Donald Trump und das Amerika der weißen Männer: Wie schrecklich falsch wir lagen

Donald Trump wurde unterschätzt, weil er seinen Wahlkampf auf eine Bevölkerungsgruppe stützte, die angeblich kaum noch von Bedeutung ist. Wer Trumps neues, altes Amerika verstehen will, sollte diesen Filmklassiker schauen.

Weiß, männlich, christlich, mit geringer Bildung aber umso mehr Frustration – so sieht der typische Trump-Wähler aus, das war lange vor der Wahl klar. Mit seinem extrem polarisierenden Wahlkampf hat der Kandidat alle anderen Gruppen systematisch vor den Kopf gestoßen. Das könne niemals funktionieren, dachten fast alle Beobachter (auch ich). Politiker, Experten und Journalisten wurden nicht müde zu betonen, dass der ehemalige Reality-TV-Star in einer abstrusen Parallelwelt aus Lügen lebt. Und am Ende war sogar Trumps eigenes Kampagnen-Team überrascht von dem Erdrutschsieg.

When the shit hit the fan. Die Prognosen der <i>New York Times</i> im Laufe der Nacht von Dienstag zu Mittwoch (Screenshot nytimes.com)
When the shit hit the fan. Die Prognosen der New York Times im Laufe der Nacht von Dienstag zu Mittwoch (Screenshot nytimes.com)

Doch die frustrierten weißen Männer haben bewiesen, dass mit ihnen noch zu rechnen ist. Sie haben einen Mann zum Präsidenten gewählt, der die Menschenwürde mit Füßen tritt und dabei lacht: „Warum wehrst du dich nicht?“ Jetzt ist Trumps Welt keine Parallelwelt mehr, sondern die, in der wir alle leben. Die Medien-Berichterstattung überschlägt sich weiter, mit immer neuen und immer hektischeren Prognosen und Meinungen. Es erinnert an einen Autofahrer nach dem Unfall. Er sieht den Totalschaden, denkt aber noch darüber nach, wie er jetzt weiterfahren könnte.

Wann war Amerika eigentlich“great“, Donald Trump?

Vielleicht ist es besser, die Klappe zu halten und einen Stummfilm zu schauen. Zum Beispiel The Birth Of A Nation von 1915. Der mit hohem Aufwand produzierte Streifen von Regisseur D. W. Griffith wartete mit bis dahin nie gesehenen Effekten und filmtechnischen Innovationen auf. Er war ein gigantischer Kassenerfolg und gilt bis heute als eines der absoluten Meisterwerke der Stummfilmzeit. Gleichzeitig gehört Birth Of A Nation aber auch zu den berüchtigtsten Propagandafilmen, die jemals produziert wurden, weil er offen den Ku-Klux-Klan glorifiziert.

Die Handlung des dreistündigen Epos spielt in den Vereinigten Staaten des Bürgerkriegs und der darauffolgenden Reconstruction-Ära und erzählt von der Liebe zwischen einer Frau aus dem Norden und einem Mann aus dem Süden. Die Nation, die hier ganz klar eine weiße Nation ist, wurde durch die Schwarzen gespalten, so eine zentrale Aussage. Sofort nach ihrer Befreiung morden und vergewaltigen die ehemaligen Sklaven, unterstützt von korrumpierten Politikern in Washington. Weiße Frauen erscheinen als hilflose Opfer. Nur der Klan kann die Ordnung wiederherstellen. Mit Waffengewalt und Lynchjustiz werden die Wilden in ihre Schranken gewiesen. Amerika wird wieder großartig.


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Birth Of A Nation inspirierte nicht nur die Neugründung des Ku-Klux-Klans, der um 1870 aufgelöst worden und bereits in der Versenkung verschwunden war. Der Film war auch der erste, der jemals im Weißen Haus gezeigt wurde. Präsident Woodrow Wilson unterstützte aktiv die Rassentrennung im Süden. Während Wilsons Amtszeit traten die USA jedoch auch in den Ersten Weltkrieg ein und beendeten damit eine Ära des Isolationismus. Ohne diese Wende in der Außenpolitik wäre der Aufstieg der Vereinigten Staaten zur einzigen Weltmacht undenkbar gewesen.

Donald Trump hat eine Rückkehr zu diesem Isolationismus angekündigt. Seine Anhänger glauben, dass der demographisch bedingte Bedeutungsverlust der weißen Bevölkerungsteile einem Untergang der Nation entspricht. Der Präsidentschaftkandidat wurde von einer offiziellen Zeitschrift des heutigen Ku-Klux-Klans ebenso unterstützt wie von den führenden Köpfen der „Alt Right“, der amerikanischen Neuen Rechten. Birth Of A Nation ist ein alternativer Gründungsmythos der USA und verrät einiges über dieses andere, düstere, sozusagen zweite Amerika,  das wir für überwunden hielten – und dessen Furcht vor dem Anderen.

Bild oben: Flickr |Breve Storia del Cinema | gemeinfrei