Umzingelt von Hass und Opportunismus: ‘Professor Bernhardi’ an der Schaubühne

Heute feiert Thomas Ostermeiers Inszenierung von Arthur Schnitzlers Professor Bernhardi an der Berliner Schaubühne Premiere. Das Stück thematisiert das Erstarken des Antisemitismus. Vorab wurde es als Probendurchlauf vor Publikum gezeigt.

Professor Bernhardi, der Protagonist von Arthur Schnitzlers „Komödie in fünf Akten“, trifft eine medizinische Entscheidung: Er verweigert einem Priester den Zugang zum Krankenzimmer, um seiner Patientin die Konfrontation mit ihrem unmittelbar bevorstehenden Tod zu ersparen. Die junge Frau stirbt, ohne die Sakramente empfangen zu haben. Die hätte sie aus Sicht der katholischen Kirche besonders nötig gehabt, weil ihre Krankheit die Folge einer illegalen Abtreibung war. Dass Bernhardi Jude ist, spielt beim folgenden Skandal eine nicht unwesentliche Rolle. Seine Widersacher nutzen antisemitische Ressentiments. Weniger aus Überzeugung denn bloßem Opportunismus.

Bernhardi fühlt sich indessen ausschließlich seiner Ethik als Mediziner verpflichtet. Für die Machtspiele der anderen Figuren hat er nur subtilen Spott übrig, sogar als er selbst unter die Räder gerät. Der rational denkende Arzt unterschätzt die Gefahr etwas zu lange, das Ausmaß der Borniertheit seiner Mitmenschen wird ihm erst spät bewusst. Das Drama spielt in Wien, wo es auch entstanden ist, wurde jedoch 1912 in Berlin uraufgeführt, denn die Zensur des Habsburgerreiches hatte es verboten. In raffinierten Dialogen beschrieb Arthur Schnitzler die Krise des Wiener Liberalismus. Der hatte Anfang des 20. Jahrhunderts bereits so stark an Boden verloren, dass Karl Kraus spottete, seine Wirkung beschränke sich „auf ein Premierenpublikum“.

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Die Aktualität von Professor Bernhardi ist unübersehbar

Wenn bei Schnitzler „die Klerikalen“ Stimmung gegen Bernhardi machen, werden daraus in der Fassung Ostermeiers und seines Dramaturgen Florian Borchmeyer „die Populisten“. Die Populisten halten ihre Reden zwar andernorts, doch ihr wachsender Einfluss lässt sich auch in der geordneten Welt der Klinik nicht mehr ignorieren. Jörg Hartmann spielt den titelgebenden Arzt als kühl observierenden Ironiker. Die Verlogenheit der Demagogen ist für ihn offenkundig, ebenso der Egoismus seiner Kollegen, die es auf seinen Posten abgesehen haben. Bernhardi meidet die große Geste, begründet sein Handeln nicht einmal. Ganz im Gegensatz zu seinem Widersacher, dem opportunistischen Minister Flint (Hans-Jochen Wagner). Der Politiker betont immerfort die hohe Moral und verweist auf das große Ganze, nur um dann doch nur den eigenen Vorteil zu suchen und sich den Antisemiten anzudienen.

Nicht zum ersten Mal greift die Schaubühne das aktuelle Erstarken rechter Strömungen auf – beziehungsweise an. Falk Richters FEAR erboste 2015 diverse AfD-Lautsprecher und löste Shitstorms im Netz aus. Die Hardlinerinnen Beatrix von Storch und Hedwig von Beverfoerde versuchten, die Aufführung gerichtlich verbieten zu lassen. Damit scheiterten sie zwar. Aber die katholische Publizistin Gabriele Kuby – eine Vordenkerin der christlichen Rechten – hat erst im vergangenen September eine eigene Klage eingereicht, die noch nicht entschieden ist. Die Populisten berufen sich auf Meinungsfreiheit, Demokratie, sogar auf die Menschenrechte, um Kritiker zu diffamieren und ruhigzustellen. Weil sich das politische Klima wandelt, haben sie immer öfter Erfolg damit.

Schnitzlers Professor Bernhardi hingegen kann sich nicht durchsetzen. Doch er bewahrt Haltung, auch wenn seine Umgebung darin nur sinnlose Sturheit erkennen will. Die Figur steht für ein autonomes Subjekt, das den Idealen des liberalen Bürgertums verpflichtet bleibt, auch wenn es von Claqueuren umzingelt ist. Ostermeiers Adaption des Stoffs ist nicht nur erstklassig besetzt, sondern auch ein treffender Kommentar zur politischen Lage. Der begeisterte Applaus des Premierenpublikums ist ihm wohl gewiss.

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Foto oben: © Schaubühne