„Schon wieder Blumen“ – Ophelia ertrinkt langsam

Die Schaubühne verschiebt Hamlet in den Hintergrund, um den Blick auf „Ophelias Zimmer“ zu richten. Warum wird Ophelia wahnsinnig und tötet sich selbst? Shakespeare hat diese Fragen nie beantwortet.

„Du bist doch mein Versprechen“, sagt Hamlet. Die Stimme kommt von einem Tonband, der melancholische Prinz selbst ist vor allem durch seine Abwesenheit präsent in der aktuellen Auseinandersetzung der Regisseurin Katie Mitchell und der Dramatikerin Alice Birch mit dem Stoff. Wie ist nun Ophelia, so ganz ohne Geliebten? Ziemlich still. Shakespeares berühmte Selbstmörderin, deren tragisches Schicksal im „Hamlet“ schemenhaft bleibt, erscheint auch hier als eine größtenteils passive und statische Figur, die von den Machtspielen am Hof zerstört wird, ohne zu begreifen, was überhaupt geschieht. Die Vernichtung erfolgt nicht mit einem Schlag, die Frau wird regelrecht zermahlen – schrittweise, mit grausamer Präzision.

„Schon wieder Blumen“, sagt Ophelia (Jenny König) teilnahmslos, das Hausmädchen bringt immer neue Sträuße in den winzigen Raum. Dass das Zimmer sich überhaupt in einem Gebäude befindet, in dem sich auch andere Menschen aufhalten, wird nur durch die Hintergrundgeräusche klar: Schritte, Türenklappern, Rufe und Wortfetzen. Diese Soundeffekte werden in einer Tonkammer neben der Bühne produziert und folgen offensichtlich einem genauen Ablaufplan, aber das sieht nur das Publikum. Ophelias zaghafte Versuche, aus dem Kinderzimmer zu treten und am Familienleben teilzunehmen, weisen Vater und Bruder harsch zurück, sehen in ihr nur ein Werkzeug ihrer Intrigen. Hamlet kränkt und benutzt sie ebenfalls, als er den Wahnsinnigen spielt.


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Elaine Showalter beschrieb und hinterfragte 1985 in einem Essay die zahlreichen Darstellungen von Shakespeares berühmtester Nebenfigur in der Kunstgeschichte. Maler wie John Everett Millais haben sie als erotische Leiche verklärt und dabei immer wieder das Motiv der Blumen aufgegriffen, die die bereits wahnsinnige Ophelia in den meisten Hamlet-Inszenierungen vor ihrem Suizid an die anderen Figuren verteilt. (Eine Tradition, die nicht auf Regieanweisungen Shakespeares zurückgeht) Im 19. Jahrhundert glaubte man, in diesen Blumen eine spezifisch weibliche Form des Irrsinns erkennen zu können, die mit der Selbsttötung im Wasser korrespondiert, und generell in der Natur und vor allem der Sexualität der Frau angelegt sei.

Mitchells Ophelia hingegen macht sich nichts aus Blumen. Sie werden von außen in ihr Zimmer getragen. Ungebetene Eindringlinge, so wie die zunehmend aggressiven und verstörenden Monologe Hamlets. Die Blumen- beziehungsweise Wahnsinnsszene findet außerhalb der sichtbaren Bühne statt. Aber hier bringt Ophelia nicht ein eigenes, mystisches Innenleben zum Ausdruck, sondern sie sendet ein Bündel von Projektionen und Bevormundungen gewissermaßen wie einen Brief an den Absender zurück. Aus dieser Aktion erwächst jedoch keine weitere Rebellion, schon gar keine Revolution der Geschlechterordnung. Im Gegenteil: die Tragödie endet in der hermetisch abgeschlossenen Zelle, zu der Ophelias Zimmer im Laufe der Ereignisse geworden ist.

Mitchell und Birch konzentrieren sich auf den Schmerz und auf das Leid der Ophelia. Sie verzichten auf eine flache, nur allzu naheliegende Revision der Figur, an der sich bereits diverse andere Theateraufführungen und auch Romane versucht haben, in denen Ophelia zur modernen Feministin umgedeutet werden sollte. Die Passivität der Hauptfigur löst heute teilweise Unverständnis aus. Dieses Stück ist aber keine leichte Kost und keine Unterhaltungsserie. Natürlich würde der Zuschauer gern dabei zusehen – vom bequemen Stuhl aus – wie sich eine plötzlich zur ’starken Frau‘ überhöhte Ophelia gegen die offensichtliche Ungerechtigkeit ihrer Lage zur Wehr setzt. Das sind unsere Erwartungen, wir bringen sie mit wie einen schönen Blumenstrauß.

 

Foto: © Gianmarco Bresadola / Schaubühne
Foto: © Gianmarco Bresadola / Schaubühne

Foto oben: © Gianmarco Bresadola / Schaubühne