Auf dem Fischmarkt der Eitelkeiten: etablierte Medien unterstützen Populismus

Die etablierten Medien berichten kritisch über Populisten wie Donald Trump. Es sind aber gerade die Mechanismen des Medienmarktes, die deren Aufstieg möglich machen. Erfolgt kein Umdenken, ist die Katastrophe vorbestimmt.

Ein Fischhändler ist um seinen Job nicht zu beneiden. Bringt er seine Ware nicht schnell genug unters Volk, verdirbt sie und muss in die Tonne. Kein Wunder also, dass der Anbieter zu einer gewissen Aggressivität im Marketing neigt. Der Händler schreit, und das nach Möglichkeit lauter als der Nachbar. Dieser Nachbar bietet höchstwahrscheinlich Ware von exakt demselben Großhändler an, denn auch ein Bismarckhering ist heute ein Produkt auf dem globalisierten Markt. Um sich von der Konkurrenz abzuheben, entwickelt der Fischhändler einen besonderen Stil des Rumschreiens.

Der Markt für Medien ist dem Fischmarkt nicht unähnlich. Auch hier geht es um Schnelligkeit. Die Ware muss raus, bevor sie schlecht wird. Die Meldungen kommen in der Regel von einer großen Agentur, die für die Qualität bürgt. Sie beliefert aber auch alle Buden mit demselben, standardisierten Basisprodukt. Der Journalist greift zur Strategie des Fischhändlers und versucht, der Präsentation eine besondere Note zu geben, um vom Publikum wahrgenommen zu werden. Das nennt sich dann „Haltung“, dafür werden in der Branche sogar Preise verliehen.
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Die Konformität der Medien-Welt

Pointiert gesagt – Pointierung ist ein sehr wichtiges Stilmittel – bedeutet das: Alle verkaufen dasselbe, aber jeder Verkäufer stellt sich selbst dabei als besondere Persönlichkeit dar. Besonders erfolgreich ist derjenige, der möglichst viele Konsumenten von seiner persönlichen Originalität überzeugen kann. Erfolg lässt sich messen: Internet-Tools ermitteln sehr schnell, was im Netz zum Trend wird und was nicht. Der Verkäufer seiner selbst orientiert sich am Trend, ebenso wie ein privater User, der zum Beispiel Bilder bei Instagram hochlädt und damit Follower finden möchte.

Hier stößt die Fischmarkt-Metapher an ihre Grenzen. Weil sich alle Vermarkter an denselben messbaren Trends orientieren, gleichen sich ihre Präsentationen wieder an. Die „Haltung“ schrumpft zur minimalen Nuance. Paradoxerweise führt gerade der Versuch, besonders originell und dabei erfolgreich zu sein, zu einer neuen Konformität. Besonders augenfällig zeigt sich die Entwicklung, wenn etablierte Nachrichtenredaktionen dem Trend so weit aufs Glatteis folgen, dass sie Themen bearbeiten, die in der guten, alten Welt der Printmedien noch dem Boulevard vorbehalten waren.

„Kanye West trifft Trump“, meldete kürzlich Spiegel Online, eine wortwörtliche Übersetzung der Schlagzeile der New York Times vom selben Tag. Warum ist das wichtig? Das Thema wurde auf Facebook und Twitter verhandelt, wo der Unterhaltungswert einer Meldung über ihre Bedeutung entscheidet. Was Trump mit dem Rapper besprochen hat, weiß der Times-Autor ebenso wenig wie irgendein 16-jähriger Twitter-User, mit dem er um die Aufmerksamkeit im Netz konkurriert. Bilaterale Abkommen mit Folgen für die weltpolitische Lage wurden aber vermutlich nicht abgeschlossen.

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Meine Meinung, deine Meinung

In seinem Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit beobachtete Walter Benjamin 1935 scharfsinnig, wie die damals neue Verbreitung der Massenmedien vor allem den Nationalsozialisten nützte. Radio und Film waren die besten Mittel, um Konsumenten zu erreichen. Der „Faschismus“, schrieb Benjamin, verstand es in besonderer Weise, die Politik als Abfolge spektakulärer Ereignisse zu inszenieren. So schlug er die Gesellschaft in ihren Bann, diktierte die Themen, denen alle anderen nur noch hinterherlaufen konnten.

Natürlich unterscheiden sich die heutigen sozialen Medien erheblich von den alten Massenmedien, gerade weil sie den Nutzern Partizipation ermöglichen. Aber Facebook und Twitter verstärken Trends. Die zahllosen Ich-Sätze, die in den Netzwerken geäußert werden, gleichen sich oftmals aufs Wort. Jeder User betont seine eigene Meinung, aber die unterscheidet sich kaum von der des Nachbarn. Alle sagen dasselbe, fühlen sich dabei aber besonders originell. In ihrem Versuch, aus diesen Trends Kapital zu schlagen, schließen sich die Medienproduzenten dem eitlen Geplapper an.

Ein Populist wie Trump ist selbstverständlich kein neuer Hitler. Aber grundsätzlich trifft Benjamins Beobachtung auch heute zu: die erhitzte Debatte wird geprägt von Sensationen, die einander zu überbieten versuchen. Davon profitieren autoritäre Figuren, weil sie das Spektakel um ihre Person zu instrumentalisieren verstehen. Mit Twitter, einem äußerst primitiven Werkzeug, treibt Trump die gesamte westliche Welt vor sich her. Unsinniger Quatsch, mitten in der Nacht gepostet, in welchem Geisteszustand auch immer, bringt es regelmäßig zur Hauptmeldung des folgenden Tages.


Sensationell: Leverage Magazine auf Facebook (Text geht unten weiter)


Der Populismus geht nicht einfach weg

Absurderweise werden Populisten und verwandte Phänomene wie „Fake-News“ von den meisten Journalisten betrachtet, als würden sie gar nicht zur Gesellschaft gehören. Darin ist der Wunsch erkennbar, dass diese Leute und ihre kruden Botschaften doch bitte einfach wieder verschwinden mögen. Die Populisten verdanken ihren Einfluss aber gerade der Tatsache, dass die etablierten Medien sie als Fremdkörper ablehnen. Journalisten betonen ihre „Haltung“, die wird vom Konsumenten allerdings als eine Meinung unter vielen verstanden und geht im Geschrei unter.

Gleichzeitig spricht der Populist das Publikum in den sozialen Medien direkt an. So kann er seine Meinungen gleichberechtigt neben die anderen veröffentlichten Meinungen stellen und die Aufmerksamkeit nutzen, die er selbst erzeugt hat. Mit immer neuen Provokationen stellt er sicher, dass das Spektakel niemals aufhört und sich immer um ihn dreht. Die von dieser kämpferischen Gesamtsituation völlig überforderte Mediengesellschaft verhilft jenen autoritären Charakteren zum Aufstieg, die ihrer Offenheit feindlich gesonnen sind.

Genau hinschauen – präzise beschreiben!

Auf dem Markt der Meldungen wird verkauft, was für Aufregung sorgt. Der eigentliche Inhalt der Berichterstattung ist letzten Endes eine Ware, die sich an aktuellen Trends orientieren muss, um wahrgenommen zu werden. Populisten tun nichts anderes, sie nutzen die Mechanismen der Medien aus, um ihre autoritäre Politik zu vermarkten. Der Fisch stinkt vom Kopf. (Bitte entschuldigen Sie diese plumpe Floskel, sowas muss man machen. Das kommt gut an.)

Wer den Populismus für gefährlich hält, sollte rational und besonnen berichten. Dazu bedarf es aber einer gewissen Bereitschaft, gesellschaftliche Phänomene in ihrer Komplexität darzustellen. Auch auf die Gefahr hin, nicht immer verstanden zu werden oder gar mit dem Schimpfwort “intellektuell” betitelt zu werden. Medien, die das Geschehen bis zur Verblödung vereinfachen und emotionalisieren, verkaufen sich kurzfristig besser, verstärken aber am Ende genau den Trend, den sie kritisieren wollen.

Foto oben: Käsehändler auf dem Hamburger Fischmarkt
Flickr | Wojtek Szkutnik | CC 2.0