Terrorangst: Wird es wirklich immer gefährlicher in Deutschland?

Die Terrorangst grassiert in Europa. Seit Jahren erwarten Experten einen schweren Anschlag in Deutschland. Und tatsächlich scheint die Gefahr für Normalbürger näher zu rücken. Aber so einfach ist es nicht.

Der Amoklauf von München am vergangenen Freitagabend war kein Terroranschlag, wurde aber über Stunden als einer wahrgenommen. Erst bei der nächtlichen Pressekonferenz der Polizei kurz nach zwei Uhr erfuhren Medien und Öffentlichkeit, dass es sich um einen mittlerweile toten Einzeltäter gehandelt hatte, dessen Motivation mit hoher Wahrscheinlichkeit eine persönliche war. In den vorangegangen acht Stunden war die Berichterstattung vor allem von Spekulationen bestimmt gewesen.

Die Terrorangst hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt. Und es lag zunächst auch nahe, auf einen terroristischen Angriff zu schließen. Die Anschläge von Paris, sowohl der auf die Redaktion der Zeitschrift Charlie Hebdo im vergangenen Jahr als auch der auf das Bataclan im März, wurden von Gewehrschützen verübt, die sich mit dem Auto oder zu Fuß bewegten. Die Münchner Polizei ging deshalb zunächst davon aus, dass dieses Muster auch hier zutrifft und reagierte entsprechend, bis die Lage geklärt war.

Wir wissen nur, dass wir nichts wissen

Die Medien berichteten unterdessen vor allem über die Dinge, die sie nicht wussten. Liveticker im Netz listeten beharrlich Gerüchte auf, um sie dann gleich wieder zu dementieren und durch neue Unkenrufe zu ersetzen. Das Fernsehen zeigte abwechselnd kurze Videoclips von Polizisten, die mit gezogenen Waffen irgendwo entlangliefen und immer wieder ein obskures Smartphone-Video, in dem offenbar der Täter von einem Mann mit breitem bayrischem Dialekt wüst beschimpft wurde.

 

Tatsächlich handelte es sich bei der Stimme um die des Anwohners Thomas Salbey, der nach eigenen Angaben auch versucht hat, den Amokläufer mittels eines Flaschenwurfes außer Gefecht zu setzen. Die Intervention des Baggerfahrers, der eigentlich nur sein „Feierabendbier“ trinken wollte, scheiterte jedoch an mangelnder Zielgenauigkeit. Das zumindest berichtete gestern die Onlineausgabe der Welt, die Salbey dann auch gleich stilecht im Unterhemd abbildete.

In der grotesken Konversation, die das Video dokumentiert, rechtfertigt sich der Täter. Der 18jährige Ali S. behauptet, er sei gemobbt worden, und würde nun aus Rache für an ihm begangenes Unrecht wahllos Menschen erschießen. Die Polizei hat inzwischen das Buch Amok im Kopf von Peter Langman, in der Wohnung des Teenagers gefunden, einen Amazon-Bestseller. Ali S. ist nicht der erste Gewalttäter, der stereotype Erklärungsmuster von Experten in sein Selbstbild integriert.

Mit Phrasendrescherei kommt man der Terrorangst nicht bei

Es gibt zahlreiche Beispiele von Mördern, die sich das Vokabular von Kriminologie und Psychologie zu eigen machen, um ihre Taten in vermeintlich gesellschaftlich akzeptabler Weise zu erklären. Wie die meisten Amokläufer hat sich auch Ali S. mit dem Phänomen beschäftigt und nach Vorbildern gesucht. Und er hat wohl auch Computerspiele gespielt, was den Bundesinnenminister nun zum etwas hilflosen Versuch verleitet hat, die über zehn Jahre alte „Killer-Spiele“-Debatte zu reaktivieren. Auch das Waffenrecht möchte er nun „sorgfältig prüfen“, obwohl gar keine legale Waffe zum Einsatz kam.

Der Minister bedient sich hier routiniert aus dem Phrasenrepertoire des Themenkomplexes „Schulamoklauf“, zu denen die Tat eigentlich nur indirekt gehört. Tatsächlich kommen school shootings durch Teenager weltweit seit den 1990er Jahren häufiger vor, wobei etwas unklar bleibt, wie gut frühere Fälle dokumentiert wurden. Im europäischen Vergleich fällt auf, dass überproportional viele dieser Taten in Deutschland verübt wurden. Der erste bekannte Fall ereignete sich übrigens bereits 1871 in Saarbrücken. Es gibt also hierzulande eine gewisse Tradition. Wie hoch aber tatsächlich die Gefahr ist, zum Opfer zu werden, lässt sich wohl nicht so einfach bestimmen.

Die Terrorangst wächst – und was macht der Terror?

Unterdessen werden die Attacken von Nizza und Würzburg weiter unter der Rubrik „Terror“ verhandelt. Man habe es hier mit einem gänzlich „neuen Typ“ von Tat und Täter zu tun, der sich irgendwie zwischen Terrorismus und Amok bewege, ist mitunter von Experten zu hören (deren Qualifikation nicht selten etwas mysteriösen Ursprungs ist). Eher spontan formulierte Theoreme wie das der angeblichen „Blitzradikalisierung“ ohne längere Tatvorbereitung wurden aber zumindest im Fall Nizza bereits von den Ermittlungen der Polizei widerlegt.

Umfragen zeigen: Über die Hälfte der Deutschen hat Angst vor Terrorismus, deutlich mehr als in den 1990er Jahren. Tatsächlich scheint die Gefahr zu steigen, als Zivilist zum Opfer eines Anschlags zu werden. Heutige Terroristen attackieren „weiche Ziele“, während früher Politiker und andere Personen aus der Elite ermordet wurden – das zumindest behaupten deutsche Experten immer wieder gern. Diese Vorstellung mag vor dem Hintergrund der historischen Auseinandersetzung mit der RAF plausibel erscheinen. Allerdings nur, wenn man den Blick auf diese spezifische Organisation verengt.

So neu ist das alles gar nicht

Tatsächlich starben im Westeuropa der Nachkriegszeit viel mehr Zivilisten bei Anschlägen als heute. Das Bombenattentat von Bologna 1980 beispielsweise unterscheidet sich kaum von den Taten heutiger Islamisten. Auch dem Terror in Irland und in Spanien fielen immer wieder Zivilisten zum Opfer. Die Anschläge der französischen OAS in den 1960er Jahren sind heute sogar fast vergessen. All diese europäischen Konflikte wurden damals in Deutschland jedoch als weit entfernt wahrgenommen. Sie lösten keine europaweite Terrorangst aus. Vergleichsweise „sicher“ vor Terroristen lebte man eigentlich nur in den Diktaturen des Ostblocks.

Auch in Deutschland sind Anschläge auf soft targets keineswegs neu. Der Neonazi Gundolf Köhler tötete 1980 in München 13 Oktoberfestbesucher mit einer Rohrbombe und verletzte über 200. Wie heute wurde auch damals darüber gestritten, ob es sich um einen psychisch kranken Einzeltäter oder eine  politisch motivierte Gruppe handelte. Diese Debatte, an der Franz Josef Strauß prominent beteiligt war, ist weiterer Beleg dafür, dass sich nicht der Terrorismus gewandelt hat, sondern seine Rezeption. Wir haben heute mehr Angst vor Anschlägen als früher. Die Terrorangst täuscht darüber hinweg, dass es eigentlich unwahrscheinlicher geworden ist, getroffen zu werden.

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Foto oben: Flickr | Valentina Calà | CC 2.0