W(oh)er ich bin: ‘The Situation’ am Gorki-Theater

Der Nahe Osten ist auch nicht mehr das, was er mal war. Yael Ronen bringt den aktuellen Konflikt und die Migrationsproblematik auf die Bühne des Berliner Gorki-Theaters.

„Ich will dich integrieren!“

ruft der der gutmütige, aber etwas dümmliche Deutschlehrer Stefan (Dimitrij Schaad) dem Syrer Hamoudi (Ayham Majid Agha) zu. Der Flüchtling wohnt bei ihm – vorübergehend, bis sich die Situation in Deir Ez-Zor beruhigt hat – und erzählt plötzlich von seinen guten Kontakten zum ‘Islamischen Staat’. Aber das ist ein Scherz. Nein, irgendwie auch nicht. Doch, natürlich.

Wer macht eigentlich IS-Scherze?

Die Regisseurin Yael Ronen navigiert mit „Dritte Generation“ seit 2008 im Bermuda-Dreieck der Identitäten, irgendwo zwischen Israel, Palästina und Deutschland, durch Stürme aus Vorwürfen, Gegenvorwürfen und Schuldgefühlen, über die Untiefen der Verwobenheit von Nahost-Wahrnehmung und Holocaust-Erinnerung hinweg.

Common Ground“ (2015) thematisiert den Jugoslawienkrieg, findet Worte für das Unaussprechliche, die Gewalt und den Schmerz, die Wut der Überlebenden. Das Theater wird zum sicheren Raum, in dem es möglich wird, in die Verzweiflung einzutauchen und so lange zu suchen, bis Hoffnung gefunden ist. Beide Stücke werden als work in progress ständig weiter entwickelt.

Das Lager Zaatari im Norden Jordaniens beherrbergt momentan etwa 80.000 Flüchtlinge aus Syrien (Foto: US State Department)

Wie Ronens frühere Stücke arbeitet auch „The Situation“ mit einer Art Gruppentherapie-Konstellation. Und auch diesmal wird die Zeit vermutlich Veränderungen bringen. Momentan zeigt es sich vergleichsweise ruhig, analytisch, fast kopflastig, und wird von teilweise sehr langen Monologen getragen. Diese relative Kühle erweist sich jedoch als dem Thema angemessen.

“Wie kann ich den Konflikt im Nahen Osten lösen?”

fragt sich der überforderte Stefan, nachdem ihn israelische, palästinensische und syrische Migranten mit einer Reihe vertrackter und einander widersprechender Erzählungen konfrontiert haben. Sprechen die Figuren eigentlich für sich selbst oder als Repräsentanten ihres jeweiligen Kollektivs? Bei allem, was sie trennt, gemeinsam ist ihnen die Prägung durch „The Situation“.

Die Situation – also der Konflikt und alles, was er mit sich bringt – durchdringt den persönlichen Erfahrungsraum des Menschen bis in den letzten Winkel. Unmöglich, die Frage „Wer bist du?“ zu trennen vom „Woher komme ich?“. Gegenseitige Wahrnehmungen werden bestimmt von stereotypen Zuschreibungen und mehr oder weniger feindseligen Unterstellungen.


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Die unterschiedlichen Nahost-Narrative sind ebenso unvereinbar wie miteinander verzahnt. Alte Identitätsfragen und die – je nach Lesart – gescheiterten, unvollendeten oder verratenen arabischen Revolutionen, der Aufstieg der Islamisten, die Bürgerkriege in Syrien und dem Irak sowie die Verschärfung globaler Spannungen… Faktoren neigen dazu, sich zu multiplizieren.

Das lässt sich zwar kaum entwirren, aber durchaus erzählen. Zum Beispiel auf einer Theaterbühne.

Da ist etwa der israelische Araber Amir (Yousef Sweid), der mit seinem kleinen Sohn ein Restaurant in Berlin-Neukölln besucht. Das Kind, dessen Mutter Jüdin ist, sagt etwas auf Hebräisch. Daraufhin bezeichnet der Wirt, der in einem libanesischen Lager geboren wurde und Israel nur aus den Nachrichten kennt, seinen Gast als Verräter an der gemeinsamen Sache.

Was soll Stefan nun davon halten? Das ist nur eine der Fragen, die The Situation nicht beantwortet. Das Stück bietet weder den zynischen Blick aus der Ferne noch emotionale Ergriffenheit, weder plumpe Parteinahme noch seichten Multikulti-Kitsch. Aber andererseits ist es auch genau das. Das Drama bietet Raum für das Ambivalente, das Grau in seinen Schattierungen.

In Ronens Welt wird auch die Grenze zwischen Darsteller und Figur durchlässig. Biografie und Fiktion verschwimmen. Individuelle Identitäten und kollektive Meistererzählungen umkreisen einander, prallen zusammen, taumeln auseinander und taxieren den Schaden. Und in all dem – man hält es kaum für möglich – entsteht tatsächlich eine Form von Klarheit. Oder etwas ähnliches.

Ob es Stefan am Ende gelingt, den Nahostkonflikt zu lösen, kann hier leider nicht verraten werden.

Foto oben: Gaza (Flickr | Al-Ajazeera English | CC 2.0)