Russlands durchgeknalltester Kriegsreporter attackiert Journalisten in Berlin

Zwei Männer stürmten am Dienstag in das Berliner Büro des Recherchezentrums Correctiv und beschimpften dort Journalisten. Einer der beiden ist ein selbsternannter Kriegsreporter, der womöglich an Menschenrechtsverletzungen beteiligt war.

Die Eindringlinge bezichtigten die Anwesenden lautstark, Lügen zum Abschuss des Flugzeugs MH17 in der Ukraine zu verbreiten, wurden jedoch prompt vor die Tür gesetzt. Als die Polizei eintraf, flohen die Störer. Correctiv erstattete Anzeige. Aber damit ist es wohl noch nicht getan. Einer der beiden veröffentlichte ein Video der Aktion, die Teil einer Guerilla-PR-Strategie zu sein scheint. Der „unabhängige Journalist“ Graham William Philipps betreibt einen YouTube-Kanal und ist seit Beginn des Ukraine-Konfliktes eine feste Größe der russischen Propaganda. Begleitet wurde er von einem vergleichsweise zurückhaltenden Mann namens Billy Six. Der ist Autor bei der neurechten Jungen Freiheit, will aber mittlerweile nichts mehr mit der Sache zu tun haben und fühlt sich sogar von Phillips ausgenutzt.

Who the fuck is Graham Phillips?

Seit Beginn der Kampfhandlungen in der Ukraine hat der glatzköpfige Brite den Konflikt mit seiner wackeligen Handkamera begleitet. Er postete zahllose Videos, manchmal mehrere Dutzend kurze Clips täglich. 2014 hat er für einige Wochen als Freelancer für das russische Auslandsfernsehen RT gearbeitet. Im Mai wurde er vom ukrainischen Geheimdienst vorübergehend festgenommen. Später arbeitete der Mittdreißiger aus Nottingham für den TV-Kanal „Zvezda“ (Stern), der dem russischen Verteidigungsministerium untersteht. Viele seiner Online-Videos zeigen Kommentare von zufälligen Passanten oder einfachen Kämpfern in Uniform, doch Phillips hat auch zentrale Figuren des Konflikts interviewt, zum Beispiel den Separatisten-Kommandanten Igor „Strelkov“ Girkin oder den Nachtwölfe-Chef Alexander „Chirurg“ Saldostanov.

Seine Videos aus dem Kampfgebiet lassen deutlich erkennen, dass Phillips eng mit den pro-russischen Kämpfern kooperierte. Im September 2014 lud er einen Clip hoch, der gefangene ukrainische Soldaten zeigt, die regungslos am Boden sitzen, während Philipps mit der Kamera zwischen ihnen herumläuft. Er bedrängt sie und fragt herausfordernd, ob sie Zivilisten getötet haben. In einem anderen, noch wesentlich drastischeren Clip ist ein Mann mit sehr schweren Brandverletzungen zu sehen, offenbar aufgenommen in einem Krankenhaus auf der pro-russischen Seite. Er gibt an, Angehöriger eines ukrainischen Freiwilligenbataillons zu sein. Phillips filmt den hilflosen Patienten aus nächster Nähe und fragt ihn, ob seine Schmerzen stark sind und ob er jetzt bereut, auf ukrainischer Seite am Krieg teilgenommen zu haben.

Einige Monate später folgte ein ähnlich grausames Video: Graham Phillips filmt darin eine Kolonne gefangener ukrainischer Soldaten, die allem Anschein nach dazu gezwungen werden, ihre toten Kameraden zu tragen. Der Beobachter Phillips läuft neben den Männern her und beschimpft sie aus dem Schutz seiner Kamera anklagend als Kriegsverbrecher. Dabei fragt er immer wieder direkt „Schämst du dich?“. Es ist typisch für die Kreml-Propaganda , den Regierungstruppen im Jargon von Menschenrechtlern die Tötung von Zivilisten vorzuwerfen. Dabei wird in der Regel ignoriert, dass die pro-russischen Truppen, wenn sie in Ballungsgebieten wie der Großstadt Donezk operieren, zumindest eine Mitverantwortung dafür tragen, dass Wohngebiete überhaupt zum Kriegschauplatz werden. Von einer „Verteidigung“ der Zivilbevölkerung kann jedenfalls kaum die Rede sein.

Phillips Gonzo-Reportagen sind jedoch nicht nur verzerrend und wertend, sein aggressives Verhalten verletzt diverse Pressestandards. Die gezielte Erniedrigung von Gefangenen verstößt darüber hinaus gegen internationales Recht. Im Juni 2015 verwendete der technikaffine Kriegstourist eine Kameradrohne direkt vor den Augen der pro-russischen Kämpfer und ermöglichte denen, sich auf seinem Bildschirm über die gegnerischen Positionen zu informieren. Mit diesem Aufklärungsflug griff der angebliche Reporter aktiv in das Kampfgeschehen ein.

Einen Monat später reiste er nach Moskau und bedrängte dort gemeinsam mit zwei Aktivistinnen der „Nationalen Befreiungsfront“ (NOD), einer Putin-treuen Organisation, eine Mahnwache für den ermordeten Oppositionellen Boris Nemtsov. Gemeinsam mit der NOD-Aktivistin Maria Katasanova macht er sich über die Mahnwachen-Teilnehmer lustig. Katasanova wurde bekannt durch ein YouTube-Video, in dem sie dem Westen für den Fall einer Niederlage der pro-russischen Milizen im Donbas mit atomarer Vernichtung droht. Einen der Trauernden fragt Phillips provokativ, ob Nemtsov zum Zeitpunkt seiner Tötung mit einer Prostituierten unterwegs gewesen sei. Manche Passanten kennen Phillips aus dem Fernsehen, nichts ungewöhnliches, denn er hat einen gewissen Kultstatus. Am Ende rufen die Oppositionellen jedoch die Polizei, die Phillips kurzerhand festnimmt. Ungerührt filmt der sogar in der Polizeistation weiter, wird aber bald entlassen.


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Anfang 2016 kündigte der YouTube-Star an, sich fortan neuen Themen widmen und seine Tätigkeit vollständig über Crowdfunding finanzieren zu wollen. Für eine Doku über den „Brexit“ sammelte er bereits £1,755 mithilfe der Plattform Indiegogo. Was man sich darunter vorzustellen hat, zeigen Ausschnitte im Netz. Mitte Juni marschierte der Gonzo-Propagandist mit seinem Kamera-Equipment in das „Dschungel“ genannte Flüchtlingslager in Calais ein, filmte die Menschen dort ohne deren Einverständnis und sogar nachdem er aufgefordert wurde aufzuhören. Als sich die so Bedrängten letztlich zur Wehr setzten und ihn am Filmen hinderten, beschuldigte er sie, sich aggressiv zu verhalten. Auffällig ist, dass Phillips auch wenn er allein agiert und massiv unter Druck gerät, praktisch nie Zeichen von Angst oder auch nur Nervosität zeigt.

Gewalt und Elend ziehen den erstaunlich empathiefreien Dauerreisenden an. Doch bevor Phillips zum Schreckenstouristen wurde, genoss er für einige Jahre in Kiew das Leben eines spätpubertären Partytypen Anfang Dreißig. Wie viele Expats jobte er dort seit 2010 zunächst als Englischlehrer und erkundete gemeinsam mit anderen Ausländern das Nachtleben. Später arbeitete er beim Fernsehen und schrieb ab und zu einen Artikel für ein kleines englischsprachiges Stadtmagazin. In dieser Zeit betrieb er auch einen recht aufschlussreichen Blog. Der wurde zwar inzwischen gelöscht, von den meisten Einträgen existieren aber weiterhin Kopien im Internet Archive. Teilweise setzte er sich auch damals schon mit der ukrainischen Politik auseinander, kritisierte etwa das Erstarken der rechtsradikalen Svoboda-Partei Ende 2012.

Andere Texte handeln von eher privaten Themen. Im August 2013 schrieb er etwas wehleidig über das Ende einer langjährigen Liebesbeziehung zu einer Ukrainerin. Außerdem beschäftigte er sich mit Pornostars und berichtete aus dem Rotlicht-Milieu, etwa in Form eines mehrteiligen Features über das „schwimmende Bordell“ River Palace in Kiew. Mittels eines Fake-Accounts versuchte er herauszufinden, ob es im sozialen Netzwerk mamba.ru ukrainische Studentinnen gibt, die sich für Sex bezahlen lassen.

Erstaunlich viele Artikel allerdings handeln von einer ehemaligen Stripperin, mit der Phillips persönlich eigentlich nichts zu tun hatte. Dennoch warf er Anna Ziuzina immer wieder vor, ihren schwerreichen Ehemann ermordet zu haben. Ein Unbekannter hatte den britischen Millionär Barry Pring 2008 mit dem Auto überfahren. Seine Frau war damals verdächtigt worden, einen Auftragsmord organisiert zu haben, wurde aber nie verurteilt. Phillips entwickelte eine ganz besondere Affinität zu diesem Fall, richtete sogar einen speziellen Blog ein und versuchte, den Tathergang mit dem eigenen Auto zu rekonstruieren. Ein Buch, das Philipps zum Thema publizierte, wurde von Amazon nach kurzer Zeit aus dem Programm genommen, scheinbar auf Betreiben Ziuzinas und ihres neuen Lebenspartners. 2015 musste sich Phillips vor Gericht verantworten, weil er angeblich in die Londoner Wohnung des Paares eingedrungen ist und dort gefilmt hat. Der Beschuldigte streitet das ab und stellt sich als Opfer dar.

Die Vorwürfe ähneln denen der Berliner Journalisten. Und auch hier wurde die Sache persönlich: die Attacken richteten sich explizit gegen den Reporter Marcus Bensmann, der für die preisgekrönte Correctiv-Dokumentation zum Abschuss der Passagierfliegers MH17 in der Ukraine recherchiert hat. Mit der Provokation wollte Phillips aber offenbar auch Aufmerksamkeit auf sein eigenes Film-Projekt zum Thema MH17 lenken. Einige Facebook-Seiten und ‚Alternativmedien‘ aus dem verschwörungstheoretischen Milieu feiern den Auftritt bereits als Heldentat und sehen sich gerade durch ablehnende Berichte aus der Mainstream-Presse bestätigt. Sie glauben – wenig originell – dass ein mutiger Wahrheitssucher mundtot gemacht werden soll. Graham bemüht sich indes aktiv um das entsprechende Klientel. Am letzten Sonntag hat er bei der rechtsradikalen Demo „Merkel muss weg!“ Demonstranten interviewt. Seinem Twitter-Account zufolge befindet sich der Störenfried momentan in Großbritannien, scheint jedoch Pläne zu haben, nach Deutschland zurückzukehren.

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Foto oben: Screenshot YouTube