Will McDonald’s uns alle mit Ammoniak-Burgern vergiften?

Einer in den sozialen Netzen kursierenden Meldung zufolge hat der Starkoch Jamie Oliver einen ungeheuerlichen Schwindel aufgedeckt und daraufhin einen Gerichtsprozess gegen den „Giftmischer“ McDonalds gewonnen. Was ist dran?

Diverse Alternativmedien der deutschen Verschwörungsszene behaupten aktuell, der kriselnde US-Konzern würde in seinen Hamburgern gar kein Fleisch, sondern „Fettpaste und Ammoniak“ verarbeiten. Das habe der Starkoch Jamie Oliver aufgedeckt und in der Folge einen Gerichtsprozess gegen den „Giftmischer“ McDonalds gewonnen, behauptet ein in verschiedenen Varianten kursierender Text. Woher diese Information stammen soll, bleibt unklar. In einem portugiesischen Online-Artikel, der als einzige Quelle angegeben wird, steht das jedenfalls nicht. Der Fall wird dort nur am Rande erwähnt, eigentlich geht es um eine aktuelle Studie und die sinkenden Umsatzzahlen des Fastfoodkonzerns.

Was ist dran an der Geschichte?

Tatsächlich hat der US-amerikanische TV-Sender ABC News 2012 in einer investigativen Dokureihe über ein Produkt namens “Lean Finely Textured Beef” (LFTB) berichtet, das aus mit Ammoniumhydroxid gereinigten Schlachtabfällen besteht und handelsüblichem Hackfleisch beigemischt wird. Das Produkt wird vom US-Marktführer Beef Products, Inc. hergestellt und ist grundsätzlich legal, denn das Landwirtschaftsministerium stuft das von den Journalisten beanstandete Ammoniumhydroxid als ungefährlich für Menschen ein. Auch in Deutschland ist es zugelassen und trägt die Lebensmittelzusatzstoff-Kennzeichnung E 527. Der TV-Bericht stellte die Unbedenklichkeit des Produkts aber unter Berufung auf Experten grundsätzlich infrage.

Der als “Naked Chef” bekannte britische Fernsehkoch Jamie Oliver griff die Recherche von ABC kurz darauf in seiner eigenen Show auf und präsentierte die Herstellung des von ihm als „Pink Slime“ bezeichneten Materials auf zugespitzte Weise. Oliver warf explizit McDonald’s vor, das umstrittene Fleischprodukt zu verwenden und  startete eine regelrechte Kampagne dagegen. Die Fastfood-Kette änderte daraufhin die Rezeptur. Die britische Zeitung DailyMail wertete das damals als Erfolg für Oliver (der nicht zuletzt aufgrund dieser spektakulären Aktion auf dem amerikanischen TV-Markt Fuß fassen konnte). Der Hersteller Beef Products und ein Ex-Mitarbeiter verklagten 2012 den Sender ABC, Oliver und einen Blogger wegen Umsatzeinbußen.


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Bemerkenswert ist, dass McDonald’s mit dem Gerichtsverfahren gar nichts zu tun hatte. Warum auch immer diese mehrere Jahre alte Story ausgerechnet jetzt in den deutschen sozialen Netzwerken wieder auftaucht, sie ist nicht allein. Die Debunking-Website snopes.com listet eine Reihe weiterer Gerüchte auf, die bereits vor dem LFTB-Skandal behaupteten, in Burgern von McDonald’s sei etwas anderes als Rindfleisch. In englischer Sprache machte 2014 ein Meme die Runde, das dem Konzern vorwarf, in seinen Buletten 85% LFTB zu verwenden. Der australische Ableger des Konzerns wies die Vorwürfe in einem YouTube-Video zurück. Die bizarrsten Theorien behaupteten sogar Menschenfleisch als Zutat oder beschuldigten Juden, Kinder für McDonald’s zu schlachten

Die Darstellung in den aktuellen deutschsprachigen Postings ist zwar nicht ganz so monströs verzerrt, aber doch unrichtig. Kein BigMac enthielt jemals reinen Ammoniak. Die ursprüngliche Kritik bezog sich auf das Beimengen eines minderwertigen Fleischprodukts, dessen Gesamtanteil nie mehr als 15 Prozent betrug. Die Rolle des Fernsehkochs bei der Aufdeckung wird insgesamt übertrieben, vermutlich, weil sich eine stark personalisierte Geschichte besser erzählen lässt. Dass Ammoniumhydroxid in Zukunft auch in deutschen Burgern verwendet werden soll, scheint eine neuere Erfindung zu sein. Die Meldung ist insgesamt ein klassisches Beispiel für eine „urban legend“, also eine Geschichte mit meist wahrem Kern, die im Stille-Post-Verfahren weitergetragen und verändert wird.

Grundsätzlich handelt es sich hier auch keineswegs um Geheimwissen oder vertuschte Wahrheiten. Eine Vielzahl von Berichten ist im Internet öffentlich zugänglich – ebenso wie die Bullshit-Stories zum Thema. Wiederholte Lebensmittelskandale in den vergangenen Jahren haben das Vertrauen vieler Menschen in die Nahrungsmittelindustrie nachhaltig erschüttert. Zahllose Berichte über bestimmte Missstände sind bereits in den Medien erschienen und es werden wohl noch viele folgen. Was auch immer der Einzelne von LFTB, Fast-Food und der Nahrungsmittelindustrie im Allgemeinen halten mag, es gibt eine öffentliche Debatte um diese Themen. Urban Legends und Verschwörungstheorien begleiten diese gesellschaftliche Auseinandersetzung als skurrile Ausschmückungen aus dem Off.

Foto oben: Flickr | Pete | Public Domain

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