehörige und Freunde in den sozialen Netzen unverhohlene Mordaufrufe gegen Personen, die sie für die Mörder hielten. Einige Tage später sprühten Unbekannte ein großflächiges Porträt des Kriminellen auf eine Wand in der Nähe des Tatorts, die Polizei ließ es entfernen. Der spektakuläre Fall befeuerte die Debatte um kriminelle Clans, die inzwischen auch Stoff für populäre Serien wie 4 Blocks oder Dogs of Berlin liefert. Höchste Zeit für ein analytisches Buch zum Thema.

Arabische Clans – Worum geht es überhaupt?

Die heute in Berlin, Essen und anderen deutschen Städten aktiven Großfamilien kamen zum größten Teil aus dem Libanon nach Deutschland. Einige haben palästinensische Vorfahren, wie Nidal R., aber die meisten gehören einer arabischsprachigen Volksgruppe mit Wurzeln im Osten der heutigen Türkei an, den Mhallami. Angehörige dieser Minderheit flohen seit den 1920er Jahren vor politischer Verfolgung durch die türkische Regierung in den Libanon. Dort lebten sie in Armenvierteln am Rande der Gesellschaft. Vom libanesischen Staat erhielten sie keine Unterstützung. Um in dieser Umgebung zu überleben, hielten die Mhallami an archaischen Clanstrukturen fest, die sie aus ihrer ländlichen Heimat mitgebracht hatten.

1975 brach im Libanon der Bürgerkrieg aus. Viele Libanesen flohen nach Europa, unter anderem nach Westberlin. Unter ihnen waren auch Mhallami sowie Palästinenser, die bereits im Libanon in Flüchtlingslagern gelebt hatten. Der damalige Vier-Mächte-Status Berlins eröffnete eine günstige Gelegenheit für die Einreise: Die Migranten flogen von Beirut oder Damaskus nach Ostberlin und reisten dann sofort mit einem Transitvisum weiter in den Westteil. Die Sektorengrenze galt aus Sicht der BRD nicht als Staatsgrenze, daher gab es keine Passkontrollen.

Viele Mhallami und Palästinenser vernichteten ihre Papiere, gaben sich als Libanesen aus und stellten in der BRD Asylanträge. Die wurden zwar in der Regel abgelehnt. Aber wegen des fortdauernden Bürgerkrieges konnten die Menschen auch nicht einfach abgeschoben werden. Das Ergebnis dieser vertrackten Situation: Die Einwanderer wurden geduldet, erhielten aber keine Arbeitserlaubnis, lebten auch hier isoliert. Einige Großfamilien wandten sich der organisierten Kriminalität zu. Aus ihnen entwickelten sich die heutigen Clans, deren Familiennamen in der Tagespresse in der Regel mit Kürzeln wie R., M. oder Al-Z. angegeben werden.

Ralph Ghadbans „Standardwerk“

Ralph Ghadban: Arabische Clans. Die unterschätzte Gefahr. Econ 2018.
Ralph Ghadban: Arabische Clans. Die unterschätzte Gefahr. Econ, 2018.

Ralph Ghadban wurde 1949 im Libanon geboren und lebt seit 1972 in Deutschland. 1977 bis 1992 leistete er Sozialarbeit mit arabischstämmigen Berlinern. Seither forscht er zu Migration mit Schwerpunkt Islam. In der Debatte um die sogenannte Clankriminalität ist der promovierte Politologe seit Jahren eine sehr präsente Figur, gibt regelmäßig Interviews in den Medien. Der Verlag vermarktet sein 300 Seiten starkes Buch folgerichtig selbstbewusst als „Standardwerk“ zum Thema.

Der Autor stellt darin eine Reihe kühner Thesen auf. So behauptet er etwa, es gäbe einen grundlegenden Unterschied zwischen Clan-Mitgliedern und allen anderen Kriminellen. Denn die Clans wähnten sich „im Besitz eines eigenen Rechtssystems“. Die Ursache: Sie seien in eine muslimische Parallelgesellschaft eingebunden, die den Rechtsstaat nicht akzeptiere. Das eigentliche Problem, meint Ghadban, sei der Islam. Der Autor behauptet sogar:

Außer der islamischen gibt es in Deutschland keine andere Parallelgesellschaft

Ghadban, S. 9

Unklar bleibt, wie er zu dieser weitreichenden These kommt. Denn offensichtlich hat er zwar die Subkultur der Libanon-Flüchtlinge erforscht, aber nie einen Vergleich zu anderen kriminellen Strukturen durchgeführt. 

Die zentrale These floppt

Mai 1996. Ein Mordkommando stürmte in einen Plattenbau in Berlin-Marzahn. Sechs junge Männer und Frauen wurden gefesselt und mit Kopfschüssen exekutiert. Die Gewalttat war die Eskalation eines erbarmungslosen Krieges, dem insgesamt 39 Menschen zum Opfer fielen. Opfer und Täter waren Vietnamesen, und Angehörige der sogenannten „Zigarettenmafia“. Deren Geschäft war aber nicht nur der Verkauf illegaler Glimmstängel, sondern auch Schutzgelderpressung und vieles mehr. Die Ermittlungen des LKA wurden erschwert, weil die Opfer gegenüber den Behörden schwiegen. 

Das ist ein Beispiel für Parallelgesellschaften, die mit dem Islam rein gar nichts zu tun haben. Doch für nicht-muslimische Migranten hat sich Ralph Ghadban offenbar nie interessiert. Deshalb ist ihm so manches entgangen.

Arabische Clans zeichnet die Welt in schwarz und weiß. Morgenland und Abendland. Der Autor versteigt sich in die vollkommen irrsinnige Behauptung, ausschließlich in muslimischen Communities könne es patriarchale Strukturen und Zwang geben. Ein nicht-muslimischer Krimineller handle hingegen grundsätzlich aus freier Entscheidung. Unweigerlich fragt sich der Leser, wem der Politologe das eigentlich erzählen möchte. Jedes Kind weiß zum Beispiel, dass Familienstrukturen in der italienischen Mafia eine wichtige Rolle spielen. Und wer als Katholik in Neapels Ghetto Scampia aufwächst, entscheidet sich nicht unbedingt aus Lust und Laune für eine Karriere in der Camorra.

Kolonialer Blick 

Der Autor ignoriert den heutigen Forschungsstand der Migrationsforschung größtenteils. Das hat einen Grund: Aktuelle Debatten werden seiner Ansicht nach von „Multikulturalisten“ und „Gutmenschen“ bestimmt, die die Gefährlichkeit des Islams unterschätzten und den Rechtsstaat aushöhlten. Um seine Sicht der Dinge zu begründen, greift Ghadban auf völlig veraltete Erklärungsmuster aus  der Orientalistik des späten 19. Jahrhunderts zurück. Das treibt bizarre Blüten. So beschreibt er zum Beispiel die angeblichen Zustände im Siedlungsgebiet der Mhallami im 15. Jahrhundert im überheblichen Tonfall eines Kolonialbeamten:

Die Religiösität ist bei den Stämmen oberflächlich, und ein moralisches Empfinden nach unserem Verständnis existiert bei ihnen nicht. Das Gute und das Böse war auf die Einhaltung und Verteidigung der Clansolidarität reduziert, alles außerhalb des Stammes war Feindesland, das es zu beherrschen und auszuplündern galt. Menschliche Gefühle wie Mitleid, Barmherzigkeit, Hilfe und Wohltat waren Fremdwörter, einziger Maßstab sind ihre Interessen. Sie waren erbarmungslos und gnadenlos, wenn es keine Gewalt gab, die ihnen im Weg stand, fühlten sie sich berechtigt, alles auszuplündern; sie vermeiden allerdings das Töten und nehmen es nur als Kollateralschaden in Kauf. Das Recht bei ihnen ist allein das Recht des Stärkeren.

Ghadban, S. 46-47

Was für Barbaren. Auffällig ist der eigentümliche Wechsel der Zeitform: Der Erzähler dieser Geschichte aus 1001 Nacht wechselt unvermittelt von der Gegenwart in die Vergangenheit und wieder zurück. Das ist kein einfaches Versehen. Im direkt darauf folgenden Absatz schreibt der Autor, die Clan-Mitglieder der Gegenwart würden heute exakt so denken und handeln wie ihre Vorfahren. Ghadban möchte dem Leser also allen Ernstes glauben machen, es gäbe keinen Unterschied zwischen Neuköllner Gangstern und Nomaden, die vor 500 Jahren Vorderasien unsicher machten. Das ist nicht nur ahistorisch und unwissenschaftlich, sondern vollkommen aberwitzig.

Verwirrung statt Analyse

Die ganze Argumentation von Arabische Clans basiert auf der Grundannahme, dass die Religion eine zentrale Bedeutung für die Clankriminalität habe. Diese These kann der Autor aber an keiner Stelle überzeugend belegen. Der Rest ist schriller Alarmismus. Die Clans haben sicher eine erschreckende Macht auf den Straßen einiger Großstädte. Dass sie aber, wie Ghadban behauptet, bereits den deutschen Staat insgesamt aus den Angeln gehoben hätten, erscheint dann doch etwas übertrieben. Langatmige Tiraden über die „Multikulturalisten“, die angeblich eine Art Allmacht haben und die Politik bestimmen, erhöhen das Lesevergnügen wohl nur für eine bestimmte Zielgruppe rechts der Mitte.

Ralph Ghadban scheint sich Frust von der Seele geschrieben zu haben. Vermutlich hätte er aber besser zwei Bücher verfassen sollen:

  1. Eine persönliche Abrechnung mit dem Islam und der liberal geprägten Sozialarbeiter-Szene.
  2. Ein sachliches Buch über die Strukturen gewalttätiger Clan-Familien und mögliche Lösungsansätze für Gesellschaft und Staat.

Letzteres wäre tatsächlich interessant gewesen, hätte aber auf maximal 80 Seiten Platz gefunden.

Arabische Clans versucht die große Welterklärung, und mäandert doch nur zwischen pauschalen Behauptungen, fragwürdigen Anekdoten und philosophischen Überlegungen hin und her. Der Autor verwendet Begriffe, ohne sie voneinander abzugrenzen. Muslime, Islamisten, Clans, Flüchtlinge – alle werden in einen großen Topf geworfen. In dem Wirrwarr gehen die vernünftigen Aussagen unter, die in all dem durchaus auch enthalten sind.

Das war leider nichts

Die Gewaltkriminalität der Clans ist ein ernstes Problem, sie verursacht großes Leid. Und ein archaisches Verständnis des Koran ist sicherlich nicht hilfreich bei der Integration großer Gruppen von Migranten. Kaum jemand würde Ralph Ghadban da widersprechen. Und grundsätzlich hat er sicher auch Recht mit seiner Forderung, die Politik müsse mehr konkrete Maßnahmen ergreifen, um die mafiösen Strukturen zu zerschlagen. Doch Arabische Clans kommt mit zu viel Missionseifer und krudem Zeug daher, um zum Verständnis der komplexen Problematik beitragen zu können. Immerhin: Im Regal der Buchhändler, beziehungsweise in den Amazon-Empfehlungen, findet es seinen Platz neben den Werken anderer islamkritischer Publizisten wie Hamed Abdel-Samad, Seyran Ateş, Hendrik Broder oder Necla Kelek. Und entsprechend gut wird es sich ohne Zweifel verkaufen.

Foto: Wandgemälde mit Porträt von Nidal R. / © Christoph M. Kluge

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