Terroranschlag in Berlin: Die Kunst, nicht in Panik zu verfallen

Die Lkw-Attacke in Berlin wird inzwischen als Terroranschlag gewertet. Am Ort des schrecklichen Ereignisses jedoch blieben die Menschen erstaunlich gelassen. Terror ist Routine geworden – und das ist eine gute Neuigkeit.

Angespannte Ruhe umgibt den Bahnhof Zoo am Montagabend. An der Polizeisperre am Hardenbergplatz hat sich eine Traube von Menschen gebildet. Sie schauen in Richtung der Gedächtniskirche, wo vor etwa eineinhalb Stunden ein Lkw in eine Menschenmenge gerast ist. Zu sehen ist dort eigentlich nichts. Einsatzfahrzeuge verstellen den Blick auf das Wrack und die Unglücksstelle. Nur für einen Moment bricht Anspannung unter der Oberfläche hervor, als zwei Männer streiten. „Nazi!“, schimpft der eine, offenbar ein Muslim, der vom anderen beleidigt worden war.
.

Die Choreografie der Terror-Bilder

Seltsam harmonisch fügen sich die Blaulichter in die Weihnachtsbeleuchtung um den gesperrten Breitscheidplatz ein. Am Europa-Center laufen Reporter durcheinander auf der Suche nach Passanten, die sie noch nicht interviewt haben. Das Kamerateam eines großen TV-Senders stürmt heran wie eine siegesgewisse Sportmannschaft. Und macht zielsicher einen jungen Mann aus, der tatsächlich etwas gesehen hat. „Wie hat es sich denn so angefühlt?“ Die barsch hingeworfene Frage verwirrt den Augenzeugen zunächst, aber er liefert den O-Ton, der von ihm erwartet wird: „Ich war geschockt.“

Der geschockte Zeuge ist eine wichtige Nebenfigur in der Choreografie der Aufbereitung von Terror. Sein Charakter ähnelt dem des ahnungslosen Nachbarn eines überführten Serienmörders, der sagt: „Das hätte ich nicht von ihm gedacht.“ Der Auftritt dieser Identifikationsfigur ist kurz, aber unvermeidlich. Die standardisierte Form ordnet das Geschehen in einen Sinnzusammenhang ein, in eine Geschichte. Seit Kurzem kennt deren typischer Plot auch die Figur eines Reporters, der mit festem Blick sagt: „Wir wissen noch nicht genug!“ und damit irgendwie Verantwortungsbewusstsein zum Ausdruck bringt.
.

Wir wissen eines

Auf einer Freitreppe stehen einige Männer, regungslos schauen sie auf die Displays ihrer Smartphones und filmen die Szenerie auf der Straße. Das sei auf jeden Fall ein Terroranschlag gewesen, sagt einer. Aber das wisse man doch noch nicht, erwidert ein anderer professionell. Kalter Wind bläst uns um die Ohren. Zwei Polizisten wärmen sich im Büro einer Autovermietung auf, das noch geöffnet hat und trinken Kaffee. Sie stellen sich auf eine lange Nacht ein. Im Europa-Center sitzen Journalisten an den Tischen geschlossener Restaurants, bearbeiten Bild- und Tonaufnahmen am Laptop. „Hab alles“, sagt einer in sein Telefon.

Die Menschen in der U-Bahn wischen still auf ihren Smartphones herum und lesen die aktuellen Meldungen. Facebook fragt, ob alles okay ist. Dann fragt es nochmal. Der AfD-Europaabgeordnete Markus Pretzell twittert unterdessen weit entfernt, die Bundeskanzlerin sei für die Tat verantwortlich: „Es sind Merkels Tote!“ Offenbar weiß der Populist schon genug. Pretzell provoziert, nicht einmal besonders originell, eher routiniert aus der Hüfte. Noch weiter entfernt, in Istanbul, hat ein Attentäter den russischen Botschafter erschossen, melden verschiedene Medien. Auch in der Schweiz gab es Schüsse, in einer Moschee. Wir wissen darüber noch nicht genug. Bleiben Sie dran.

Eines wissen wir: Am Montagabend ist in Berlin keine Panik ausgebrochen. Die Gesellschaft lernt, mit der Bedrohung und der Angst umzugehen, indem sie Routine entwickelt. Das ist ein Zeichen von Stärke.

Folge Leverage Magazine auf Facebook und Christoph M. Kluge auf Instagram.

Foto oben: C. Kluge