‘Widerstand’ gegen den ‘Großen Austausch’? Vordenker der Neuen Rechten

Rechte Intellektuelle führten in Deutschland seit 1945 ein Schattendasein. Mit Blick auf fremdenfeindliche Stimmungen und jüngere AfD-Wahlerfolge sieht die Szene nun aber eine Gelegenheit, ihren Einfluss auf den Mehrheitsdiskurs auszubauen.

„Ich bin kein großer Denker“, sagt der Publizist Werner Mäder zu Beginn seiner Buchvorstellung und zumindest damit soll er Recht behalten. Es ist Ende März, Mäders 80 Seiten schmales Werk Die Zerstörung des Nationalstaates aus dem Geist des Multikulturalismus ist vor einigen Monaten im Grazer Ares Verlag erschienen, jetzt stellt er es in der neurechten Bibliothek des Konservatismus in der Berliner City-West vor. Im Vortrag reiht er Passagen von Carl Schmitt, Oswald Spengler und Arnold Gehlen aneinander, rechten Denkern, deren Ideen bis vor Kurzem kaum jemanden interessierten, die aber mit dem Aufstieg von Pegida, AfD & Co wieder an Bedeutung gewinnen.

Freie Assoziation

Auf den Vortrag folgt eine recht emotional geführte Diskussion. Der Redner wird teils gelobt, teils scharf kritisiert, andere Gäste erzählen scheinbar zusammenhangslos etwas, worüber sie sich gerade aufregen. Doch trotz aller Streitpunkte und Missverständnisse scheint unter den Anwesenden zumindest eine Vorstellung Konsens zu sein: globale Eliten wollen den deutschen Staat durch Masseneinwanderung zerstören. Ein Mann im Trachtenjanker fragt, welche Kräfte denn nun hinter all dem stecken. Der pensionierte Justitiar Mäder äußert sich dazu eher vage und empfiehlt dann einige Bücher antiamerikanischer Autoren sowie die Protokolle der Weisen von Zion.

Das antisemitische Machwerk mag in der übrigen Welt als Fälschung bekannt und berüchtigt sein, hier hingegen wundert sich niemand über diesen Tipp. Vermutlich glauben nicht alle Anwesenden tatsächlich an eine jüdische Weltverschwörung, der Lektürehinweis löst keine besondere Begeisterung aus. Womöglich haben manche auch gar nicht verstanden, worum es ging. Es ist aber auch keine Ablehnung zu erkennen oder auch nur Irritation. Die implizite Behauptung eines jüdischen Komplotts bleibt einfach als eine Ansicht von vielen im Raum stehen, die offenbar in diesem Milieu herumspuken und von denen einige im Stil der freien Assoziation zum Besten gegeben wurden.

Die aktuelle Flüchtlingspolitik verstieße gegen das Grundgesetz, weil sich durch sie die Bevölkerung verändere, sagt nun der im Publikum sitzende Staatsrechtslehrer Karl-Albrecht Schachtschneider und hält zur allgemeinen Freude ein Koreferat. Er bemängelt, das Bundesverfassungsgericht habe seine jüngste Verfassungsbeschwerde abgewiesen. Wirklich enttäuscht sei  er jedoch, dass die Zeitung Junge Freiheit nicht über diesen Akt des „Widerstands“ berichtet habe. Schachtschneider, unten zu sehen am Rande einer Tagung des Instituts für Staatspolitik (IfS), ist einer der Köpfe der Initiative Einprozent, in der auch Jürgen Elsässer und Götz Kubitschek aktiv sind.

(Unter dem Video geht es weiter.)

.

Werbung

Der rechte Rand der AfD und dessen rechter Rand

Tatsächlich verwundert die Zurückhaltung der Jungen Freiheit kaum, bedenkt man, dass es in jüngerer Zeit Differenzen zwischen deren Chefredakteur Dieter Stein und der Sezession-Fraktion um Kubitschek gab. Beide wollen Einfluss auf die AfD nehmen, schreibt der Rechtsextremismusforscher Helmut Kellershohn in seinem aktuellen Aufsatz Risse im Gebälk. Zwar haben alle Beteiligten eine etablierte rechtskonservative Partei neben der CDU/CSU im Sinn. Aber Stein strebe einen ‚Marsch durch die Institutionen‘ an, nach Vorbild der Grünen, während der „politische Existenzialist“ Kubitschek auf Provokation setze, bewusste Tabubrüche durch exzentrische Randfiguren.

Im aktuellen Compact-Magazin (04/2015), der verschwörungstheoretischen Monatszeitschrift von Jürgen Elsässer, ist ein Gespräch abgedruckt, in dem Götz Kubitschek, Elsässer und André Poggenburg, AfD-Landeschef in Sachsen-Anhalt, ihre Tagträume austauschen. Während sich Elsässer eine Demonstration mit Hunderttausenden Teilnehmern vorstellt, der es irgendwie gelingen soll „dieses Regime loszuwerden“, redet Poggenburg von der Bundestagswahl 2017 und Kubitschek imaginiert eine breit aufgestellte Bewegung aus publizistischen Projekten und „Bürgerinitiativen“, die die „historische Chance“ ergreifen sollen. Ein genaueres Ziel wird nicht genannt, der Politaktivist sagt:

„Was wissen wir, wo wir in einen Vierteljahr sind oder in einem halben Jahr? Aber noch ein, zwei solche Schritte, und diese Republik bebt.“

Kubitschek und seine Frau Ellen Kositza leiten die Denkfabrik IfS auf dem Rittergut Schnellroda in Sachsen-Anhalt und beliefern mit ihrem Verlag Antaios und diversen Medienprojekten den gesamten deutschsprachigen Raum mit rechten Ideen und Mythen. Einem breiteren Publikum sind sie durch Homestories bei 3sat und in der FAZ bekannt. In Schnellroda hielt der AfD-Politiker Bernd Höcke seine berüchtigte Rede, in der er „den asylpolitischen Amoklauf“ der Kanzlerin beklagte und das „Reproduktionsverhalten der Afrikaner“ zur Ursache von Flucht und Migration erklärte. Solche Aussagen können auch als Positionierungen in Konflikten innerhalb der AfD gesehen werden.

Die ‚Konservative Revolution‘ und der Märtyrer

„Konservativ ist, Dinge zu schaffen, die zu erhalten sich lohnt“

pointierte der nationalistische Publizist Arthur Moeller van den Bruck – einer der Protagonisten der ‚Konservativen Revolution‘ – in seinem 1923 erstmals erschienen Hauptwerk Das dritte Reich. Ein Konservativer müsse demnach nicht nur bewahren, sondern auch Neues errichten und dazu, wenn nötig, Widerstände überwinden. Dieser Grundgedanke findet sich allerdings auch schon bei früheren Vertretern, schreibt der Historiker Axel Schildt in Konservatismus in Deutschland (1998). Gerade in der von Zäsuren geprägten deutschen Geschichte hätten Konservative immer wieder erhebliche „Anpassungsleistungen“ erbringen müssen, um der Marginalisierung zu entgehen.

Die sogenannten Jungkonservativen um Autoren wie Moeller van den Bruck oder Hans Zehrer, den Herausgeber der Zeitschrift Die Tat halfen aktiv mit, die Weimarer Republik zu beseitigen. Sie verbanden einen preußisch geprägten Nationalismus mit sozialistischen und antiimperialistischen, im Wesentlichen antidemokratischen Ideologiefragmenten. Im Nationalsozialismus wurden die Jungkonservativen jedoch bald an den Rand gedrängt. Manche arrangierten sich nach 1945 mit der transatlantisch orientierten Adenauer-BRD, Hans Zehrer etwa wurde eine Art Mentor für den Verleger Axel Springer. Für andere, wie Ernst Jünger, blieben nur ambivalente Nebenrollen.

Der Staatsrechtler Carl Schmitt wurde wegen seiner Verstrickung in das NS-Regime vom akademischen Leben ausgeschlossen. Die Politikwissenschaft der frühen Bundesrepublik störte sich vor allem an der 1932 in Der Begriff des Politischen postulierten Behauptung, die Grundlage aller Politik sei die Unterscheidung zwischen Freund und Feind – und begründete ihr eigenes Selbstverständnis aus ihrer Abgrenzung zu Schmitt (was natürlich nicht einer gewissen Ironie entbehrt). Gleichzeitig stilisierte sich Schmitt zum aufrechten Märtyrer, ausgestoßen von einem selbstgefälligen und undankbaren juste milieu, und scharte ein Netzwerk von Anhängern um sich.


Das gilt es zu bewahren: Leverage Magazine auf Facebook (Artikel geht unten weiter.)


Die Internationale der Nationalismen

Einer der für die internationale Neue Rechte bis heute einflussreichsten Ideologen ist der 1974 verstorbene Italiener Julius Evola, der in seinem Hauptwerk Revolte gegen die moderne Welt eine geschichtsphilosophische Rechtfertigung für antidemokratische und autoritäre Gesellschaftsordnungen formulierte. Ab den 1960er Jahren prägte der französische Philosoph Alain de Benoist den Begriff „Nouvelle Droite“ für eine geistige Strömung, die diverse Anschauungen zulässt, jedoch geeint ist in ihrer Ablehnung von Liberalismus, Pluralismus und offener Gesellschaft. Zentrale Idee ist eine rechte Kulturrevolution in Anlehnung an den Marxisten Antonio Gramsci.

Heute ist der russische Rechtsesoteriker Alexander Dugin ein wichtiger Vertreter, ebenso wie der Franzose Renaud Camus, der als Vordenker sowohl des Front National als auch der aktivistischen Identitären Bewegung gilt. In seinem Buch Der Große Austausch behauptet Camus, die Eliten Europas würden die einheimischen Bevölkerungen systematisch durch Einwanderer ersetzen. Camus bezeichnet diesen Vorgang, für dessen Existenz er keinen Beweis anführt, auch als „Kolonisation“ Europas durch Afrika und den Nahen Osten. Als Gegenentwurf wird ein ‚Ethnopluralismus‘ vorgeschlagen, ein ‚Europa der Vaterländer‘, wie es auch die Identitären fordern.

(Unten weiter.)

.

Der Große Austausch ist in einer deutschen Übersetzung von Martin Lichtmesz bei Antaios erschienen, ebenso wie jüngst eine Neuauflage von Jean Raspails Roman Das Heerlager der Heiligen (1975). Raspail beschreibt eine „Invasion“ Frankreichs durch Millionen indischer Flüchtlinge. Die auf Schiffen anrückende Masse wird vom Autor konsequent im Zusammenhang mit Gestank, Fäkalien und „Missgeburten“ genannt. In den von ihnen kontrollierten Gebieten richten die Einwanderer Bordelle ein, in denen die letzten weißen Französinnen als Sexsklaven gehalten werden. Raspail attackiert jedoch vor allem einen illusionären Humanismus der Eliten als Gefahr für das Abendland.

Zu den zahlreichen Widersprüchen des heutigen neurechten Spektrums gehört es, dass ausgerechnet der ehemalige Katzenbuchautor Akif Pirinçci – mit Sicherheit kein Intellektueller, weder rechts noch anderswie, aber doch inzwischen beim Antaios-Verlag unter Vertrag – sein aktuelles Buch Umvolkung genannt hat. Der selbst als Kind aus der Türkei eingewanderte Provokateur verschärft die Idee des Bevölkerungsaustausches ins offen Völkische, indem er einen Begriff aus der rassistischen NS-Volkstumspolitik verwendet und in einen Vorwurf gegen jede offene Einwanderungspolitik verdreht. So haben in den 1990ern schon einige FPÖ-Politiker gestichelt, die NPD benutzt die Parole ebenfalls.

Fundamentalisten gegen Islam und Abtreibung

Rechte Scharfmacher in der AfD, wie Beatrix von Storch oder Alexander Gauland, setzen indessen zunehmend auf die Religion als Kriterium der Freund-Feind-Unterscheidung. Entgegen der eigenen Untergangsrhetorik glauben sie offenbar nicht, dass die ‚Flüchtlingskrise‘ unlösbar ist und richten sich bereits neu aus. Der Islam wird stark verkürzt als „politische Ideologie“ bezeichnet und über Symbole des ‚Orientalischen‘ (Minarette, der „Ruf des Muezzin“ usw.) als radikal Anderer markiert. Das eigentliche Ziel solcher Angriffsstrategien, das zeigen die Publizisten Liane Bednarz und Christoph Giesa in ihrem Langessay Gefährliche Bürger auf zugespitzte Weise, ist die offene Gesellschaft.

Die AfD warnt zwar vor Islamismus, steht aber gleichzeitig selbst dem Fundamentalismus nahe, behauptet der Politologe und Historiker Michael Lühmann. Ähnlich der amerikanischen Tea-Party sei die Partei „aufs engste verwoben mit evangelikalen Organisationen und Netzwerken“.  Lühmann hebt hervor, dass bestimmte Regionen in Sachsen und Baden-Württemberg, in denen die AfD kürzlich Erfolge feierte, Hochburgen bibeltreuer Christen und der so genannten Lebensschutz-Bewegung seien. Auch der Soziologe Andreas Kemper meint, Evangelikale würden Positionierungen gegen Abtreibung, angebliche ‚Frühsexualisierung‘ und Gleichberechtigung in der AfD forcieren.

Werbung

 

Eine doppelbödige Zukunftsvision

Der Romancier Michel Houellebecq lässt in seiner Dystopie Unterwerfung (2015) den Konflikt zwischen der katholischen Rechten Frankreichs und dem Salafismus eskalieren. Das liberale Establishment nimmt das leise Verschwinden der Republik passiv hin. Zu sehr hat man sich an das Schlummern in Behaglichkeit gewöhnt, um den Ernst der Lage zu erkennen. Letztlich weiß sich das juste milieu nicht anders zu behelfen, als eine Machtübernahme des Front National durch die Flucht in einen vergleichsweise moderaten islamischen Gottesstaat zu verhindern. Der Autor greift diverse neurechte Topoi auf und provoziert so politische Kritik. (Die literarische Qualität steht wohl außer Frage).

Houellebecqs islamischer Präsident Mohamed Ben Abbès regiert autoritär aber sanftmütig, er macht Frankreich wieder stark. Als Funktionäre und Profiteure des neuen Systems treten interessanterweise ausgerechnet ehemalige Identitäre auf, die die Zeichen der Zeit erkannt haben – und die Vorzüge dieser patriarchalen Ordnung auf einmal sehr gut mit ihrer Identität in Einklang zu bringen verstehen. Ein düsterer Roman über eine fiktive Präsidentschaft der autoritären Katholikin Marine Le Pen hätte wohl kaum Kontroversen ausgelöst. Doch die Erzählung würde sich am Ende gar nicht so sehr unterscheiden. Leider ist dieses implizierte Gedankenspiel vielen Lesern entgangen.

Das Eigene und das Fremde

Das neurechte Denken ist ein Spektrum unterschiedlicher Vorstellungen, die durch bestimmte Grundsätze wie die Befürwortung autoritärer Ordnungen und ein Streben nach homogenen Gemeinschaften verbunden sind. Ein wiederkehrender Topos ist der eines drohenden oder sogar unabwendbaren Niedergangs des ‚Eigenen‘. Jenes gilt es zu bewahren und gegen das ‚Fremde‘ zu verteidigen, wobei unklar bleibt, was die Begriffe tatsächlich bedeuten. Die Rechtsintellektuellen können auf Ideen aus diversen Traditionslinien zurückgreifen, um sich in aktuellen Diskursen zu positionieren, und formieren letztlich einen postmodernen Angriff auf die Postmoderne.

Bild oben: Flickr | Benjamin Balázs | CC 2.0