Kommentar: Terror in Paris und Beirut – Der ‘Islamische Staat’ braucht den Krieg

Die Terroranschläge von Paris und Beirut zeigen den Angegriffenen ihre Verwundbarkeit. Die Logik der Gewalt bricht in die Zivilgesellschaft. Im Gegensatz zu uns leben die Täter in einer einfachen Welt.

Die Angreifer schießen in die panisch fliehende Menge und schlachten ab, wen sie erwischen können. Mit militärischer Präzision gehen sie gegen Zivilisten vor und zwingen allen, die sich in der Reichweite ihrer Kalaschnikows und Bombengürtel befinden, die erbarmungslose Logik der Gewalt und des Krieges auf. Sofort verbreiten sich die Bilder in den sozialen Netzwerken, es folgen Emotionsausbrüche, Mutmaßungen, bald Hetze und die unvermeidlichen Verschwörungstheorien.

Das sind hilflose Versuche des Publikums, dem Geschehen einen Sinn zu geben, es irgendwie in das eigene Weltbild einzuordnen. Es muss doch eine Erklärung geben! Doch das verworrene Raunen ist nur ein Effekt der Gewalt und der beste Beweis dafür, dass Terrorismus gerade deshalb so gut funktioniert, weil die Gewalt in unseren täglichen Erfahrungen in der Regel kaum eine Rolle spielt. Das unterscheidet den Bürger vom Attentäter.

Dem Terroristen ist das Leben nichts wert, weder das der Anderen noch das eigene. Wer auch immer er zuvor war, ab dem Moment, in dem er das Feuer eröffnet, verfügt er über schier unendliche Macht im Raum der Gewalt. Womöglich sind diese wenigen Minuten des Rausches eine viel wichtigere Motivation für die Täter als jede noch so fanatische Ideologie es jemals sein könnte. (Klaus Theweleit misst in seinem aktuellen Buch dem exzessiven „Lachen der Täter“ eine besondere Bedeutung bei.)

Doch im konkreten Fall folgten sie wohl auch einem Auftrag. Der ‚Islamische Staat‘ hat sich in einer Erklärung zu den Anschlägen bekannt. Obwohl die Selbstbezichtigung kein Täterwissen enthält, wird sie vom französischen Präsidenten und anderen westlichen Autoritäten ernstgenommen. Schon erscheinen die Panikmacher auf der Bildfläche, die zu wissen glauben, dass der IS sich nun zu einem globalen Phänomen ausbreite. Die Idee liegt zwar auf der Hand, erscheint jedoch bei genauer Betrachtung zweifelhaft.

In einem vor den Attentaten verfassten Artikel behauptet der US-amerikanische Politikwissenschaftler Stephen M. Malt, der IS werde in absehbarer Zeit nicht dazu in der Lage sein, sein Einflussgebiet zu vergrößern. Die Islamisten hätten von äußeren Umständen profitiert, etwa der US-Invasion im Irak, dem syrischen Bürgerkrieg und der Rivalität des Irans mit Saudi-Arabien. Das selbsternannte Kalifat würde seine Revolution aber nicht exportieren können.

In ihrem Buch „ISIS: Inside the Army of Terror“ schreiben die Journalisten Michael Weiss und Hassan Hassan vor allem ehemaligen irakischen Offizieren eine Schlüsselrolle beim Ausbau einer vormals marginalen Terrortruppe zu einer veritablen Armee zu. Die militärischen Experten wurden nach dem US-Einmarsch in völliger Verkennung der Situation einfach entlassen. Im Zuge des darauffolgenden Bürgerkrieges sei es für die Islamisten leicht gewesen, die Spezialisten zu rekrutieren.


Jetzt Leverage Magazine auf Facebook abonnieren! (Artikel geht unten weiter)


Man könnte behaupten, und damit bei Malts Argumentation bleiben, dass diese Berufsoffiziere eine ähnliche Rolle spielen wie die zarischen Offiziere in der Roten Armee des russischen Bürgerkrieges. Die haben sich nach 1917 zumeist nicht aus glühendem Eifer dem Bolschewismus angeschlossen, sondern schlicht um zu überleben. Ihre Kenntnisse wurden gewürdigt und sie erhielten endlich wieder Sold (dazu: Orlando Figes: „Russland. Die Tragödie eines Volkes“).

Die Führungsebene des ‚Islamischen Staates‘ dürfte heterogener sein, als das von außen erscheint. Vermutlich gibt es durchaus Fanatiker, die den Dschihad nach Europa und Nordamerika tragen wollen und glauben, das sei möglich. Aber gleichzeitig auch Pragmatiker, die im Grunde wenig an ihrer Lebensweise als säkulare Machtmenschen geändert haben und nun als Gebietskommandanten eher auf den eigenen Vorteil bedacht sind als auf globale Expansion.

Angesichts der Terroranschläge von Paris werden die westlichen Länder näher zusammenrücken. Es ist denkbar, dass Frankreich die Unterstützung der NATO gemäß Artikel 5 des Nordatlantikvertrages anfordert. Womöglich treten sogar Differenzen mit Russland in den Hintergrund, was dem Kreml mehr als Recht wäre. Ob eine solche Allianz allerdings wirklich bereit wäre, sich auf einen langen und verlustreichen Bodenkrieg mit dem IS einzulassen, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Der ‚Islamische Staat‘ hat keine Angst vor dem Krieg. Im Gegenteil, er braucht ihn. Es ist ja gerade der Krieg, der das Gebilde zusammenhält. In den von der Gewalt bestimmten Regionen regiert nicht eine abstrakte und unsichtbare Bürokratie, sondern die handfeste Angst vor dem Tod. Der kann jeden ereilen, der an der falschen Stelle Widerworte gibt. Wer bereit ist, auf Anweisung seines Herrn zu morden, erhält unterdessen die Freiheit zu plündern und zu vergewaltigen.

Eine weitere Eskalation der Kampfhandlungen im Nahen Osten dürfte durchaus im Interesse der Anführer der Terrormiliz sein, weil dadurch zumindest mittelfristig ihre eigene Machtposition gesichert ist. Solange sie nicht selbst durch die Gewalt getötet werden, haben die Kämpfer ihren Platz in der Welt. Im Frieden würden sie den sofort verlieren. Als Rechtfertigung für die Machtfülle der Bewaffneten gilt die Bedrohung durch den äußeren Feind, auch wenn die zur Not durch weitere Anschläge herbeigebombt werden muss.

Foto oben: Flickr | Jordi Bernabeu Farrús |CC 2.0