Satan, weiche von mir! 5x täglich findet in Deutschland ein Exorzismus statt

In der neuen Horror-Serie Outcast tritt ein psychisch labiler Loser gegen das Böse an. Doch Exorzismus ist ein sehr reales Phänomen. Der Glaube an Dämonen ist in Deutschland nie verschwunden.

Der kleine Joshua ist in sich zusammengesunken, stumpfsinnig wackelt er auf dem Bett hin und her. „Ich kenne dich“, sagt er, als Kyle Barnes (Patrick Fugit) näher tritt. Das Böse hat Besitz ergriffen von dem Kind. Mit übermenschlicher Kraft attackiert es den Protagonisten der Serie Outcast, tritt und schlägt um sich. Kyle, seines Zeichens Exorzist wider Willen, weiß sich letztlich nichts anders zu helfen, als das Dämonische mit den Fäusten aus dem Kind heraus zu prügeln.

Die groteske Gewaltszene, die deutlich auf Provokation setzt, basiert wie das gesamte Horror-Format auf der gleichnamigen Graphic-Novel-Reihe des Autoren Robert Kirkman, dem Erfinder von The Walking Dead. Obwohl der Genre-Klassiker The Exorcist (1973) ausgiebig zitiert wird, liefert die Erzählung einen hochaktuellen Zugang zum verstörenden Thema. Die Pilotfolge wurde am Freitag zeitgleich in 61 Ländern über Facebook gestreamt, der offizielle TV-Start ist Anfang Juni.

Teufelsaustreiber sind keine Erfindung Hollywoods

Es gibt eine sehr reale Subkultur, die regelmäßig Exorzismus-Rituale durchführt. Der Journalist Marcus Wegner beobachtet das Phänomen seit vielen Jahren und behauptet, in Deutschland allein fänden jeden Tag etwa fünf Teufelsaustreibungen statt. Ein bis zwei davon stünden im Zusammenhang mit der katholischen Kirche, deutlich aktiver seien jedoch mittlerweile diverse evangelikale Sekten, meint der Autor des Buches Exorzismus heute: Der Teufel spricht deutsch.

Aufsehen erregte zuletzt ein Gewaltexzess im Dezember 2015: Eine 41 Jahre alte Südkoreanerin wurde in einem Frankfurter Hotel von anderen Südkoreanern erschlagen, darunter ihr Sohn. Ein Zusammenhang mit einem Teil der evangelikalen Szene wird vermutet, weil die Täter nach dem Mord den Priester einer örtlichen Freikirche zu sich riefen, die sie zuvor einmal besucht hatten. Der jedoch verständigte die Polizei. Ein Gerichtsprozess wird für diesen Sommer erwartet.

Für religiöse Bewegungen aus dem fundamentalistischen Spektrum spielen spektakuläre Events eine besonders wichtige Rolle, schreiben die Soziologen Krech, Schlamelcher und Hero in einer Studie von 2013. Im Gegensatz zum eher biederen Religionsverständnis der Amtskirchen setzen sie auf eine Ästhetisierung des Glaubens – und des Bösen. Dem Religionssoziologen Heinrich Schäfer zufolge glauben gerade Pfingstler mehrheitlich an eine reale Macht von Dämonen auf Menschen.

Evangelikale und Pfingstlerbewegung sind in den USA stark vertreten, wo seit jeher verschiedenste Religionen auf einem freien Markt um die Gläubigen wetteifern. Sie gewinnen aber auch in Lateinamerika, Afrika und Asien an Zulauf und verdrängen damit teilweise die Großkirchen.

Der Vatikan reagiert

„Nur unwissende oder oberflächlich denkende Zeitgenossen halten dämonische Kräfte für Märchen oder Hirngespinste“, behauptete der Kölner Prälat Helmut Moll kürzlich gegenüber dem Internetportal katholisch.de, das von der Deutschen Bischofskonferenz betrieben wird. „Welche Kräfte haben zum Beispiel Adolf Hitler, Josef Stalin oder Pol Pot getrieben, Millionen von Menschen gewaltsam umzubringen?“, fragt der geistliche Würdenträger und meint wohl, die Antwort genau zu kennen.


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Anfang April diesen Jahres veranstaltete die päpstliche Hochschule Regina Apostolorum, eine Einrichtung der „Legionäre Christi“, ein einwöchiges Seminar zum Thema Exorzismus in Rom. Der Grundkurs wurde bereits zum zehnten Mal abgehalten. In diesem Jahr kamen mehr als 200 Teilnehmer aus 35 Ländern. In Rom hat auch die Internationale Vereinigung der Exorzisten ihren Sitz, die erst 2014 vom Papst als kanonisches Rechtssubjekt anerkannt wurde.

In Deutschland äußert sich die katholische Kirche offiziell nicht zum Thema – seit dem Tod der vermutlich psychisch kranken Studentin Anneliese Michel 1976 im hessischen Klingenberg. Die junge Frau war verhungert, bevor die Priester ihr das Böse austreiben konnten. Die Historikerin Petra Ney-Hellmuth geht davon aus, dass der Fall, einer der größten Skandale der Nachkriegs-BRD, im Zusammenhang stand mit einer Kampagne ultrakonservativer Kreise gegen die Liberalisierung der Kirche.

Im 19. Jahrhundert gingen kultische Praktiken vor allem von Laien und niederen Klerikern aus. Damals entstanden auch die meisten der heute aktiven christlichen Sekten. Der höhere Klerus versuchte, die Deutung der Welt wieder unter Kontrolle zu bringen, indem er originelle Formen der Frömmigkeit mit Institutionen an sich band. Auf diese Zeit dürften auch die heute gängigen Exorzismus-Rituale zurückgehen, nicht direkt auf das Mittelalter, das zumeist spontan genannt wird, wenn es irgendwie um Irrationalität geht.

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Tatsächlich hat das Projekt der Aufklärung die Welt nie vollständig entzaubern können. Sonst gäbe es wohl heute keinen Bedarf an fiktivem Horror mehr. Das Dämonische blieb in der Welt, seine Ästhetisierung hat nichts an Faszination eingebüßt.

Eine Welt, in der das Böse existiert, ergibt Sinn

Würde man – nur als Gedankenexperiment – alle Mystery-Elemente aus dem Plot von Outcast entfernen, bliebe die Geschichte eines brutalen Sonderlings, der am Leben gescheitert ist. Es wäre eine frustrierende Erzählung von häuslicher Gewalt und massivem Missbrauch. Der Zuschauer erfährt in Rückblenden, dass der Protagonist als Kind von seiner Mutter gequält und geschlagen wurde. Doch weil sie vom Dämon besessen war, hatte alles zumindest einen Grund.

Diese semantische Verbindung lässt sich auch in der wirklichen Welt beobachten. Oftmals werden mystische Ritualpraktiken als Bewältigungsstrategien angewendet. Für Gewalt und Missbrauch lässt sich normalerweise keine vernünftige Erklärung finden, die dem Geschehenen einen Sinn geben könnte. Traumatische Erlebnisse erhalten jedoch eine sakrale Bedeutung, wenn sie zu mystischen Vorgängen umgedeutet werden, deren Ursachen außerhalb des menschlichen Ermessens liegen.

Die Pilotfolge von Outcast wird am 3.  Juni auf Cinemax ausgestrahlt und läuft drei Tage später beim Pay-TV-Kanal FOX auf Deutsch an, ins Free-TV wird sie es wohl vorerst nicht schaffen. Rechtzeitig vor dem Serienstart übersetzte das Ludwigsburger Label Cross Cult die ersten beiden Hefte der von Paul Azaceta gezeichneten Comic-Reihe ins Deutsche.

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Foto oben: © FOX / Cinemax