Wir sind wir, die Nazis seid ihr: die AfD marschiert durch Berlin

Die AfD mobilisierte etwa 5.000 Menschen zu ihrer Demonstation nach Berlin. Es kamen deutlich weniger Gegendemonstranten als erwartet. Ein Nachmittag voller schräger Aussagen und großer Gesten, aber weitgehend ohne Inhalte.

„Nazis raus! Nazis raus!“, rufen die Anhänger der „Alternative für Deutschland“ den linken Gegendemonstranten zu und freuen sich über die ironische Brechung, vermutlich weil Ironie normalerweise nicht gerade ihre Stärke ist. Gemeint seien natürlich die „roten Nazis“, die müssen raus, erklärt der Redner zur Sicherheit noch einmal, um dann von „der Politik“ – so ganz im Allgemeinen – zu fordern, dass sie „die Menschen in unserem Land nicht überfordern“ soll. Die AfD hat im Rahmen ihrer „Herbstoffensive“ zur Großdemonstration gegen „Asylchaos“ und Angela Merkel aufgerufen. Tausende sind tatsächlich gekommen.

Die nach eigenen Angaben von der Politik Überforderten ziehen also weiter, marschieren unter einer verwirrenden Vielzahl von Fahnen durch Mitte. Neben dem schwarz-rot-goldenen Banner sind die Farben und Wappen diverser deutscher Bundesländer zu erkennen, aber auch die im Milieu der verschwörungsideologischen Reichsbürger und bei Pegida beliebte Wirmer-Flagge. Zwischen ihnen laufen Einzelpersonen mit mehr oder weniger originellen Schildern. Ganz so, wie das auch bei anderen Protesten heute üblich ist, trägt jeder seine individuelle Parole mit sich herum.

“Das Fremde hass ich nicht – will Deutscher sein” (etwas rätselhafte Aussage in Kommentarspalten-Deutsch auf einem Transparent)

Fahnen (vom althochdeutschen „fano“ abgeleitet) sollten in vormodernen Zeiten Orientierung bieten in der Schlacht, dazu sind sie erfunden worden. Die farbigen Tücher waren ein militärisches Kommunikationsmittel, das dem Einzelnen im unübersichtlichen Nahkampf zeigte, wo sich seine Einheit befand, ihm also half, Freund und Feind unterscheiden zu können. Im übertragenen Sinne haben sie diese Funktion natürlich auch heute noch. Sie dienen der Selbstvergewisserung von Gruppen und werden zum Beispiel auch von den Gegendemonstranten so verwendet.

Doch was sagt ein derartiges Durcheinander unterschiedlicher Fahnen eigentlich aus? Bei der konkreten Auswahl spielen Zufall und persönlicher Geschmack offenbar eine größere Rolle als inhaltliche Überlegungen. Statt Orientierung nur weitere Verwirrung. Das AfD-Logo, ein eher nichtssagender roter Haken auf blauem Grund, der entfernt an das berühmte Nike-Emblem erinnert, taucht zwar immer wieder auf, aber nicht als vorherrrschendes Symbol. Zur Identitätsstiftung bedarf es offenbar stärker aufgeladener Zeichen.


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Auf der Museumsinsel, vor dem Berliner Dom, fotografieren sich lachende Touristen, als würden sie den farbenfrohen Umzug gar nicht wahrnehmen. Und als würden nicht am laufenden Band schwarz gekleidete Jugendliche durch das Bild laufen. Die linken Gegendemonstranten wollen alle möglichst „nah ran“ an die „Nazi-Demo“. Wohl in der Regel ohne so genau zu wissen, was sie denn eigentlich tun würden, wenn sich tatsächlich eine Lücke öffnete in der Polizeikette und die Berührung Realität würde.

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Die Polizei zählt später immerhin etwa 5.000 AfD-Anhänger. Die meisten von ihnen scheinen Männer „im besten Alter“ zu sein (oder vielleicht knapp darüber). Eine zwar zahlenmäßig eher kleine, aber sehr präsente Gruppe allerdings sind die stiernackigen Hooligans, die sich an jeder Absperrung vor den Gegendemonstranten aufbauen. Sie rufen Beleidigungen und stumpfe Witze, posieren für die Kameras der Antifas und filmen selbst mit Smartphones zurück. Die Polizei filmt unterdessen, wie die beiden Gruppen sich gegenseitig filmen.

„Lügenpresse! Lügenpresse!“, brüllen die Demonstranten und ziehen am Reiterstandbild Friedrichs des Großen vorbei. Die Polizeisperre an der Neustädtischen Kirchstraße ist vergleichsweise schwach besetzt, davor bildet sich ein Gerangel. „3, 2, 1!“ Antifa-Aktivisten rufen dazu auf, die Kette zu durchbrechen und tatsächlich stürmt eine Gruppe heran und drängt die Beamten ein gutes Stück zurück. Journalisten steigen auf Stromkästen und Betonblöcke, um bessere Bilder schießen zu können. Schon trifft die Verstärkung der Polizei ein und drängt die Protestierer zurück.

„Solidarität! Ihr müsst den Leuten vorn helfen!“, ruft ein junger Mann mit Palituch in sein Megafon, der offenbar noch nicht gemerkt hat, dass sich das Kräfteverhältnis inzwischen geändert hat. Aus der Offensive ist eine Defensive geworden. Ein Stoßtrupp der Polizei stürmt in die vorderen Reihen und wirft alles um, was sich ihm in den Weg stellt . Die Staatsmacht verwendet dieselbe Durchbruchstaktik wie ihre Gegner und sichert sich so wieder die dominante Position.

Der Schwarm zieht weiter, immer in der Nähe der Demoroute. Auf Twitter kursieren Meldungen und Gerüchte über Gruppen militanter Neonazis, die sich in der Gegend aufhalten sollen. Doch im Großen und Ganzen herrscht eher eine Spaziergangstimmung. Am Reichstagsufer bestaunen Touristen den Tross der AfD-Anhänger, der sich langsam über die Marschallbrücke schiebt. „So etwas habe ich noch nie erlebt!“, sagt eine Frau mit süddeutschem Dialekt zu ihren Begleiterinnen und macht ein Foto.

Am Hauptbahnhof ist die Atmosphäre gereizter. Die Polizei hat den Haupteingang gesperrt, vor dem Bahnhof findet die Abschlusskundgebung statt. „Meinungsfreiheit!“, brüllen die AfD-Anhänger, denn sie glauben, die freie Meinungsäußerung würde ihnen verwehrt. Dass all das auf auf einer genehmigten und auf Staatskosten geschützten Demonstration stattfindet, ficht diese Idee anscheinend nicht an. Den Höhepunkt bildet eine Rede von Frauke Petry. Wie andere Sprecher vor ihr wendet auch sie sich immer wieder direkt an die Gegendemonstranten und wird postwendend ausgebuht.

Das Sujet ist nicht neu. In den vergangenen Jahren hat die obskure Kleinstpartei „Pro Deutschland“ eine Reihe von Kundgebungen durchgeführt und dieses Spiel dabei sogar noch viel weiter getrieben: Zu ihren Veranstaltungen erschienen nur die Redner, sie verfügten über kein eigenes Publikum. Die Redebeiträge richteten sich ausschließlich an die linken Gegendemonstranten. Das Demonstrationsrecht wurde faktisch ad absurdum geführt in diesen grotesken Camp-Performances. Einige der Auftritte erreichten als YouTube-Videos Kultstatus.

Die AfD-Demo gegen „Asylchaos“ zog eine relativ große Masse von Teilnehmern an – nicht so viele wie in Dresden oder Erfurt, aber durchaus beeindruckend für Berliner Verhältnisse. Die rechtspopulistische Partei konnte sich vor der Hauptstadtkulisse als von Feinden umzingelte Minderheit inszenieren. Tatsächlich reihten die Redner aber nur fortwährend widersprüchliche Provokationen aneinander, um die Gegendemonstranten noch mehr auf die Palme zu bringen und damit genau die Situation herzustellen, über die sie sich beklagten.

Foto oben: Abschlusskundgebung am Hauptbahnhof, © Christoph Kluge