Xavier Naidoo vs. Realität: Wie es ist, vom Schmusesänger verklagt zu werden

Xavier Naidoo wird nicht beim „Eurovision Song Contest“ antreten. Der freie Journalist Roland Sieber kennt den umstrittenen Musiker: Nachdem er dessen Texte öffentlich kritisiert hatte, wurde er von ihm verklagt.

Die einsame Entscheidung des NDR, Naidoo als deutschen Kandidaten zum internationalen Singwettbewerb im nächsten Jahr nach Stockholm zu schicken, löste eine hitzige Kontroverse aus. Mittlerweile ist die Ernennung zurückgenommen worden, was wiederum die Fans und auch prominente Freunde des Musikers auf den Plan rief: Nicht nur der Schauspieler und intensive Facebook-Nutzer Til Schweiger empörte sich über eine angebliche „Hetzkampagne“, auch die Komiker Michael Mittermeier, Atze Schröder und Bülent Ceylan standen ihm bei, nicht zuletzt die Rapper Fler und Massiv. Dem Musikproduzenten Ralph Siegel tat Naidoo nach eigenen Angaben leid, Herbert Grönemeyer vermutete einen Angriff auf die Kultur allgemein.

Tatsächlich war die Ursache für die Rücknahme aber wohl nicht öffentlicher Druck, sondern ein interner „Brandbrief“ von zahlreichen NDR-Mitarbeitern, die sich darin gegen Naidoo als Kandidaten aussprachen. Das berichtet das Medienmagazin Meedia und beruft sich auf Recherchen der Bild-Zeitung. Weil bereits ein Vertrag geschlossen worden sei, werde der umstrittene Kuschelsänger jedoch eine Vertragsstrafe geltend machen können, vermutet Meedia. Der Blog des Deutschen Journalisten Verbandes wies unterdessen seinerseits die Angriffe von Schweiger & Co zurück: Dass Journalisten über einen „Shitstorm“ berichten, bedeute noch lange nicht, dass sie ihn ausgelöst hätten.


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Naidoos politische Ansichten waren in den vergangenen Jahren immer wieder Thema in der Berichterstattung, vor allem aufgrund von Liedtexten, die von Kritikern als subtil antisemitisch ausgelegt wurden. Ein Auftritt des ehemaligen Dozenten der Mannheimer Popakademie am Berliner Reichstag im Oktober 2014, bei dem er vor einem Publikum aus Esoterikern, NPD-Anhängern und vor allem „Reichsbürgern“ sprach, trug nicht gerade dazu bei, den Verdacht zu entkräften. Bei „Reichsbürgern“ handelt es sich um eine verschwörungsideologische Strömung, die die Legalität des deutschen Staates mit teilweise sehr fantasievollen Begründungen ablehnt. In ihrem Konflikt mit den Behörden greifen einige zu kriminellen Methoden.

In welchem genauen Verhältnis der Interpret von schwülstigen Hits wie „Dieser Weg“ oder „Und wenn ein Lied“ zu den rechtsradikalen beziehungsweise rechtsesoterischen Personengruppen steht, die ihn offenbar als Helden verehren, ist ziemlich unklar (womöglich auch für ihn selbst). Gegenüber Kritikern bezieht Naidoo hingegen durchaus deutlich Stellung – auch vor Gericht. Der freie Journalist und Blogger Roland Sieber hatte sich in einem Artikel kritisch über einige Songtexte des Barden geäußert. Naidoo verklagte ihn daraufhin vor dem Mannheimer Landgericht. Ich wollte mehr über dieses Erlebnis wissen und habe Roland Sieber dazu befragt.

Warum hat Xavier Naidoo dich verklagt?

Bei der Amadeu-Antonio-Stiftung ging Mitte Juli eine Abmahnung von Xavier Naidoos Rechtsanwälten ein, die den Antisemitismus in seinen Songzeilen leugnete und mir unzutreffende Berichterstattung in dem Artikel „Xavier Naidoo: Telegramm für X oder wie bringe ich Reichsbürger-Inhalte ins Fernsehen“ auf Netz-gegen-nazis.de unterstellte. Nach Rücksprache mit einem Juristen entschieden wir, uns nicht erpressen zu lassen und die beigefügte Unterlassungserklärung nicht zu unterschreiben, da wir davon ausgingen, dass ein Gericht die zu erwartende Unterlassungsklage in allen Punkten abweisen würde.

Was war dein persönlicher Eindruck vom Schmusebarden vor Gericht?

Ich habe den Eindruck, dass Xavier Naidoo den Bezug zur Realität verloren hat. So leugnete er vor Gericht, auf einer Reichsbürgerdemo aufgetreten zu sein. Laut ihm war das nur eine Friedensdemo. Auch will er diese nicht unterstützt haben. Als der Vorsitzende Richter dazu eine andere Meinung vertrat, wurde Naidoo sichtlich emotional. Auch der Antisemitismusvorwurf machte den Sänger scheinbar wütend. Ich habe den Eindruck, er versteht nicht, was für Songzeilen und Aussagen er verbreitet und dass er Demos unterstützt, wenn er an diesen teilnimmt und mit seinen Reden und Songs auf der Bühne die Stimmung anheizt.

In Diskussionen kommt immer wieder die These auf, dass er vor Religiosität, Verschwörungsideologie oder aufgrund einer psychischen Krankheit an einer verschobenen Realitätswahrnehmung leidet. Dies würde ich so bestätigen. Da muss ich ihn in Schutz nehmen: Ich glaube nicht, dass er ein wissentlicher Juden- oder Schwulenhasser ist. Ich habe eher den Eindruck, er realisiert nicht, was er verbreitet. Und wenn ihn dann mit Kritik der Spiegel vorgehalten wird, empört ihn dies zutiefst. Dieses Phänomen der Realitätsverschiebung haben wir auch bei vielen Pegida-Unterstützern, die einerseits vor laufender Kamera rassistische Parolen rufen, aber andererseits den Vorwurf des Rassismus vehement von sich weisen. Die sogenannten „Ja, aber…“-Nazis.

Wie ist die Sache ausgegangen?

Dazu äußere ich mich besser ohne Rücksprache mit einem Anwalt nicht tiefer. Nur so viel, dass es kein Urteil, sondern einen Vergleich gab. Hier empfehle ich die Berichterstattung über geleakte Prozessunterlagen auf den Blog „Die Skeptiker“ der GWUP. Auch der Mannheimer Morgen und der Rheinneckarblog berichteten.

Wenn Xavier Naidoo kein beinharter Nazi-Ideologe ist, sondern ein wirrer Popstar. Kann man dann seine Äußerungen nicht einfach ignorieren oder belächeln?

Ist „wirr sein“ immer harmlos? Ab wann führen antisemitische Verschwörungstheorien zu Vorurteilen und Gewalt gegen Juden? Ja, Xavier Naidoo ruft zu Frieden und Liebe und nicht zu Gewalt auf. Er persönlich dürfte also eher nicht zu Gewalt neigen, diese sogar zutiefst ablehnen. Aber Fans von ihm sind durch seine Stichworte und seine Songzeilen in die verschwörungsideologische Szene gerutscht, in der es auch gewalttätige Reichsbürgergrüppchen gibt bei denen es in den letzten Monaten und Jahren Waffen- und Sprengstofffunde gab.

Aktuelles von Roland Sieber findest du auf Twitter.

Foto oben: Flickr | frankieleon | CC 2.0

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