Volksbühne Berlin: Chris Dercon hat fertig

Der umstrittene Volksbühnen-Intendant Chris Dercon ist zurückgetreten. Besser spät als nie. Der Belgier hinterlässt eine Ruine.

Chris Dercon tritt „mit sofortiger Wirkung“ zurück. Das teilte die Senatsverwaltung für Kultur und Europa heute in einer Pressemitteilung mit. „Beide Parteien sind übereingekommen, dass das Konzept von Chris Dercon nicht wie erhofft aufgegangen ist, und die Volksbühne umgehend einen Neuanfang braucht“, heißt es in der Erklärung.

Eigentlich war es Dercon, der diesen „Neuanfang“ bringen sollte. Ende April 2015 war er als Nachfolger des langjährigen Intendanten Frank Castorf eingesetzt worden. Die Entscheidung ging auf eine Initiative des damaligen Kulturstaatssekretärs Tim Renner zurück und war von Anfang an heftig umstritten gewesen. Denn der Museumskurator Dercon hatte zwar mit großem Erfolg die Tate Modern in London geführt, aber keine Erfahrung im Theaterbetrieb.

Die mangelnde Kompetenz des neuen Chefs war nicht nur ein Kritikpunkt verbitterter Castorf-Anhänger. Sie stellte sich als schwerwiegendes Problem heraus. Spätestens nach der missglückten Wiedereröffnung des Großen Hauses im November wurde deutlich: Dercon hat kein Konzept, nicht einmal ein schlechtes. Einzelne Kritiker forderten, Berlin solle dem neuen Mann doch zumindest eine Chance geben. Doch kaum eine der Inszenierungen in der laufenden Spielzeit konnte überzeugen.

Chris Dercon wusste zu keinem Zeitpunkt, was er tat

Es ist einigermaßen rätselhaft, warum die Intendanz glaubte, ein altes Tanz-Stück wie das im Jahr 2000 uraufgeführte „The Show Must Go On“ von Jérôme Bel wäre heute irgendwie relevant. Auch der Dschungelcamp-Star Helmut Berger erregte in „Liberté“ von Albert Serra vor allem Stirnrunzeln. Das Publikum blieb weg. Zahlreiche Veranstaltungen waren nur zur Hälfte ausverkauft. Die wenigen Gäste gingen häufig nach der Pause. Ein Blick auf den Ticket-Shop bestätigt das traurige Bild: ein großer Teil der Karten bleibt unverkauft. Und an vielen Abenden wurde gar nicht erst gespielt. Ob Dercon nun selbst gekündigt hat oder gegangen wurde – es dürfte vor allem eine ökonomische Entscheidung gewesen sein. Denn die Einnahmen blieben hinter den Erwartungen zurück. Am Ende ging es wohl nur noch um Schadensbegrenzung.

Das beste Argument gegen Kritik und Proteste wäre ein guter Spielplan gewesen. Doch den gab es nicht. Chris Dercons Intendanz ist nicht an der Sturheit der Hauptstädter gescheitert, sondern an einer fatalen Mischung aus Größenwahn, mangelnder Fachkenntnis und stümperhafter Kommunikation. Die Berliner Volksbühne war bis 2017 ein international angesehenes Theater. Jetzt ist sie eine Investruine. Es wird lange dauern – sehr lange – bis am Rosa-Luxemburg-Platz wieder großes Theater gemacht werden kann. Wenn es überhaupt gelingen sollte.

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Das Publikum blieb weg. Die grauen Punkte sind verkaufte Karten. Saalplan von "The Show Must Go On". Stand: heute, zwei Tage vor der Vorstellung.
Das Publikum blieb weg. Saalplan von „The Show Must Go On“ am 15.04. Die grauen Punkte sind verkaufte Karten. Stand: heute. (Foto: Screenshot volksbuehne.berlin)

Foto oben: © Christoph M. Kluge