Russlanddeutsche demonstrieren gegen Zuwanderung: Rassismus-Vorwürfe allein genügen nicht mehr

Tausende Russlanddeutsche demonstrierten am vergangenen Samstag gegen angebliche Missbräuche durch Migranten. Anlass war eine Falschmeldung. Das Phänomen zeigt einmal mehr die Spaltung der deutschen Gesellschaft angesichts der Herausforderungen durch die Zuwanderung.

Ein 13-jähriges Mädchen sei von Migranten verschleppt und 30 Stunden lang vergewaltigt worden, behauptete „genosse.ru“ am 16. Januar 2016. Die rechtsgerichtete Website wendet sich an Russlanddeutsche. Das russische Staatsfernsehen „Pervij Kanal“ griff die Story auf und berichtete in einer stark skandalisierenden Weise, was den Konstanzer Anwalt Martin Luithle dazu veranlasste, den verantwortlichen Korrespondenten wegen Volksverhetzung anzuzeigen. Die russische Botschaft reagierte wiederum im Kreml-Portal „Sputnik“ mit dem einigermaßen grotesken Vorwurf, die Pressefreiheit sei in Gefahr.

Tatsächlich stellte sich schnell heraus, dass es die angebliche Vergewaltigung wohl nie gegeben hat. Das räumte auch ein Anwalt der Familie ein – der im Übrigen selbst eine schillernde Figur der Verschwörungsszene ist. Trotzdem rief der „Internationale Konvent der Russlanddeutschen“, eine eher marginale rechtsradikale Gruppierung, weiterhin bundesweit zu Demonstrationen auf, und fand dabei Unterstützer wie die reichlich obskure (Kampf-)Sportlervereinigung „Deutsch-Russische Bruderschaft“ oder eine  Facebook-Seite namens „Russen Treff“.

In Hamburg, Bremen und Bremerhaven, Köln, Aschaffenburg, Pforzheim, Delmenhorst und anderen Städten gingen insgesamt mehrere Tausend Personen auf die Straße, die sich anscheinend oftmals nicht ganz einig darüber waren, was denn nun eigentlich passiert sei. Darum ging es aber letzten Endes wohl auch nicht, sondern eher um den Ausdruck eines allgemeinen Unbehagens und des Misstrauens gegenüber der Politik. Auch wenn die rechten Demonstranten nur einen Bruchteil der Communities repräsentieren, haben diverse Medien die Russlanddeutschen nun plötzlich als Problemfall entdeckt.

Die Migrationsgeschichte der Russlanddeutschen

Die Einwanderer, die im 18. Jahrhundert aus den krisengeschüttelten deutschen Kleinstaaten ins Zarenreich übersiedelten, fanden sich in einer schwierigen Lage wieder, schreibt der Historiker György Dalos. Die harten Lebensbedingungen am Rande des Imperiums hatten wenig Ähnlichkeit mit dem gelobten Land, das vielen der Kolonisten von windigen Maklern versprochen worden war. Doch die deutschen Siedler genossen gewisse Privilegien, etwa Steuervorteile und teilweise Selbstverwaltung. Angehörige religiöser Minderheiten konnten ihren Glauben ausüben. Die Umgangssprache blieb Deutsch.

All das separierte die Communities natürlich von der russischen Bevölkerung, ebenso wie von anderen Minderheiten in ihren jeweiligen Siedlungsgebieten. Im Ersten Weltkrieg sahen sie sich erstmals dem kollektiven Vorwurf der Kollaboration mit dem Feind ausgesetzt. Die frühe Sowjetunion brachte den Deutschstämmigen – abgesehen vom kurzen Traum einer autonomen Wolgarepublik – keine Verbesserungen. Stalin schließlich verfolgte nicht nur ihre Religionen, sondern deportierte die Minderheit als angebliche Hitler-Kollaborateure nach Kasachstan und Sibirien.

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Erst nach dem Tod des Diktators erfolgte eine teilweise Rehabilitierung, doch ihre Sonderstellung erhielt die Minderheit nicht zurück. Im Gegenteil setzte nun eine verstärkte Russifizierung ein. Anders zu sein, hatte sich als lebensgefährlich erwiesen. Mit dem Ende der UdSSR eröffnete sich die Möglichkeit, nach Deutschland zu gehen und die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten. Inzwischen hatten die jüngeren Generationen nur noch einen sehr schwachen Bezug zur fernen Heimat ihrer Vorfahren. Von der deutschen Mehrheitsgesellschaft wurden die Ankömmlinge als „Russen“ wahrgenommen. Dass sie oft kein Deutsch sprachen, wurde nun wieder zum Makel.

Deutsche Russen, russische Deutsche, weder noch

Die paradoxe Situation, gleichzeitig deutschstämmig und dennoch Migrant zu sein, also tagtäglich mit Vorurteilen und Zurückweisung konfrontiert zu werden, schweißte die Communities enger zusammen. Hinzu kamen Erfahrungen und Sozialisierungen typisch für den post-sowjetischen Raum, sagt der Publizist und Anwalt Sergey Lagodinsky gegenüber Deutschlandradio Kultur, etwa ein grundsätzliches Misstrauen staatlichen Behörden gegenüber, sowie ein ungebrochen positives Verhältnis zu Nation und Tradition. Nicht zuletzt eine generelle Skepsis gegenüber der offenen Gesellschaft.


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Die russischen Staatsmedien verstehen diese Mentalität, für die sich bis zum vergangenen Samstag in Deutschland kaum jemand interessierte. Die Demonstranten zeigten deutlich, dass sie der Darstellung der deutschen Medien und der Polizei keinen Glauben schenken, den Skandalgeschichten der Kreml-Sender hingegen schon. Auch damit setzen sie sich von der der deutschen Mehrheit ab: die lässt sich von russischen Medien nämlich insgesamt nur in geringem Maße beeinflussen, schreibt der Meinungsforscher Thomas Petersen in den aktuellen „Russland-Analysen“, auch wenn es mitunter anders wirkt.

Die Motivationen und Ressentiments der russlanddeutschen Demonstranten unterscheiden sich unter dem Strich kaum von denen der Pegida-Anhänger und Bürgerwehr-Gründer, die sich ebenfalls nicht mit einem multikulturellen Deutschland identifizieren können oder wollen. Ihre Ängste empfinden sie als real, umgeben sich mit Menschen, die diese Gefühlslage teilen und wenden sich von anderen ab. Wenn ihnen Ablehnung entgegenschlägt, ziehen sie sich umso tiefer in die Echo-Räume des Internets zurück. Dort gelten noch die Kategorien „Freund“ und „Feind“ (die natürlich auch für Antirassisten nicht ganz ohne Bedeutung sind).

Dabei ist die über weite Strecken tragische Geschichte der Russlanddeutschen selbst ein sehr gutes Beispiel dafür, wie schwierig Integration ist. Allein mit gutem Willen ist in dieser Angelegenheit nicht viel auszurichten, ebenso wenig wie mit Gebrüll in den sozialen Netzen. Nur tragfähige Strukturen und Institutionen können Rechtssicherheit und Vertrauen schaffen, für die neu Ankommenden und auch für die Menschen, die bereits hier sind. Es wird den Staat viel Geld kosten und langfristige, durchdachte Maßnahmen erfordern, wenn ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft in verfeindete Fraktionen verhindert werden soll.

Bild oben: Screenshot Pervij Kanal