Wer nicht feiert, ist irgendwie Faschist: der ‚Tag des Sieges‘ am 9. Mai in Berlin

Beim „Tag des Sieges“ am 9. Mai am sowjetischen Ehrenmal Berlin-Treptow war die UdSSR noch in Ordnung. Tausende Russen und die zahlreichen deutschen Besucher wurden von diversen politischen Gruppierungen umworben.

„Ura! Ura! Ura!“, brüllen die stämmigen Männer in Lederwesten, um die sich ein Pulk aus emsig fotografierenden und filmenden Journalisten geschart hat. Die Putin-treuen Rocker von den „Nachtwölfen“ wissen sich als Attraktion der Stunde zu inszenieren. Die Mittagssonne brennt, als sie in einer Linienformation über das sowjetische Ehrenmal im Treptower Park schreiten. Zwischen den stilisierten Fahnen hindurch, vorbei an den Marmorsarkophagen, auf denen die Geschichte des „Großen Vaterländischen Krieges“ ikonografisch dargestellt ist, ergänzt durch Stalin-Zitate.

Mit jedem Schritt steigt das Selbstbewusstsein der Biker, von denen viele gar nicht aus Moskau angereist sind, sondern sich in der Slowakei oder Österreich angeschlossen haben. Auf dem Hügel mit dem Soldatendenkmal hält der Anführer sogar eine Rede und bekommt dafür lauten Applaus. Ein deutscher Rocker namens Andreas äußert sich indes mit staatstragenden Floskeln gegenüber Journalisten, von Völkerfreundschaft ist die Rede. Und tatsächlich wird den Motorradfahrern in der deutschen Hauptstadt ein Empfang bereitet, als wären sie Staatsgäste. Was genau die Nationalisten meinen, wenn sie vom Sieg über den „Faschismus“ sprechen, bleibt aber unklar.

Russische Männer mittleren Alters in Anzug oder Uniform bestimmen ansonsten das Bild um diese Zeit, dazwischen einige Frauen, die ihre teilweise recht eleganten Outfits mit militärischen Accessoires verfeinert haben. Die Afghanistanveteranen bilden eine eigene Gruppe, etwas entfernt diskutieren ein paar Juden mit Kippa über irgendetwas. Ältere Damen stehen schnatternd um eine Schachtel Konfekt herum. Eine junge Frau fragt mich, ob ich ein Foto machen kann von ihr neben einem Herrn, der Porträts hochhält von Stalin, General Georgij Žukov und dem berüchtigten NKWD-Chef Lawrenti Berija. Natürlich komme ich der freundlichen Bitte nach.


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Tatsächlich ist die Tradition der Siegesfestivitäten gar nicht so alt wie viele Leute glauben. In den Jahren nach dem Krieg wurde das Datum nicht pompös gefeiert. Stalin habe den selbstbewussten Kriegsheimkehrern misstraut, schreibt der Historiker Jörg Baberowski in seinem Buch Verbrannte Erde. Sie hatten andere Länder gesehen und waren von der angeblichen Überlegenheit des Systems nicht mehr so leicht zu überzeugen, man verdächtigte sie sogar als potenzielle Unruhestifter. Der „Generalissimus“, der als Feldherr wenig Kompetenz aber viel Grausamkeit gezeigt hatte, beanspruchte den Sieg für sich selbst.

Erst 1965 wurde der Feiertag in der UdSSR eingeführt. Unter Brežnev schließlich bekam der „Tag des Sieges“ seine rituelle Bedeutung. „Die Sakralisierung des Sieges über Deutschland ersparte dem Regime die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit“ , schreibt der Historiker Jan C. Behrends. „Weil der militärische Triumph von 1945 beschworen wurde, war es nicht nötig, über die Niederlagen der vergangenen Jahrzehnte zu reden.“ Diese Tradition wurde dann wiederum 2005 von der Putin-Regierung reaktiviert und in russisch-nationalistischer Weise umgedeutet. Doch über solche Spitzfindigkeiten macht sich in Treptow niemand Gedanken.

Das „DDR-Kabinett Bochum“, ein privates Ostalgie-Museum, präsentiert sich mit einem Transparent. Auf dem Vorplatz des Ehrenmals, nahe der Statue der „Mutter Heimat“, hat die Gruppierung „Sut Vremeni“ (Wesen der Zeit) einen Stand aufgebaut. Hier stehen die Menschen Schlange, um sich ein patriotisches St. Georgs-Bändchen an die Brust heften zu lassen. Auf zweisprachigen Text- und Bildtafeln wird Stalin glorifiziert. Als ich das Gulag-System anspreche, informiert mich ein junger Aktivist, dass in der gesamten Regierungszeit des Diktators nicht mehr als 700.000 Menschen getötet worden seien. Vielleicht auch ein paar mehr, räumt er auf Nachfrage ein, aber „in Freiheit sterben die Menschen auch“.

Nur wenige Meter entfernt interviewt ein russischer TV-Sender den „Reichsbürger“ Rüdiger Klaasen. Der Verschwörungstheoretiker und frühere NPD-Mann glaubt, das Dritte Reich habe 1945 nicht aufgehört zu existieren. Ein Redner der MLPD argumentiert klassischer: „Die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus treibt den Imperialismus auf die Spitze!“ Etwas abseits haben deutsche Friedensaktivistinnen ihren Stand aufgebaut und dahinter die Flagge der Donezker „Volksrepublik“ aufgehängt. Es ginge ihnen um Hilfe für die Kinder der Ostukraine, behaupten die Frauen. Das Interesse an solchen Botschaften ist begrenzt. Eine Gruppe von Backpack-Touristen mit Hipsterbärten schaut sich die Flyer an, zieht dann aber weiter.

Viele Besucher verweilen noch kurz bei einem linksalternativen Fest am Ausgang des Parks, bevor sie nach Hause gehen. Es gibt Veggie-Burger und Fleisch vom Grill. Vor der Bühne tanzen Menschen aus der Queer-Szene zu Folklore-Rock von Musikern, die an jedem einzelnen ihrer Instrumente und auch an ihrer Kleidung Georgsbänder befestigt haben. Das nationalistische Symbol wurde von Putin praktisch im selben Atemzug forciert wie die staatliche Diskriminierung von Homosexuellen, aber das scheint den Spaß heute nicht weiter zu trüben. Die Barkeeper am Bierstand haben zwar viel zu tun, als es dunkel wird, aber es feiern vor allem linke Deutsche. An den Tischen sitzen bald nur noch vereinzelt kleine Gruppen von Russen, die miteinander sprechen.

Für viele Russen hat der 9. Mai eine persönliche Bedeutung, weil er für sie mit der eigenen Familie und der Erinnerung an die späte UdSSR verknüpft ist, abseits der Politik. Junge Deutsche sehen im historischen Ereignis der Kapitulation der Wehrmacht oftmals ein Symbol, mit dem sie sich von der NS-Vergangenheit und vom Neonazismus abgrenzen wollen.

Ein wirklich nationen- und sprachübergreifender Zusammenschluss abseits oberflächlicher Bekenntnisse durch Fahnen ließ sich am „Tag des Sieges“ aber letztlich nur bei den Bikern beobachten. Unterschiedliche Gruppen zelebrierten das, was sie sich unter der Sowjetunion vorstellen, auch wenn das nicht viel mit dem zu tun haben mag, was Historiker zum Thema zu sagen haben. So entstand für einen Tag ein Art russophiles Disneyland mitten in Berlin – mit Stalin statt Mickey Maus.

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Alle Fotos: © Christoph Kluge