Wurden “Verschwörungstheoretiker” vom US-Geheimdienst erfunden?

Die Bezeichnung “Verschwörungstheoretiker” sei ein Totschlagargument gegen Kritiker, behaupten Leute, die regelmäßig als Verschwörungstheoretiker bezeichnet werden. Dahinter stecke sogar ein genialer Trick der CIA. Doch das stimmt wohl nicht ganz.

Der Westen wolle das deutsche Volk in einen Krieg mit Russland treiben, verkündet der ehemalige CDU-Politiker Willy Wimmer. Die Lage ist dramatisch, erfahre ich an diesem sommerlichen Sonntag vor dem Brandenburger Tor. Die NATO zieht „schon wieder“ Panzer vor St. Petersburg auf. Wieso „schon wieder“? Weil das transatlantische Bündnis „in der Tradition von Hitler und Napoleon steht“. Achso. Danach erklärt ein Rapper, die Atlantik-Brücke sei in irgendeiner Weise für den Tod von Alfred Herrhausen verantwortlich. Spätestens als eine Liedermacherin die „BRD GmbH“ anklagt, die ihrer Ansicht nach mit Umweltverschmutzung und Konsumkultur in Verbindung steht, ist es wieder da – das Feeling der Montagsmahnwachen, die vor zwei Jahren von diesem Ort ausgingen.

Anlass des Revivals ist die „Friedensfahrt Berlin-Moskau“, ein Autokorso deutscher Friedensfreunde durch Osteuropa mit angeblich 250 Teilnehmern, dessen skurriler Höhepunkt die Übergabe eines Ölgemäldes an Wladimir Putin sein soll. Das Projekt erhält Schützenhilfe nicht nur von der russischen Botschaft, sondern auch der „Bruderschaft Deutsch-Russische Seelen“ und den „Nachtwölfe“-Rockern, beide Männerbünde zeigen Präsenz. ‚Alternativmedien‘ begleiten das Ganze wohlwollend, das Webportal KenFM ebenso wie RT-Deutsch. Vor Ort ist auch ein Kamerateam von klagemauer.tv, dem Internet-Fernsehen eines Schweizer Sektengurus. Dieses illustre Spektrum wird im Medienjargon regelmäßig unter dem Label „Verschwörungstheoretiker“ zusammengefasst.

Verschwörungstheoretiker wollen nicht als Verschwörungstheoretiker bezeichnet werden

Sie fühlen sich in eine Ecke gedrängt und diffamiert. Als Ursache für die als ungerecht empfundene Behandlung vermuten sie in letzter Zeit immer öfter – und das ist ein wirklich interessantes Argument – eine Verschwörung des US-Geheimdienstes. In einem aktuellen Artikel auf KenFM behauptet Ullrich F. J. Mies, der Ausdruck „Verschwörungstheorie“ sei 1968 von der CIA erfunden worden, um Kritiker zum Schweigen zu bringen. Mithilfe „psychologischer Kriegsführung“ habe der US-Geheimdienst seinerzeit versucht, Zweifel am offiziellen Untersuchungsbericht zum Mord an John F. Kennedy als illegitim abzustempeln. „Ein genialer Schachzug“ sei das gewesen, glaubt der KenFM-Autor.

Diese Behauptung kursiert schon seit Längerem in der verschwörungsfreundlichen Szene. Mies bezieht sich auf Rainer Mausfeld, von dem er dieses wohlgehütete Geheimnis erfahren haben will. Mausfeld ist Professor für Psychologe an der Universität Kiel, im Truther-Milieu aber eher durch einen Vortrag mit dem Titel „Warum schweigen die Lämmer? Demokratie, Psychologie und Empörungsmanagement“ bekannt, der zu einem kleinen YouTube-Hit avancierte. Seither hat der Professor seine Szenebekanntheit mit Interviews in einschlägigen ‚Alternativmedien‘ wie KenFM  oder NachDenkSeiten weiter ausbauen können. Er ist beileibe nicht der einzige Akademiker im Verschwörungstheoretiker-Milieu, einer der Initiatoren der „Friedensfahrt“ beispielsweise ist der Geograph Rainer Rothfuß.

Die Spur führt in die Vereinigten Staaten (natürlich)

Mausfeld erwähnt die angebliche Konstruktion des Feindbilds Verschwörungstheoretiker durch die CIA auch in einem Artikel im Truther-Magazin Free21. Die dazugehörige Fußnote verweist auf das Buch Conspiracy Theory in America von Lance deHaven-Smith, das 2013 in den USA erschienen ist. Dessen Autor, seines Zeichens Professor für Staatsrecht an der Florida State University, hat diese Theorie allerdings nicht selbst aufgestellt, sondern eine spätestens seit den 1990er Jahren kursierende Idee aufgegriffen. Die Meta-Verschwörungstheorie bezieht sich auf die Kontroverse um den Bericht der Warren-Kommission und stützt sich konkret auf ein CIA-Dokument mit der Nr. 1035-960, das 1976 auf Grundlage des „Freedom of Information Actveröffentlicht wurde.

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CIA Document 1035-960Das Schriftstück von 1967 liefert tatsächlich eine Sprachregelung für CIA-Angehörige, eine Art Argumentationshilfe. Mit mehr oder weniger fragwürdigen Gegenargumenten sollen die Agenten „conspiracy theories“ begegnen und so die angeschlagene Außenwirkung der eigenen Organisation wieder verbessern. Zum Beispiel mit dem Hinweis, derartiges Gerede werde häufig von Kommunisten verbreitet. Aus dem Dokument geht aber keineswegs hervor, dass der Geheimdienst selbst die Gerüchte für wahr hält. Es enthält auch keinen weitreichenden Plan zur psychologischen Massenkontrolle. Das Dokument markiert offensichtlich nicht einmal die Geburtsstunde des Ausdrucks, denn der wird darin recht selbstverständlich verwendet.

Wer hat’s erfunden? Die CIA jedenfalls nicht

Kein Wunder, denn vier Jahre zuvor bereits hatte Karl Popper sein Buch Vermutungen und Widerlegungen veröffentlicht und darin eine „Verschwörungstheorie“ als pseudoreligiöse Weltanschauung definiert, die soziale Verhältnisse vereinfacht, nicht an Zufälle glaubt und einzelnen Akteuren viel zu viel Einfluss zuschreibt.  Mit dieser erkenntnistheoretischen Kategorie wollte Popper eine strikte Trennlinie zwischen wissenschaftlichem und konspirologischen Denken ziehen:

Die Verschwörungstheorie der Gesellschaft ist nur eine Variante des Theismus, eines Glaubens an die Götter, deren Launen und Willen alles beherrscht [sic]. Sie kommt davon, daß man Gott aufgibt und dann die Frage stellt: ‚Wer nimmt seinen Platz ein?‘ Sein Platz wird dann besetzt durch verschiedene mächtige Menschen und Gruppen – durch finstere Interessengruppen, denen dann unterstellt wird, daß sie die große Depression geplant haben, und alle Übel, an denen wir leiden.

Poppers liberales Denken ging davon aus, dass antidemokratische Ideologien, so unterschiedlich sie im Einzelnen sein mögen, am Ende auf Irrationalismus beruhen. Dem wollte er eine streng rationale Sichtweise entgegenstellen. Der Begriff „conspiracy theory“ ist aber nicht erst im Kontext des Kalten Krieges entstanden. Tatsächlich gab es ihn schon lange bevor John F. Kennedy geboren wurde.

Wikipedia weiß zu berichten, dass der Historiker Allen Johnson das Wort bereits 1909 in einer wissenschaftlichen Rezension benutzte. Johnson warf dem Autor vor, sich auf ungesichertes Wissen zu stützen.  Der hatte behauptet, ein Politiker namens David Rice Atchison habe zu Beginn des 19. Jahrhunderts hinter den politischen Kulissen für die Einführung des Missouri-Kompromisses gesorgt, einer gesetzlichen Regelung der Sklavenhaltung. Johnson glaubte offenbar nicht daran. Doch der Begriff ist noch älter.

Verschwörungstheoretiker sind immer die Anderen

Robert Blaskiewicz, Assistenzprofessor für Critical Thinking an der Stockton University, hat ihn weiter verfolgt: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sorgte eine Okkultistin namens Helena Blavatsky mit Seáncen und allerlei mystischen Geheimlehren für Furore in den USA. 1885 wurde sie als Schwindlerin entlarvt, die gesamte spiritistische Szene geriet in eine Krise. Unter anderem kam heraus, dass sich Blavatsky eines Netzes von Informanten bedient hatte, um ihre angebliche Fähigkeit zur Hellseherei zu simulieren. Ein theosophisches Journal namens The Path eilte der Mystikerin zu Hilfe. In einem Artikel vom Mai 1890 wurde die Behauptung, es habe ein Spitzelnetzwerk gegeben, wörtlich als „conspiracy theory“ abgetan.

Doch auch das ist nicht die erste überlieferte Erwähnung. 1870 warf der Schriftsteller und politische Aktivist Charles Reade den Mitarbeitern psychiatrischer Einrichtungen in Großbritannien vor, die brutale Misshandlung von Patienten systematisch zu vertuschen. Sie würden eine Methode verwenden, den Insassen schmerzhafte Knochenbrüche zuzufügen, die äußerlich nicht erkennbar sind – und kollektiv darüber schweigen. Auch die Fachzeitschrift Lancet setzte sich kritisch mit dem Phänomen auseinander. Das konkurrierende Journal of Mental Science hingegen wies die Behauptung Reades als Verschwörungstheorie zurück. Dabei verwendete es das Wort als Kampfbegriff, um einen unliebsamen Kritiker zu diskreditieren – ganz ohne CIA-Anleitung.

Bereits im 19. Jahrhundert wurde der Begriff verwendet

Robert Blaskiewicz hat diese Quellen mithilfe eines öffentlich zugänglichen Tools gefunden: GoogleBooks. Mit wenigen Klicks kann jeder interessierte Internetuser dort herausfinden, dass der Ausdruck “Verschwörungstheorie” auch im deutschen Sprachgebrauch bereits im 19. Jahrhundert geläufig war. 1888 etwa taucht er in den Jahresberichten der Geschichtswissenschaft auf, ebenso zwei Jahre zuvor in einer anderen Ausgabe derselben Zeitschrift. Die früheste Quelle im Textkorpus der GoogleBooks-Sammlung ist ein Buch mit dem Titel Die Polen und Ruthenen in Galizien von dem polnischen Historiker Józef Szujski, das 1882 in Wien und Teschen verlegt wurde. Mit etwas Glück ist es mir sogar gelungen, dieses Werk in der Bibliothek ausfindig zu machen.

In der fraglichen Passage beschäftigt sich Szujski mit den revolutionären Unruhen des Jahres 1848 in Westgalizien. Die österreich-ungarische Krone erstickte den Aufstand im Keim, die von verschiedenen Ethnien bewohnte Region der heutigen Ukraine gehörte damals zum Habsburger Reich. Der Autor lehnt die Aufrührer strikt ab und wirft ihnen vor, einer „unseligen Verschwörungstheorie“ angehangen zu haben. Gesellschaftliche Veränderungen sollten seiner Ansicht nach langsam und „auf Grundlage religiöser Erziehung“ erfolgen. Für den Konservativen Szujski gelten also – im genauen Gegensatz zu dem, was Popper etwa 80 Jahre später formulieren wird – gerade liberale Ideen als Verschwörungstheorien, weil sie die gewachsene Ordnung und Stabilität der Gesellschaft gefährden.

Verschwörungtheoretiker sind Pop

Kurzum, die CIA hat‘s nicht erfunden. Tatsächlich wurde der Ausdruck immer wieder benutzt, um unliebsame Positionen zu diffamieren, allerdings von ganz unterschiedlichen Akteuren. Zweifelsohne üben Begriffe einen großen Einfluss auf die Gesellschaft aus, weil sie unser Denken strukturieren. Es ist aber furchtbar naiv anzunehmen, dass ein Geheimdienst die Menschen steuern könnte, indem er Wörter erfindet. Semantiken unterliegen einem fortwährenden Wandel, das Wort „Verschwörungstheorie“ ist ein gutes Beispiel dafür. Mittlerweile gibt es einige Sozialforscher, die Poppers strikte Trennung von rationalem und irrationalem Denken hinterfragen, zum Beispiel in einem Sammelband von Andreas Anton et. al., doch dieser Ansatz steckt noch in den Kinderschuhen.

Verschwörungstheorien sind Teil der Popkultur. Ihre heutige Erscheinungsform wurde wesentlich Anfang der 1970er Jahre in den USA geprägt, schreibt die Kulturwissenschaftlerin Clare Birchall in ihrem Buch Knowledge Goes Pop. Die Verunsicherung durch Vietnamkrieg, Watergate-Affäre und das Bekanntwerden diverser Attentatsversuche auf Fidel Castro ließen auch den JFK-Fall und frühere Ufo-Geschichten in neuem Zwielicht erscheinen. Die junge Generation war enttäuscht vom schnellen Ende der Studentenrevolte und traute der Regierung alles zu. Washington wurde nun als Zentrum aller möglichen Verschwörungen imaginiert. Hollywood verlieh dem neuen Lebensgefühl mit Paranoia-Filmen wie The Parallax View, Three Days of Condor oder All the President’s Men eine nachhaltig wirksame Ästhetik. In dieser Stimmung erschien das CIA-Dokument 1035-960 manchen Beobachtern bereits als Indiz für finstere Machenschaften. Doch erst Jahrzehnte später, nach dem Ersten Golfkrieg, wurde ihm in der Truther-Szene eine zentrale Bedeutung für die “psychologische Kriegsführung” zugeschrieben.

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