Warum Chris Dercon an der Volksbühne gescheitert ist

Nach dem nervenaufreibenden Zank um seine Intendanz an der Berliner Volksbühne wollte Chris Dercon nun endlich mit der Arbeit beginnen. Auch die Kritiker waren längst müde, protestierten nur noch halbherzig. Die Bühne war frei – doch der Belgier scheiterte an seiner eigenen Feigheit.

Die Gäste wandern ziellos im Gebäude herum und verstecken ihre Langeweile hinter professionellen Gesichtern. Dazwischen melden sich hier und dort sogenannte „Performer“ zu Wort. Das sind junge Menschen, die einem ungefragt etwas erzählen. Worum es ihnen geht, bekommt man nicht so richtig mit. Details gehen unter im allgemeinen Gemurmel. Irgendwas mit Marktwirtschaft und Melancholie. Das Publikum plaudert wie bei einer Vernissage. „Tsch…“, zischt jemand. Es gibt Rotwein und kleine Bouletten mit Kartoffelsalat. Dann wird noch ein bisschen Theater gemacht. Die leise Frau auf der Bühne ist angeblich Anne Tismer. Man hört sie kaum. Die große Frage: Wenn juckt das alles?

Chris Dercon – bestenfalls eine tragische Figur

Seit seiner überraschenden Ernennung hat Chris Dercon in Berlin praktisch nur Gegenwind bekommen. Regisseure und Schauspieler wollten nichts mit ihm zu tun haben, bestehende Stücke des Repertoires wurden gesperrt. Der Vorgänger Frank Castorf ließ sogar die berühmte Räuberrad-Skulptur und den „Ost“-Schriftzug abmontieren. Zuletzt besetzten linke Aktivisten das Große Haus. Dercon wurde sie nur mit einer polizeilichen Räumung wieder los. Dabei ließ er es sich nicht nehmen, persönlich mit den Einsatzkräften einzumarschieren. Der Hausherr wollte endlich Herr im Haus sein.

Im Verlauf des Konfliktes ist der Belgier mit der sanften Stimme zu genau dem geworden, was seine Gegner von Anfang an in ihm gesehen haben: einem Gesicht der Gentrifizierung. Der Name Chris Dercon wird in Berlin nicht mit seinen Erfolgen in London oder München assoziiert, sondern mit Verdrängung und Kommerz. Wie ein tragischer Held konnte er der vorbestimmten Rolle nicht entfliehen und verstrickte sich durch eigenes Tun immer tiefer. Am vergangenen Wochenende wollte das neue Team nun endlich selbst das Heft in die Hand nehmen. Doch das ging gründlich daneben.

Never Change A Boring Team?!

Hollywood recyclet Superhelden-Filme, weil die Produktionfirmen Risiken scheuen. Einer sicheren Zielgruppe wird immer wieder dasselbe Produkt verkauft. Auf diesem Prinzip beruht auch der Erfolg von Bestseller-Autoren wie Dan Brown: Sie schreiben nur einen Roman, bringen ihn aber alle paar Jahre unter einem neuen Titel wieder heraus. Der Marketinglogik – die auf Return on Investment aus ist, nicht auf Innovation – wollte auch Dercon folgen. Der Kunstmanager setzte für seine „Eröffnung“ auf zwei bekannte Namen: Samuel Beckett, den großen Dramatiker, und Tino Sehgal, einen überbewerteten Kunst-Entertainer, dessen Installationen ständig irgendwo zu sehen sind.

Der Regisseur Walter Asmus inszeniert Beckett bereits seit Jahrzehnten buchstabentreu nach dessen überlieferten Anweisungen. An der neuen Volksbühne zeigt er drei Einakter aus dem Spätwerk, das gemeinhin als ahistorisch und unpolitisch gilt. Beckett versuchte, ohne jegliche Referenzen zu schreiben. Sich aus jedem Kontext zu lösen, materiell wie kulturell. Seine Figuren sind erstarrte Menschenruinen. Sie versuchen, ihren Bezug zur Welt auszulöschen. Doch es gelingt nicht. Im Innern toben sie. Sie wollen in Ruhe gelassen werden, können aber nicht aufhören zu sprechen.

Die Entschlossenheit, mit der Becketts geisterhafte Gestalten auftreten, ist paradox. Wofür oder wogegen kämpft eine Figur, die den eigenen Subjektstatus aufzulösen versucht? Das esoterische Spätwerk Becketts könnte 2017 durchaus einen spannenden Impuls senden. Dazu müsste es jedoch neu gelesen werden. Es wäre die Aufgabe des Regisseurs, zu fragen: Was hat das mit uns zu tun? Doch genau das traut sich Asmus nicht, er hat nur Klischee und Pathos im Gepäck. Der ewige Assistent rächt sich am toten Meister, indem er dessen Genie in der eigenen Einfallslosigkeit ersäuft.

Das haben wir alles schon mal besser gesehen

Anne Tismers – für sich betrachtet – sehr präzise Performance geht unter, weil der Rahmen nicht ansatzweise stimmt. Den viel zu großen Raum kann sie nicht füllen. Als der missglückte Versuch endlich vorbei ist, werden die Türen von außen geöffnet. Eine Mannschaft von Tino Sehgals Performern drängt in den Zuschauerraum. Schon wieder eine Räumung? So ähnlich. Der Chor nimmt dem Publikum die Stühle weg. Da schau her, die vierte Wand fällt! Die Grenze zwischen Darstellern und Betrachtern soll verschwinden. Schade nur, dass der Kniff weder neu noch originell ist.

Die Avantgarde von vorgestern ruft an, sie möchte ihre Provokationen zurück. Zum Glück gibt es in der neuen Volksbühne an buchstäblich jeder Ecke Alkohol zu kaufen. Der wird dringend gebraucht an diesem Abend. Dann stromert man noch ein wenig herum, macht Fotos von Sehgals Installationen. Das möchte der Künstler eigentlich nicht, aber niemanden kümmert das heute. Was machen wir hier überhaupt? So verpeilt sind auch die Besetzer herum gelaufen. Das in jeder Hinsicht große Gebäude gibt dem Besucher ein Gefühl von Scham. Dem Treiben fehlen die Legitimation und die Würde, die der Raum verlangt.

Bis zum vergangenen Wochenende konnte man noch als Vorverurteilung abtun, was nun Gewissheit ist: Chris Dercon hat dem Publikum nichts zu sagen. Sein Team möchte seichte Avantgarde-Unterhaltung bieten, sich nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen und von allen gemocht werden. Doch wir leben in schwierigen Zeiten. Die Kunst muss heute mehr leisten als gefällig zu sein. Wer den schweren Fragen unserer Zeit kleinlaut ausweichen möchte und sich hinter hohlen Phrasen versteckt, macht sich unglaubwürdig. Diese Feigheit ist der wirkliche Grund von Dercons Scheitern. Es mag sein, dass Berlin dem neuen Intendanten von Anfang an keine Chance gegeben hat – aber er hat sie definitiv nicht genutzt.

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