Sie wollten Rache – die jüdischen Nazi-Jäger der Organisation ‚Nakam‘

Für eine kleine jüdische Terrororganisation war der Zweite Weltkrieg mit der deutschen Kapitulation nicht beendet. Nakam übte Rache an Nazi-Verbrechern. Anschläge auf die deutsche Zivilbevölkerung konnten nur knapp verhindert werden.

„Lasst uns nicht wie Schafe zur Schlachtbank gehen!“, hatte der Schriftsteller Abba Kovner bereits 1941 gefordert. In den Jahren darauf wurde er zu einem der Anführer des jüdischen Widerstands in Litauen. Seine Fareinikte Partisaner Organisatzije (FPO) führte Sabotageaktionen gegen die SS durch und plante einen bewaffneten Aufstand, zu dem es allerdings nie kam. Viele der Kämpfer hatten wie Kovner ihre Jugend in zionistisch-sozialistischen Wanderverbänden verbracht. Nach der Liquidierung des Ghettos von Vilnius schlossen sie sich den Partisanen in den Wäldern an.

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Der Krieg in Europa endete Anfang Mai 1945. Doch der 27jährige Kovner sammelte ehemalige Mitstreiter um sich, die nicht einsehen wollten, dass der Kampf vorbei war. Ihre Gruppe umfasste etwa 60 Mitglieder und nannte sich Nakam, Hebräisch für „Rache“. Die Historiker Jim G. Tobias und Peter Zinke zeigen die Geschichte der Extremisten in ihrem Buch Nakam: Jüdische Rache an NS-Tätern auf. Kovner schmiedete einen Plan, der aus heutiger Sicht schlicht wahnsinnig erscheint: Er beabsichtigte, Trinkwasser zu vergiften, um so viele Deutsche wie möglich zu töten.

Andere militante Organisationen wie die Jüdischen Brigaden oder die Hagana wollten mit diesem Unternehmen nichts zu tun haben. Abgesehen von moralischen Bedenken angesichts einer geplanten Massentötung von Zivilisten, gab es dafür auch pragmatische Gründe. Der Vorwurf der Brunnenvergiftung ist eine der ältesten Legenden des Antisemitismus. Die tatsächliche Ausführung hätte wohl kaum zur Verringerung des Judenhasses beigetragen. Außerdem lag die Gründung eines jüdischen Staates in greifbarer Nähe, brauchte aber internationale Unterstützung.

Trotz dieser Zurückweisungen gelang es Kovner in Palästina, eine beachtliche Menge Gift zu besorgen. Als ‚Plan B‘ hatte er die Tötung von ehemaligen SS-Angehörigen in Kriegsgefangenenlagern vorgesehen. Der Terrorist reiste per Schiff nach Toulon in Frankreich, wurde aber festgenommen, bevor er seine Operation ausführen konnte. Umstritten ist, ob er den Behörden durch seine gefälschten Papiere auffiel oder verraten worden war. Möglicherweise meinte jemand, der mit dem charismatischen Nakam-Anführer gesprochen hatte, er müsse gestoppt werden.

In Deutschland – im Westen wie im Osten – setzte sich unterdessen praktisch mit Kriegsende der Mythos durch, für alle Verbrechen sei nur eine winzige Gruppe hoher Nazi-Kader verantwortlich gewesen. Man wollte nach vorn schauen, das Land wieder aufbauen. Doch hin und wieder wurde die Ruhe womöglich gestört. Der BBC-Journalist und frühere Geheimagent Michael Elkins beschreibt in seinem Roman Forged in Fury eine jüdische Terrorgruppe, die 1945 Nazi-Schergen ermordete und ihre Tode wie Unfälle aussehen ließ. Manche Leser glauben, die Handlung sei nicht fiktiv, sondern autobiografisch.


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Am 20. April 1946 meldete die New York Times, im Gefangenenlager Stalag 13 bei Nürnberg seien über 1.900 ehemalige SS-Männer mit Arsen vergiftet worden. Unklar ist, wie viele von ihnen daran starben. Joseph Harmatz, der damals ein Anführer von Nakam war, behauptete in einem Interview von 1998, seine Organisation habe den Anschlag verübt. Harmatz, ebenfalls ein Überlebender des Ghettos von Vilnius, bezeichnet Chaim Weizmann als einen Unterstützer dieser Operation. Weizmann wurde später der dritte Präsident Israels. David Ben-Gurion habe sich geweigert, so Harmatz.

Abba Kovner verbrachte nur vier Monate in Haft. Ereignisse wie das Pogrom von Kielce, über ein Jahr nach der Kapitulation der Wehrmacht, zeigten, dass der Antisemitismus nicht mit Hitler gestorben war. Kovner gehörte zu den Gründern der Untergrundorganisation Bricha, die in den Folgejahren unzählige überlebende Juden aus Osteuropa bei der Flucht nach Palästina unterstützte. Der Ex-Partisan nahm auch als Infanterieoffizier am israelischen Unabhängigkeitskrieg teil. In den folgenden Jahren trat er jedoch vor allem als Schriftsteller in Erscheinung. 1961 sagte er als Zeuge im Eichmann-Prozess aus.

Es liegt in der Natur der Sache, dass sich um eine Geheimorganisation wie die Nakam zahlreiche Mythen ranken, aber letztlich wenig über ihre konkreten Aktivitäten gesagt werden kann, das durch Quellen belegbar wäre. Unstrittig ist, dass eine kleine Gruppe junger Männer und Frauen unmittelbar nach der deutschen Kapitulation nach Wegen suchte, den Kampf fortzusetzen, und wohl auch welche fand. Sie hatten Grauenhaftes erlebt und keine Zeit zum Trauern gehabt, waren getrieben vom Hass auf den Feind und dem Wunsch nach Rache. Für Abba Kovner war die zunächst nur ‚Auge um Auge‘ denkbar.

Foto oben: Wikicommons