Noch leben sie… ‚Die Toten‘: Christian Krachts neuer Roman

In seinem aktuellen Roman Die Toten schickt Christian Kracht den Leser einmal um die ganze Welt, um die düstere Vorahnung von Krieg und Massenmord am Ende der Weimarer Republik einzufangen.

Japan, Anfang der 1930er Jahre. Ein junger Offizier schlitzt sich den Bauch auf, um seine Ehre wiederherzustellen. Wer der Mann ist, der auf so qualvolle Weise aus dem Leben scheidet, erfährt der Leser nicht. Der Seppuku, der ritualisierte Selbstmord, wird gefilmt, denn der kaiserliche Beamte Amakasu Masahiko erhofft sich Großes von diesem Snuff-Streifen. Die Filmrolle schickt er nach Berlin zu Alfred Hugenberg, um den mächtigen Chef der Universal Film AG für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Nur eine „zelluloidene Achse“ zwischen Berlin und Tokio könne die Eroberung der gesamten Welt durch Hollywood und seinen Kulturimperialismus aufhalten, hofft Amakasu.

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Die Deutschen, mit ihrer Schwermut und Todessehnsucht, das seien doch die idealen Verbündeten für den japanischen Film. Hugenberg willigt in eine Kooperation ein, schickt aber nicht einen Starregisseur wie Fritz Lang oder Arnold Fanck in den Fernen Osten, sondern – weil der gerade zur Hand ist – den etwas langweiligen Schweizer Emil Nägeli. Während sich die Schlägertrupps von Nazis und Kommunisten in den Berliner Straßen bekämpfen, setzt ausgerechnet der Filmkritiker Siegfried Kracauer dem Regisseur eine Idee in den Kopf: Er möge doch einen Gruselfilm  drehen, „eine Allegorie, bitte sehr, des kommenden Grauens“.

Ein Taxifahrer klopft antisemitische Sprüche und Kracauer sticht ihm kurzerhand die Augen aus – während der Fahrt. Offenbar ist der Filmsoziologe selbst nicht ganz frei von Todessehnsucht. Christian Kracht durchsetzt die Handlung aber auch mit realen Begebenheiten, die nicht weniger seltsam sind als die fiktiven. Ein Putschversuch japanischer Marineoffiziere 1932 wird historisch korrekt geschildert. Als die Attentäter in das Haus den Premierministers Inukai Tsuyoshi eindringen, versucht Inukai zu verhandeln: „Wenn ich sprechen könnte, würdet ihr verstehen.“ Die Attentäter antworten nur: „Dialog ist sinnlos“ und schießen ihn über den Haufen.

„Die Gewalt spricht nicht“, schreibt der Sozialforscher und Literaturwissenschaftler Jan-Philipp Reemtsma. Das wussten die Putschisten. Eigentlich sollte auch Charlie Chaplin ermordet werden, der beim Premier zum Essen eingeladen war. Nur durch Zufall kam der weltberühmte Schauspieler mit dem Leben davon. Die Attentäter wollten Japan in einen Krieg mit den Vereinigten Staaten zwingen. So, glaubten sie, könne der japanische Volksgeist wiederbelebt werden. Als Anhänger der ultranationalistischen Ketsumaidan-Sekte verachteten sie die westliche Kultur, die in ihrem Land immer populärer wurde. Die Verkommenheit der Moderne verkörperte sich für die Verschwörer gerade in der anarchischen Figur des „Tramp“, so landete Chaplin auf ihrer Todesliste.


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Erstaunlicherweise überschattet jedoch der Slapstick-Darsteller Chaplin selbst Die Toten mit einer übermächtigen und abgründig bösen, ja mörderischen Präsenz. Krachts Roman erzählt neckisch von Terror und Gewalt. Freundlich lächelnd nimmt der Autor seinen Leser bei der Hand und führt ihn in eine verstörende Welt, die er hinter den Kulissen des frühen Kinos konstruiert hat. Drastische Szenen werden einfach gezeigt, wie durch das kühle Auge einer Kamera, das zoomt und fährt, sich aber nie abwendet. Eine Erklärung bleibt aus. Das Grauen kommt gerade in der Leerstelle zum Vorschein, im Ungesagten und Unsagbaren.

Amakasus Gespür trügt ihn nicht: der Kult um die Toten, die Gefallenen, die Märtyrer und den Tod an sich wird eine zentrale Rolle spielen im neuen deutschen Staat der Nationalsozialisten.

Der Autor von Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten und Imperium verstört auch in seinem fünften Roman auf ungemein freundliche Weise. Japan und Hollywood dienen als Bezugspunkte für eine Betrachtung der von gefährlichen Ängsten und Allmachtfantasien geprägten Endphase der Weimarer Republik. Die Protagonisten der deutschen Kulturszene, die bei Kracht als Nebenfiguren auftauchen, tanzen auf dem Vulkan, mehr oder weniger ist ihnen das bewusst. Das Massenmorden hat noch nicht begonnen, zeichnet sich aber längst ab. Und wenn man es sich einmal in Ruhe überlegt, dann ist das Sterben doch in Wirklichkeit einfacher als das Leben, oder etwa nicht?

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Bild oben: Flickr | Tekniska museet | CC 2.0