Netflix-Doku über Amanda Knox: Wer ist der „Engel mit den Eisaugen“ wirklich?

Boulevardmedien bezeichneten Amanda Knox als eiskalte Killerin, doch nach jahrelangen Prozessen wurde sie vom Vorwurf des Mordes freigesprochen. Ab Freitag zeigt Netflix eine Dokumentation von Brian McGinn und Rod Blackhurst.

Der Fall hat tiefe Spuren hinterlassen – im Leben aller beteiligten Personen. Die Filmemacher stellen nicht den Mord selbst ins Zentrum, sondern die Frage, warum die Geschichte so eine Sogkraft entwickeln konnte. Sie wollten über das klassische Whodunit hinausgehen, sagt mir McGinn am Telefon, und stattdessen die unterschiedlichen Sichtweisen nebeneinanderstellen. So soll die Art und Weise hinterfragt werden, in der die Gesellschaft mit derartig spektakulären Fällen umgeht. Im Film kommt auch Amanda Knox selbst zu Wort, die von der deutschen Presse als „Engel mit den Eisaugen“ bezeichnet wurde.

Ein „satanisches Ritual“?
Am 2. November 2007 wurde die 21jährige Meredith Kercher tot in ihrer Wohnung im italienischen Perugia aufgefunden. Die britische Austauschstudentin war vergewaltigt und brutal ermordet worden. Wenige Tage später verhaftete die Polizei eine Mitbewohnerin des Opfers, die US-amerikanische Studentin Amanda Knox, und deren italienischen Freund Raffaele Sollecito. Bei ihren Aussagen verstrickten sich die beiden Verdächtigen in Widersprüche. Zuvor hatten Medienberichte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das ungewöhnliche Verhalten des Paares gelenkt.

Knox und Sollecito küssten und liebkosten sich am Tatort. In den Tagen danach sollen sie in einem Geschäft Dessous gekauft haben. Knox wirkte seltsam teilnahmslos, während andere Freunde des Opfers trauerten. Die britische Boulevardpresse berichtete reißerisch über das angeblich besonders ausschweifende Sexleben der jungen Amerikanerin. Die hatte sich auf ihrem MySpace-Profil selbst „Foxy  Knoxy“ genannt. Daraus wurde nun der Spitzname einer wahnsinnigen Killerin, die den unerfahrenen Sollecito um den Finger gewickelt hatte. Der Staatsanwalt bezeichnete die Mordtat als „satanisches Ritual“.


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Knox und Sollecito wurden 2009 zu Haftstrafen in Höhe von 25 und 26 Jahren verurteilt. Zuvor hatte das Gericht einen Mann namens Rudy Guede in einem gesonderten Verfahren als Haupttäter verurteilt. Doch die Theorien der Behörden zur kollektiv begangenen Tat hielten nicht stand. Weder ein Ritualmord noch eine außer Kontrolle geratene Sexorgie konnten nachgewiesen werden. Sogar vermeintlich sichere DNA-Beweise stellten sich als fehlerhaft heraus. 2011 sprach ein Berufungsgericht Knox und Sollecito frei, 2015 wurden diese Freisprüche abschließend bestätigt.

Jenseits von Schuld und Unschuld
McGinn und Blackhurst zeigen die damalige Hysterie anhand einer Vielzahl von Originalaufnahmen und stellen ihnen betont ruhige Interviews gegenüber, die sie mit den Protagonisten geführt haben. Die inzwischen 29jährige Amanda Knox beschreibt ihr früheres Ich als etwas naive, aber sehr lebenslustige Außenseiterin: „Ich wusste: Ich bin anders, aber ich werde meinen Platz finden.“ Während ihres Auslandsstudiums in Italien habe sie eine aufregende und schöne Zeit erlebt, bis zu dem schicksalhaften Ereignis, das ihr Leben auf den Kopf stellen sollte.

Der Staatsanwalt Giuliano Mignini hingegen ist bis heute von Knox‘ Schuld überzeugt. Er hält sie für ein gefallenes Mädchen, das nach immer extremeren Sexeskapaden gesucht habe. Das Opfer stilisiert er zur keuschen und über alle Zweifel erhabenen Heiligen. Schlussendlich war es dieser Konflikt um die Sexualmoral, der zum Mord an Kercher führte – so die recht eigenwillige Theorie des gläubigen Katholiken. Wegen seiner Rolle in dem Verfahren wurde der Staatsanwalt selbst angefeindet, auch sein Leben ist durch den Fall nachhaltig beeinflusst worden.

Der Journalist Nick Pisa berichtete für die britische ‚Daily Mail‘ aus Perugia. Er brachte „Foxy Knoxy“ in die Schlagzeilen und lieferte immer neue Details aus ihrem Sexleben. Heute gibt er offen zu, dass viele seiner Meldungen lediglich auf Gerüchten basierten. Doch das sei nun einmal so in diesem Geschäft, in dem man schneller sein muss als die Konkurrenz. Überraschenderweise sieht auch der Regisseur Rod Blackhurst in Pisa einen „guten Journalisten“, der einfach seinen Job gemacht hat. Das Publikum will schließlich immer neue Sensationen. „Wir sind alle Teil davon“, sagt Blackhurst.

Die Öffentlichkeit habe versucht, aus dem Verhalten der Tatverdächtigen Rückschlüsse auf deren Schuld oder Unschuld zu ziehen, meint Brian McGinn. Die internationale Berichterstattung führte dazu, dass beinahe jeder Zuschauer oder Leser eine Meinung über Amanda Knox und ihre Lebensführung hatte. „Wenn die Leute glauben, dass sie schuldig ist, interpretieren sie den Blick ihrer Augen auf eine Weise, die ihre Annahme bestätigt“, sagt Blackhurst. Ebenso wie Knox wurden auch die anderen Personen in Rollen gedrängt, die sie bis heute nicht so einfach wieder abstreifen können.

Die stylische Netflix-Doku präsentiert neue Aspekte des Falles auf spannende Weise. Am Ende wird aber zwangsläufig auch hier ein reduziertes Bild der Wirklichkeit gezeichnet. Die Inszenierung ähnelt der von Making A Murderer (Netflix) oder der HBO-Serie The Night Of, denn die grausame Mordtat wird schnell zur Nebensache. Der eigentliche Horror entsteht erst in ihrer Folge aus einem diabolischen Zusammenspiel von Justiz und Medienwelt, denen die Frage von Schuld oder Unschuld als bloßer Vorwand dient, um dem hilflosen Individuum die eigene Wirklichkeit und letztlich eine ganz neue Identität aufzuzwingen.

Foto oben: Netflix

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