Essay: Eine Welt ohne Unschuld. Die Wall-Street-Serie ‚Billions‘ mit Damien Lewis

Mit ‚Billions‘ erzählt Showtime eine durchdachte Geschichte aus der Welt der Finanzspekulation. Die Serie vermeidet es dabei geschickt, weit verbreitete Stereotype zu reproduzieren und entwickelt so eine umso kritischere Perspektive.

„Wann ist es in diesem Land zum Verbrechen geworden, erfolgreich zu sein?“, fragt der superreiche Hedgefonds-Manager Bobby Axelrod (gespielt vom Damian Lewis) in der Pilot-Episode der Serie Billions, die am 17. Januar beim US-amerikanischen Pay-TV-Netzwerk Showtime angelaufen ist. Axelrod ist ohne Zweifel erfolgreich, steht aber vor allem im Verdacht, kriminell zu sein. Der Staatsanwalt Chuck Rhoades (Paul Giamatti) glaubt, der undurchschaubare Finanzjongleur vermehre sein obszön gigantisches Vermögen mithilfe von verbotenen Insider-Geschäften und will ihn zur Strecke bringen.

Das Wall-Street-Drama Billions zeigt die skrupellose Welt des Finanzkapitalismus kritisch, ohne in die Populismus-Falle zu treten. Axelrod macht keinen Hehl aus seinem Hunger nach Macht und Geld, aber das muss er auch nicht, denn er lebt in einer Welt, in der das alles andere als außergewöhnlich ist. Alle Figuren der Serie werden als opportunistische und egoistische Menschen gezeigt, die ihre Ellenbogen einzusetzen verstehen, sie unterscheiden sich lediglich im persönlichen Stil – und vor allem im Grad des Erfolges, den sie mit ihren mehr oder weniger perfiden Tricks haben.

Verkompliziert wird die klassische Duell-Konstellation der beiden Machos durch die ambivalente Rolle von Rhoades Ehefrau Wendy (Maggie Siff), die pikanterweise bei Axelrod angestellt ist. Als In-House-Coach treibt die Psychiaterin die gestressten Manager von „Axe Capital“ zu Höchstleistungen an. Damit verdient sie nicht nur „das Achtfache“ des Gehalts eines Staatsanwalts, durch diverse Verwicklungen gefährdet ihre Position auch das Ermittlungsverfahren gegen Axelrod und damit die Karrierepläne ihres Ehemannes. Machtkämpfe allenthalben, auch an der Gender-Front.


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Die niederen Finanzmanager umkreisen den Autokraten Axelrod, als wäre er die Sonne, ohne deren Wärme sie nicht überleben können. Einfluss entsteht in der Welt von Billions nicht auf offiziellem Wege und durch Institutionen, sondern beruht auf personalen Netzwerken von mächtigen Menschen, die ihre Methoden geheim halten. Doch anstatt das berühmt-berüchtigte „1%“ als Verschwörung böser und gemeiner Individuen zu zeigen, die grundsätzlich verschieden sind von der Mehrheit, taucht die Erzählung ein in die konfliktreichen Konstellationen, in denen sie ihre Entscheidungen treffen.

Im Universum von „Axe Capital“ kommt es dem Tod gleich, erfolglos zu sein. Doch das gilt ebenso für die Ermittlungsbeamten um den Staatsanwalt Rhoades, dessen Karriere auf seinem Image als Law-and-Order-Mann basiert. Auch er bevorzugt den „kleinen Dienstweg“, verwischt Grenzen und setzt sich über moralische Prinzipien hinweg, wenn sie seinen ehrgeizigen Zielen im Wege stehen. In der postheroischen Welt gibt es keine weißen Westen mehr, niemand kann gänzlich unschuldig sein. Die Schuld ist zwar ungleich verteilt, der eine ist schuldiger als der andere, aber niemand geht ganz leer aus.

Es wäre leicht gewesen, Axelrod als Abziehbild-Bösewicht zu zeigen, etwa so wie der „Pharma Bro“ Martin Shkreli meist medial dargestellt wird. Alle hassen Shkreli (oder zumindest fast alle), obwohl der eigentlich nichts grundsätzlich anderes tut, als andere Geschäftsleute, die wie er nach Einfluss und Geld streben, dazu aber weniger Möglichkeiten haben. Es ist einfach, den offensichtlich unsympatischen „Pharma Bro“ zu verurteilen, und dabei das eigene gute Gewissen zu betonen. Das ist die selbstgerechte Pseudo-Kritik der „99%“ und das, was der Philosoph Marcus Steinweg „aktives Nicht-Denken“ nennt.

Exzellente Erzählungen erlauben dem Leser oder Zuschauer nicht, sich auf solchen bequemen Allgemeinplätzen einzurichten.

Billions spielt hier in einer Liga mit The Fall, auch wenn dort ein anderes Thema behandelt wird. In der BBC-Serie jagt die Scotland-Yard-Ermittlerin Stella Gibson (Gillian Anderson) einen Sexualstraftäter. Der Frauenmörder Paul Spector (Jamie Dorman) steht zwar im Zentrum des Interesses, aber permanent konfrontiert die Narration den Zuschauer mit zahllosen frauenfeindlichen Äußerungen, Fällen von Missbrauch und sexueller Gewalt – die allerdings von anderen Figuren ausgehen, nicht zuletzt den Polizisten, die Spector jagen. Der Täter ist in der Tat böse, aber damit ganz und gar nicht allein.

Diese intelligenten TV-Serien brauchen den Vergleich mit dem klassischen Film Noir nicht zu scheuen, in dem am Ende der Ermittlungen in der Regel zwar das meiste unklar bleibt, aber doch unzweifelhaft fest steht, dass es keinen einzigen unschuldigen Menschen gibt. Billions zeigt ein verstörendes Bild des Hedgefonds-Universums, das laut dem Fachmagazin Forbes (hier, hier und hier) zwar vereinfacht, aber grundsätzlich zutreffend ist. Durch ihre inhaltliche Komplexität erweist sich die Serie dabei sogar als gesellschaftskritischer als es beispielsweise ein populistischer Politiker wie Bernie Sanders jemals sein kann.

Die Vermarktungsrechte der Serie für Europa besitzt die Sky-Gruppe, die zu 39 Prozent Rupert Murdochs Unternehmen 21 Century Fox gehört, und Ende Januar einen Exklusivvertrag über alle Showtime-Formate abgeschlossen hat. Sky besitzt bereits die Europa-Rechte an den Formaten des Showtime-Konkurrenten HBO und hat sich somit eine dominante Stellung auf dem umkämpften Pay-TV-Markt gesichtert. Die englische Originalversion von Billions ist in Deutschland momentan als video on demand verfügbar, ab April wird eine synchronisierte Fassung im deutschen Pay-TV zu sehen sein. Für das Free-TV sei das Format zu kompliziert, glauben die Einkäufer der großen deutschen Fernsehsender.

 

Foto oben: Screenshot YouTube