Superheldin rettet die Welt vor Klischees: “Marvel’s Jessica Jones” bei Netflix

Netflix beweist mit der Comic-Adaption Mut zum intelligenten Experiment und gleichzeitig Gespür für massentaugliche Unterhaltung. Jessica Jones ist die perfekte Superheldin der postmodernen Welt, weil sie nicht perfekt sein kann.

Jessica Jones (gespielt von Krysten Ritter) lebt in einem heruntergekommenen Appartement, das zugleich ihr Büro ist, trinkt enorme Mengen Alkohol und versucht, in der Vergangenheit begangene Fehler zu vergessen. So weit, so noir. Vor allem in den ersten Folgen reihen sich die Klischees der hard-boiled fiction als selbstironische Zitate aneinander – von der chronischen Geldnot der Protagonistin über undurchsichtige Klienten sogar bis hin zur ständig beschädigten Bürotür ist alles dabei, was seit den Romanen von Dashiell Hammett und Raymond Chandler sowie entsprechenden Verfilmungen mit Schauspielern wie Humphrey Bogart oder Robert Mitchum archetypisch ist. Bis auf zwei Unterschiede: Jessica Jones hat übernatürliche Kräfte – und sie ist allem Anschein nach kein Mann.

 

 

Selbstverständlich werden die gängigen Klischees nicht zufällig auf den Kopf gestellt. Mitte der 1980er Jahre hat die US-amerikanische Comic-Zeichnerin Alison Bechdel einen Test erfunden, mit dem sexistische Stereotypen in Filmen zu erkennen sein sollen. Die drei simplen Fragen, aus denen Bechdel-Test besteht, wurden erstmals in dem Comic „Dykes to Watch Out For“ gestellt, einer der ersten einflussreichen Darstellungen von lesbischen Hauptfiguren in der westlichen Popkultur. Sie lauten: Gibt es in dem Film mindestens zwei Frauenrollen? Sprechen diese Frauen miteinander? Unterhalten sie sich dabei über etwas anderes als einen Mann?

Obwohl es sich nicht um ein wissenschaftliches Verfahren handelt, wurde es 2009 von der feministischen Medienkritikerin Anita Sarkeesian auf Oscar-prämierte Blockbuster angewendet (Spoiler: Die meisten fielen durch). Mittlerweile hat sich der Test in der Filmkritik weitgehend durchgesetzt. „Marvel’s Jessica Jones“ allerdings würde den Bechdel-Test nicht nur bestehen, die Rollenverteilung erweist sich als beinahe exakt umgekehrt: Fast alle wichtigen Figuren sind Frauen, die meisten entscheidenden Dialoge finden zwischen weiblichen Figuren statt. Die in Krimiserien typische Figur eines väterlichen Vorgesetzten etwa entspricht hier der lesbischen Anwältin Jeryn Hogarth (Carrie-Anne Moss), die eine Affäre mit ihrer Sekretärin hat.

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Als finsterer Gegenspieler fungiert mit Kilgrave ein Bösewicht, der die Gedanken der Menschen manipulieren kann und daher über praktisch uneingeschränkte Macht verfügt. Doch die Schwachstelle des skrupellosen Psychopathen ist – wer hätte das gedacht – Jessica Jones.  Für die Frau empfindet er eine obsessive, von narzisstischer Kränkung geprägte Liebe, seit sie seiner psychologischen Kontrolle entkommen ist. Im Gegensatz dazu versucht der positiv besetzte männliche Charakter Luke Cage, ein auf Respekt basiertes Liebesverhältnis zu der distanzierten und abweisenden Protagonistin aufzubauen. Beiden Männern gemein ist allerdings, dass sie fast ausschließlich entweder mit Jessica reden oder über sie – meistens jedoch mit ihr über sie.

Die Serie hebt sich aber nicht nur deshalb ab von der Flut an Franchise-Verfilmungen, mit denen die beiden rivalisierenden US-Marktführer Marvel (z.B. Spiderman, X-Men, Avengers usw.) und DC Comics (Superman, Batman etc.) momentan Kino, Fernsehen und Streaming-Anbieter überrollen. Die meisten der darin erzählten Geschichten bemühen sich, ihren Charakteren irgendwie „Tiefe“ zu verleihen, in dem sie ihren glanzvollen Bemühungen zur Rettung der Welt diverse private Probleme und Charakterschwächen zur Seite stellen. Das ist keineswegs neu. In den 1980er Jahren erweiterten Comic-Autoren wie Frank Miller („Batman: Year One“) oder Alan Moore („Watchmen“) ihre Protagonisten um Eigenschaften von Antihelden und verliehen ihnen die Fähigkeit zur Selbstreflexion.


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Hollywood erlaubte dem Superhelden erst im Jahr 2000 in M. Night Shyamalans „Unbreakable“ das Nachdenken über sich selbst und seine Rolle in der Welt. Mittlerweile ist das zwar Standard, spätestens seit Christopher Nolans an Millers Interpretation orientierten Batman-Trilogie und dem Film „Watchmen“, aber so düster und zynisch wie Jessica Jones schaute bisher keiner ihrer männlichen Kollegen in den Spiegel. Zumindest keiner, der beim Publikum ankam. Anfang diesen Jahres scheiterte NBC mit einer Adaption des ebenfalls von Noir-Zitaten geprägten DC-Comics Constantine wegen geringer Zuschauerzahlen. Von diesem Schicksal dürfte die schon jetzt von der Kritik gefeierte „Best Show On TV“ (Forbes), die nicht einmal im TV läuft, kaum bedroht sein.

„Marvel’s Jessica Jones“ basiert auf der Reihe „Alias“ von Autor Brian Michael Bendis und Zeichner Michael Gaydos, mit deren erster Ausgabe der Verlag 2001 sein explizit nicht jugendfreies Imprint „MAX Comics“ einführte. Das beeinflusst wohl auch die Darstellung der Sexualität in der Serie, die sich am ehesten mit dem Adjektiv „erwachsen“ fassen lässt, da sie praktisch ohne verniedlichenden Kitsch auskommt und die widersprüchliche Sehnsucht nach Kontrolle und Kontrollverlust ebenso zeigt wie eine gewisse Härte und die Schwierigkeiten der Figuren, mit dem Hadern zwischen Begehren und Einsamkeit umzugehen und gleichzeitig die eigene Welt irgendwie im Griff zu behalten. Es ist letztlich eine selbstbewusste Sexualität.

Dass die Kombination von der konventionellen Erzählform des Mystery/Action-Thrillers und einem für eine Fernsehserie mit Massenpublikum durchaus experimentellen Spiel mit Gender-Stereotypen und abgründigen Emotionen es möglich macht, ein präzises Bild der Paradoxien post-moderner Beziehungs- und Identitätskonstruktionen zu zeichnen und… gleichzeitig einfach eine gute Geschichte zu erzählen, zeigt sich deutlich in einer Szene, in der Jessica ihren Liebhaber Luke nach dem Sex fragt, ob er eine Extra-Zahnbürste für sie hat (obwohl sie selbst weiß, dass das natürlich nicht der Fall ist) und er gelassen antwortet: „Nein“ (und weiß, dass sie das nicht erwartet hat). Aber das ist natürlich ein Klischee.

Bild oben: Screenshot YouTube