Wenn Kunst buchstäblich Scheiße ist: 80 Tonnen Kot auf der Manifesta Zürich

„Künstler verpestet Zürcher Luft mit seiner Kack-Kunst“, titelt die Schweizer Boulevardzeitung Blick und meint damit das neueste Werk des US-Amerikaners Mike Bouchet, das aus 80 Tonnen Klärschlamm besteht und stinkt.

Die kurze Meldung, die – tatsächlich – vom Praktikanten getippt wurde, greift einen klassischen Topos der yellow press auf: Moderne Kunst sei bestenfalls selbstverliebter Schwachsinn, allzu oft jedoch skandalöse Geldverschwendung. In diesem Ton wurde auch vorab über Sinn und Zweck der Manifesta 11 debattiert, in deren Rahmen Bouchets Arbeit nun gezeigt wird. Passenderweise findet die europäische Wanderbiennale in diesem Jahr selbst unter dem Motto „What People Do for Money” statt.

Um ein „soziopolitisches und kulturelles Portrait der Stadt Zürich” zu zeichnen, suchten die Ausstellungsmacher um den Kurator Christian Jankowski den Kontakt zu Vertretern verschiedener Berufsgruppen. „Zahnärzte, Personal Trainers und Polizeibeamte” traten in einen Dialog mit den eingeladenen internationalen Künstlern. Daraus entstanden Kunstwerke, die seit Donnerstag in den Ausstellungsräumen, teilweise jedoch auch an den Arbeitsplätzen der „Gastgeber” zu sehen sind.

Mike Bouchet hielt nicht viel von den Vorschlägen, die ihm vorgelegt wurden. An seinem Projekt sollten alle Bewohner der Stadt mitarbeiten, deshalb setzte er es mit Hilfe des lokalen Klärwerks Werdhölzli um. Für die monumentale Installation The Zurich Load wurden 80 Tonnen Fäkalien gesammelt und in Blöcke gepresst. Um das Material zu konservieren, fügte Bouchet Kalk bei, was leider zu einer chemischen Reaktion führte, bei der giftige Ammoniakdämpfe entstanden.

Mittlerweile konnte das Problem durch Entlüftung weitgehend gelöst werden, allerdings mussten einige Anwohner unter Geruchsbelästigung leiden. Selbstverständlich ist Mike Bouchet nicht der erste Künstler, der seine Umgebung mit Kot traktiert. Paul McCarthy, bei dem Bouchet studierte, errichtete 2013 einen aufblasbaren Scheißhaufen in Bern. Ein Sturm – nicht der Entrüstung, sondern aus echtem Wind – riss die Installation los, ein angrenzendes Jugendheim und eine Stromleitung wurden beschädigt.


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Deutlich mehr Aufsehen erregte Piero Manzoni noch 1961 mit seiner legendären Arbeit Merda d’artista. Der Konzeptkünstler füllte 30 Gramm seiner eigenen Fäkalien in Dosen und verkaufte sie zum damaligen Goldpreis. Der Künstler schwingt sich auf zum Alchemisten, der mithilfe der magischen Kräfte des Marktes einen Stoff in einen anderen verwandeln kann. Doch nicht nur die Avantgarde interessiert sich für Ausscheidungen. Das Museo della Merda in der italienischen Provinz Piacenza zeigt Kunstwerke und kunsthandwerkliche Produkte aus dem Material, das laut Katalog „die Prinzipien von Transformation und Nachhaltigkeit“ vereint.

Bei der Manifesta 11 spielen Fäkalien abseits von Bouchets Installation allerdings keine bedeutende Rolle. Michel Houellebecq hat sich in der Klinik Hirslanden untersuchen lassen und stellt die Resultate aus. Guillaume Bijl verwandelte einen Hundesalon in eine Galerie. Marco Schmitt ließ Polizisten eine Szene aus einem surrealen Film des Regisseurs Luis Buñuel nachspielen. Nur in der Blick-Redaktion kam anscheinend niemand vorbei, vielleicht ist das ja das Problem.

 

Foto oben: Mike Bouchet, Zürich Schlammlagerhalle, 2015
© Mike Bouchet