Peeple: Mit dieser App kannst du deine Mitmenschen online bewerten

Mit der Smartphone-App „Peeple“ soll es ab November 2015 möglich sein, andere Menschen im Internet zu bewerten – unabhängig davon, ob die das wollen oder nicht, berichtet die Washington Post.

Julia Cordray und Nicole McCullough haben einen gemeinsamen Traum. Mit ihrer Geschäftsidee wollen die beiden hochmotivierten Jungunternehmerinnen die Welt ein wenig besser machen und dabei natürlich auch etwas Geld verdienen. Bislang jedoch stößt das Projekt in den USA auf eher gemischte Gefühle – zumindest bei den Leuten, die überhaupt davon gehört haben. Peeple soll im Wesentlichen das Prinzip von Rating-Plattformen wie „Yelp“ auf Privatpersonen übertragen. Bewertet wird das Verhalten in zwischenmenschlichen Interaktionen. Der Clou: Man muss nicht selbst angemeldet sein, um von jemand anders bewertet zu werden. Das ist allerdings auch der Haken an der Sache.

Aktiv teilnehmen kann jeder, laut Peeple-Website. Voraussetzung ist nur ein Facebook-Profil, das mehr als sechs Monate alt ist, und eine Handynummer. Grundsätzlich sollen nur Bekannte bewertet werden, daher benötigt man die Rufnummer der Person, für die man eine Bewertung anlegen möchte. Die erhält dann eine SMS, und wird so informiert, wer sie bewertet hat. Verhindern lässt sich die Veröffentlichung pikanterweise jedoch nicht. Eine negative Bewertung wird für 48 Stunden zurückgehalten. Der Bewertete erhält eine SMS und muss sich nun darum bemühen, den Bewerter umzustimmen. Die Rechtfertigungspflicht liegt dabei auf der Seite der bewerteten Person. „If you cannot turn a negative into a positive the comment will go live and then you can publicly defend yourself”, heißt es in den FAQ. Dieses Szenario scheint Cordray und McCullough aber keineswegs Bauchschmerzen zu bereiten. Im Gegenteil, sie sind sich offenbar sicher, durch ihr Produkt die Freundlichkeit in den Menschen zu wecken. Auf der Website heißt es:

Your network lifts you up and says positive things about you so that you can have a strong online reputation and get job opportunities, access to more networking opportunities with like-minded people […] You can look up the character of the people you meet and interact with.

Woher die Erfinderinnen zu wissen glauben, dass die meisten Menschen im Internet vor allem nach „positivity“ suchen, ist nicht erkennbar. Die aktuelle Diskussion um Hass-Kommentare, die längst auch Mark Zuckerberg beschäftigt, scheint an ihnen vollends vorbei gegangen zu sein. Ein paar Einschränkungen gibt es: Werde ich auf Peeple von jemandem bewertet, den ich gar nicht kenne, kann ich die Bewertung löschen lassen. Bestimmte Inhalte sind generell nicht erlaubt, etwa rassistische oder sexistische Kommentare sowie die Preisgabe vertraulicher Informationen. Grundsätzlich empfiehlt Peeple jedoch, sich schnell ein Profil anzulegen und den eigenen Lebenslauf selbst darzustellen „to get ahead of other candidates“.


Like das Leverage Magazine auf Faceboook, um anderen Kandidaten voraus zu sein!


Cordray und McCullough betreiben einen YouTube-Kanal, auf dem der Zuschauer die Umsetzung der Geschäftsidee als Reality-Soap miterleben kann. Die meiste Zeit redet Julia Cordray in die Kamera, erzählt von Verhandlungen mit Investoren und anderen emotional aufwühlenden Erlebnissen. Dabei verwendet sie gekonnt das Vokabular der Businessberatungs- und Motivationsbranche. Das täuscht beinahe darüber hinweg, dass vor dem Artikel der Washington Post keines der Videos öfter als 200 mal angeschaut wurde. Der Launch der App wird voraussichtlich ab Ende November in den USA und Kanada erfolgen. Auf Anfrage erklärte die Firma gegenüber Leverage Magazine, es gäbe bisher keine Pläne, die App auch in Deutschland anzubieten. Ein Problem dabei sei zum Beispiel die Gesetzgebung zum Schutz der Privatssphäre.

(Anmerkung: Das an dieser Stelle ursprünglich eingebettete YouTube-Video wurde von den Peeple-Macherinnen mittlerweile entfernt.) 

Zweifelsohne trifft die Idee einen Nerv. Auf Sharing-Plattformen ist es längst selbstverständlich, nicht nur die genutzte Couch oder das geteilte Auto zu bewerten, sondern explizit das Verhalten des Anderen. Für Menschen, die regelmäßig auf Fremde und Kurzzeitbekanntschaften vertrauen, ist der Bewertungsstatus oft die einzige Richtschnur. Peeple setzt dieses Konzept eigentlich nur konsequent fort. Man könnte fragen, warum bislang noch niemand auf diese Idee gekommen ist. Allerdings kollidiert die Firmen-Philosophie frontal mit zwei anderen, nicht ganz unwichtigen Themen unserer Zeit: der Datensicherheit und der Selbstbestimmung. Kaum vorstellbar, dass das junge Unternehmen dadurch nicht in Schwierigkeiten geraten wird. Die Reaktionen bei Twitter sind bislang überwiegend negativ. Die meisten User gehen davon aus, dass Peeple eher für hinterhätiges Shaming genutzt würde als für positives „Feedback“. Einige Beispiele:

Alle Social-Media-Accounts des Projekts wurden etwa gleichzeitig Anfang August eingerichtet. Das plötzliche Auftauchen von Peeple aus dem Nichts und die scheinbar unglaubliche Naivität der Gründerinnen legt auch die Vermutung nahe, dass es sich um einen sehr ausgefeilten Prank handeln könnte, der mit der Diskussionskultur im Internet spielt. Vor etwa zwei Jahren bereits löste eine ähnliche App eine Empörungswelle aus. Auf „Lulu“ (bzw. Luluvise) können Frauen ihre männlichen Sexualpartner bewerten. Zuerst erntete Lulu massive Kritik und polarisierte, doch bald ließ das Interesse insgesamt nach. Heute existiert die vormals kontroverse App zwar noch, allerdings eher marktbegleitend. Bevor Peeple tatsächlich in die App-Stores kommt, sollte jedenfalls eine Folge der YouTube-Soap der Suche nach einem guten Anwalt gewidmet werden.

Foto oben: Flickr | Japanexperterna.se | CC 2.0  

Werbung