48 Hour Film Project: Rasantes Kurzfilm-Festival im Kino Babylon

Am Samstag rollte das Babylon den roten Teppich aus. Buchstäblich. Im Traditionskino wurden zwölf bemerkenswerte Kurzfilme präsentiert. Die Shorts waren im Rahmen eines ungewöhnlichen Wettkampfs entstanden. Die Teilnehmer beim 48 Hour Film Project hatten eine Aufgabe: In nur 48 Stunden mussten sie einen vollständigen Kurzfilm produzieren. Vom Drehbuch bis zum Schnitt. Das bedeutete Adrenalin, Stress und Schlafmangel. Doch die Strapazen lohnten sich. Der Sieger hat nun sogar die Chance, bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt zu werden.

48 Hour Film Project ist ein weltweiter Wettbewerb

Der Berliner Wettbewerb ist einer von sehr vielen. Die Idee dazu hatten die US-Filmemacher Mark Ruppert und Liz Langston bereits 2001. Damals  veranstalteten sie das erste Festival in Washington, D.C. Seither expandierte das 48 Hour Film Project rund um den Globus. Heute gibt es lokale Ausscheidungen in etwa 130 Städten von Buenos Aires bis Shanghai.

Deren Gewinner treffen sich jeweils im Folgejahr beim Filmapalooza-Festival. Das findet diesmal in Orlando, Florida, statt. Wer dort triumphiert, wird dann wiederum bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt, in der Short Film Corner. Auch unter dem Strich kann sich das Ergebnis sehen lassen: In den vergangenen 17 Jahren wurden bereits über 30.000 Kurzfilme auf diese Weise gedreht.

Ein knallhartes Regelwerk

Alle Teilnehmer müssen sich an strikte Regeln halten. Patrick Rupprecht vom Berliner Veranstalter Turbonale erklärt: „Die Teams müssen drei Pflichtelemente möglichst kreativ in ihrem Film unterbringen: Einen Charakter, ein Requisit und eine Dialogzeile. Diese Elemente sind für alle Teams gleich. Die Teilnehmer erfahren sie aber erst unmittelbar vor dem Startschuss.“ Der wurde am Abend des 7. September abgefeuert. Am Sonntagabend um 19 Uhr musste der Film schon fertig sein.

Die Pflichtelemente in diesem Jahr:

  • Charakter: Horst oder Helga Linde, Maler/in
  • Requisit: ein Kalender
  • Dialogzeile: „Du hattest eine Aufgabe!“ („You had one job!“)

Um es etwas schwieriger und auch interessanter zu machen, erhielt jedes Team ein anderes Genre – per Los. Niemand wusste also vorher, was genau verlangt sein würde. Insgesamt nahmen 13 Teams teil. Zehn davon erledigten die Aufgabe vor der Deadline und kamen so in die Auswahl. Zwei schafften es nicht rechtzeitig. Letztere konnten zwar nicht am Wettbewerb teilnehmen, wurden aber beim Screening gezeigt. So hatten sie zumindest noch die Chance auf den Publikumspreis.

Die Krux mit den Pflichtelementen

Pragmatisch gingen Jason McRuer und sein Team mit den Pflichtelementen um. Gleich zu Beginn ihres Road-Movies „Second Date“ wird eine Malerin namens Helga Linde ermordet. Die Mörderin ruft: „Du hattest eine Aufgabe!“. Dann folgt eine ganz andere Geschichte.

Der Stummfilm „La Belle“ hingegen zeigt ein dramatisches Kammerspiel in einem Maler-Atelier. Stilecht in Schwarzweiß, mit theatralischen Grimassen und Zwischentiteln. Das Team aus „alten Hasen“ um den Rundfunkredakteur Michael Herden produzierte gewissermaßen eine Hommage an den Film im Allgemeinen und wohl auch an das Kino Babylon. Wunderbar nostalgisch. Fast hätte man vergessen, dass das vorgegebene Genre eigentlich „Film Noir“ hieß.

Nur einer kann gewinnen

Das Team um Regisseur Alexander Garms musste eine Mockumentary drehen. Also eine fiktive Geschichte, erzählt im Stil einer Doku. Mit Wackelkamera und Interviews. „Team Event“ begleitet vier Angestellte, die von ihrer Firma zu einer verkrampften Teambuilding-Übung gezwungen wurden. Gemeinsam sollen sie eine Hütte im Wald bauen, auch wenn niemand wirklich Lust dazu hat. Sebastian Rein brilliert als Chef, der nicht aus seiner Haut kann. Und Maike Specht stichelt wunderbar passiv-aggressiv. Beide erhielten Preise als beste Hauptdarsteller. Die Jury prämierte auch das Drehbuch von „Team Event“. 

Sieger des Abends: „Pygmalion“. Leider. Die überschaubare Story: Ein Künstler verliebt sich in sein Werk. Der Name deutet es bereits an. Der Film von Tim Strecker und Adrian Doll erweist sich als öde, sperrig und einfallslos. Pseudointellektuelles Gedöns, das sich selbst viel zu wichtig nimmt und eigentlich nichts zu sagen hat. Zugegeben, das Team bewältigte einen enormen technischen und organisatorischen Aufwand. Die Jury ließ sich vom Strebertum blenden. „Pygmalion“ räumte ab und erhielt Preise für Regie und Schnitt, wurde am Ende sogar zum „Besten Film“ gekürt.

An dieser Stelle seufzt der Kritiker leise. Denn diese Kette fataler Fehlentscheidungen könnte zur Folge haben, dass wir alle in Zukunft noch mehr von Strecker und Doll sehen müssen.

Außer der Reihe

Eher rätselhaft hingegen: Der Film „Galactic Static“ zeigt zwei Frauen auf einer Wohnzimmercouch, vertieft in ein wirres Gespräch über verschiedene Batman-Darsteller. 2:23 Minuten Trash. Was Lilian Wahrmann und Andrea Neustein mit dem Rest des Wochenendes gemacht haben, ist nicht bekannt. Wegen verspäteter Abgabe wurde ihr seltsames Werk von der Jury nicht bewertet. Chuzpe haben sie jedenfalls bewiesen.

Auch „Ein kurzer Scheißfilm“ war kein offizieller Wettbewerbsteilnehmer: Die Hamburger Kunstinitiative Millerntor Gallery möchte mit diesem professionell produzierten Streifen auf ein ernstes Problem aufmerksam machen: Über zwei Milliarden Menschen weltweit haben keinen Zugang zu Sanitäranlagen. Dadurch verbreiten sich gefährliche Krankheiten wie Typhus oder Cholera. Der Film selbst ist aber ausgesprochen witzig: Eine Avantgarde-Künstlerin sperrt sieben Personen in einen Raum. Den dürfen sie erst wieder verlassen, nachdem sie ihre Notdurft verrichtet haben. Das führt zu peinlichen Momenten und schrägen Dialogen. „Ein kurzer Scheißfilm“ gewann den Publikumspreis.

Wer die zwölf Kurzfilme sehen möchte, wird sie in Kürze auf der Website des Veranstalters finden können. Das 48 Hour Film Project bietet auch im kommenden Jahr wieder jungen Filmschaffenden eine hervorragende Gelegenheit, ihre Kreativität und Fähigkeit unter Beweis zu stellen. 

Foto oben: Cast & Crew „Team Event“ (Foto: Mohsen Hassani)

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