Wahrscheinlich haben wir alle Glyphosat im Urin

Eine aktuelle Untersuchung hat Glyphosat im Urin von Testpersonen nachgewiesen. Der Streit um das Unkrautvernichtungsmittel des Monsanto-Konzerns und seine Neuzulassung wird emotional geführt. Zu wenig ist bekannt über die Risiken.

Am Freitag wurde in der Berliner Böll-Stiftung die „weltweit größte bisher durchgeführte Felduntersuchung zum Nachweis von Glyphosat in Urinen“ vorgestellt. Im Rahmen der „Urinale“ hatten 2011 Freiwillige auf eigene Kosten Urinproben an ein Labor geschickt, um sie testen zu lassen. In 2001 Proben konnte Glyphosat nachgewiesen werden, das Kritiker als krebserregend bezeichnen. Nur bei acht Proben lag der Messwert unter der Nachweisgrenze des angewendeten Testverfahrens. Männer seien stärker belastet als Frauen. Und auch Kinder und Jugendliche „scheinen stärker belastet zu sein“. Die Werte der „Bioesser“ lagen unter denen der Probanden, die sich konventionell ernähren.

Verantwortlich für die Untersuchung ist die Bürgerinitiative „Landwende“, die sich gegen Herbizide engagiert, unterstützt unter anderem von der NGO Campact! und dem Verein Umweltinstitut München. Letzterer hatte bereits vergangene Woche mit einer ähnlichen Veröffentlichung zu Glyphosat im Bier für Aufsehen gesorgt.

Ebenso wie die Bier-Studie vergleicht auch die aktuelle Datenerhebung in ihrer Auswertung die eigenen Messergebnisse mit den Grenzwerten für Trinkwasser und weist drastische Überschreitungen nach. Allerdings sind eben diese Grenzwerte in Deutschland besonders streng: von Pflanzenschutzmitteln dürfen maximal 0,1 Mikrogramm pro Liter nachgewiesen werden. Dieser Wert orientiert sich an der Nachweisgrenze der Messmethode und steht in keinem Zusammenhang zur Belastbarkeit des Menschen. Die Trinkwasserverordnung kann daher eigentlich nicht für Aussagen über die Unbedenklichkeit von Messwerten in Bier oder Urin herangezogen werden.


Kannst du immer bedenkenlos heranziehen: Leverage Magazine auf Facebook (Artikel geht unten weiter.)


„Rückstände von zugelassenen Pflanzenschutzmittelwirkstoffen in Lebensmitteln sind bis zu den festgelegten Rückstandshöchstgehalten zulässig und gesundheitlich unbedenklich“, schreibt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) als Reaktion auf die Urinale-Ergebnisse. Das BfR betont außerdem, dass der höchste gemessene Gehalt 4,2 ng Glyphosat je ml Urin betrug, was – hochgerechnet auf die Aufnahme eines Tages – innerhalb der „duldbaren Aufnahmemenge“ läge, auch für Kinder und Jugendliche. Die Arbeitsweise der Landwende-Untersuchung bezeichnet das BfR als unwissenschaftlich. Doch ganz offensichtlich besteht in der Angelegenheit Forschungsbedarf.

Das betonte auch das Bundesumweltamt (UBA), als es vor einigen Wochen die Ergebnisse einer Langzeitstudie veröffentlichte: In den letzten 15 Jahren seien die Glyphosat-Werte im Urin gestiegen. Im Gegensatz zu den Monsanto-Gegnern fordert das UBA jedoch kein explizites Glyphosat-Verbot, sondern möchte allgemein den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verringern. In der Bevölkerung kursieren viele Fehlannahmen über Lebensmittel, schreibt die bäuerliche Fachzeitschrift Agrar heute zur Debatte, und macht die ihrer Ansicht nach unausgewogene Berichterstattung in den Massenmedien für das Misstrauen der Verbraucher verantwortlich.

Die Entscheidung der EU-Kommission über eine Neuzulassung des umstrittenen Monsanto-Pestizids „Roundup“ bis zum Jahr 2031 wird für die kommende Woche erwartet. Ob der darin enthaltene Wirkstoff wirklich krebserregend sein könnte, wird bis dahin nicht geklärt sein. Sollte sich das jedoch langfristig bewahrheiten, müssten auch die Grenzwerte für Rückstände hinterfragt werden.

Foto oben: Flickr | Maja Dumat | CC 2.0

Werbung