Panama-Papers: Werden Steuersünder aus den USA nicht enttarnt?

Geleakte Dokumente legen die Offshore-Geschäfte der Kanzlei Mossack Fonseca offen und enttarnen Steuerbetrüger weltweit. Doch im Internet vermutet so manch einer hinter all dem nur ein raffiniertes Komplott der USA.

Während die meisten Beobachter die Enthüllungen begrüßten, bemängelte die Politikerin Sahra Wagenknecht auf Facebook, dass bislang „kein einziger veröffentlichter Name aus den USA“ zu finden sei. Ebenso wie der YouTube-Reporter Tilo Jung, ein Telepolis-Autor und andere – eher obskure – Internetpersönlichkeiten vermutet die Fraktionsvorsitzende der Linkspartei hinter dem Leak lediglich eine „manipulative Meinungsmache der westlichen Mainstream-Medien“.

Tatsächlich ist es sogar faktisch richtig, dass Daten zurückgehalten werden. Weder die Süddeutsche Zeitung, die sie unter etwas ominösem Umständen erhalten hat, wird die Originaldaten veröffentlichen, noch das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ), das deren Analyse international koordiniert. Anders war es bei den WikiLeaks-Dokumenten – die damals online gestellten Dateien wurden aber letztlich ebenfalls von Journalisten ausgewertet und zu Meldungen verarbeitet.

Worum geht es eigentlich? Die meisten Deutschen haben Schwierigkeiten damit, sich unter dem Offshore-Geschäft überhaupt etwas vorzustellen. Das zeigt allein die häufige Verwendung des vollkommen anachronistischen Begriffs „Briefkastenfirma“. Schließlich geht es nicht darum, ob eine Firma Geschäftsräume hat oder nur auf dem Papier existiert, sondern um endlose Netzwerke aus Dach- und Tochtergesellschaften, die nur zu einem einzigen Zweck existieren: um undurchschaubar zu sein.


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In der Welt der Reichen gibt es viele Gründe für Offshoring, nicht immer steckt dahinter ein illegales Geschäft – aber meistens schon. Das am wenigsten originellste Motiv ist vielleicht das Verbergen des eigenen Vermögens vor den Steuerbehörden. (Das funktioniert in der Regel gut, zumindest solange, bis der eigene Nachwuchs den geheimen Reichtum auf Instagram herausposaunt.) Steuervermeidung ist eine gewaltige Industrie und mit der legalen Geschäftswelt so stark verwoben, dass sich eine klare Trennlinie kaum ziehen lässt.

Aber warum lesen wir nun keine Enthüllungen aus den Vereinigten Staaten? Diese Unterstellung ist zunächst einmal in der Sache falsch. In den Papers werden die Namen von 211 US-Bürgern genannt. Das sind vergleichsweise wenig, aber das hat eine Ursache, schreibt die International Business Times: Die USA sind selbst ein Steuerparadies. In einigen dünn besiedelten Bundesstaaten kommen Geschäftspraktiken zum Einsatz, die denen von Mossack Fonseca in nichts nachstehen.

Delaware beispielsweise hat nur 935.000 Einwohner, dennoch sind dort 1,1 Millionen Firmen registriert. Und Nevada gehört laut ICIJ sogar zu den zehn wichtigsten Steueroasen der Welt, es rangiert zwischen Anguilla und Hongkong. Auch Apple nutzte die Standortvorteile bereits, die New York Times berichtete 2012 über ein kleines Büro, das der Konzern nur zu diesem Zweck in der Glücksspielstadt Reno eröffnet hatte. Die Nichtregierungsorganisation Fact Coalition fordert die Schließung der Gesetzeslücken.

Ungleich härter geht die US-Regierung gegen Steuerhinterziehung im Ausland vor. Der Foreign Account Tax Compliance Act (FATCA) zwingt ausländische Banken, Daten von US-Bürgern zu übermitteln, die Konten bei ihnen unterhalten. Geldinstitute, die die Kooperation verweigern, müssen eine 30-prozentige Quellsteuer auf alle Einnahmen aus den USA entrichten. Auf der anderen Seite leiten die amerikanischen Behörden jedoch nur vergleichweise wenig Informationen an die Finanzämter anderer Länder weiter.

Unter dem Strich ist es also für einen US-Amerikaner einfacher, seine Millionen in Las Vegas zu verstecken als in Panama-Stadt. Wer sie dennoch ins Ausland bringt, nutzt wohl eher Singapur oder die Jungferninseln. Letztere führen die Steuerparadies-Rangliste an – mit weitem Abstand. Laut Tax Justice Network sind auf den Jungferninseln aktuell etwa zwanzig Firmen pro Einwohner registriert. Ebenso wie Bermuda oder die Cayman Islands hätten sie sich ohne stillschweigende Zustimmung Großbritanniens nicht zur Steueroase entwickeln können.

Erst wenn das Offshoring-System und seine Funktionsweisen besser verstanden werden, lassen sich wirksame Gegenmaßnahmen einführen, etwa neue Gesetze. Es wäre nicht viel gewonnen, wenn die Presse einfach die Namen aller Kunden von Mossack Fonseca nennen würde, um die dann  individuell zur Verantwortung ziehen zu lassen. Das weiß auch die promovierte Volkswirtin Sahra Wagenknecht, die – ebenso wie kürzlich mit kontroversen Aussagen zur Flüchtlingspolitik – offenbar ein Klientel ansprechen möchte, das Ressentiments eher zugeneigt ist als Fakten.

Bild oben: Flickr | descubriendoelmundo  | CC2.0