Wo Puschkin liebte: das Internationale Literaturfestival in Odessa

Odessa, das ist die Stadt, in der Puschkin „Eugen Onegin“ schrieb und die Frau des Gouverneurs liebte. Am ersten Oktoberwochenende lädt das “Internationale Literaturfestival” in die traditionsreiche ukrainische Schwarzmeerstadt ein.

Schüsse fallen, die eben noch heitere Menschenmenge flieht, endlose Stufen hinunter in Richtung Küste. Doch auch am Fuß der gewaltigen Potemkinschen Treppe marschieren die Schergen auf, um die drohende Revolte gegen den Zaren im Keim zu ersticken. Und inmitten des Chaos rollt ein Kinderwagen haltlos die Stufen hinab. Die legendäre Szene aus dem Film „Panzerkreuzer Potemkin“, von Sergej Eisenstein auf Basis seiner dialektischen Filmtheorie inszeniert, prägte die Filmgeschichte und das Bild der Stadt Odessa.

Unfreiwillig verließ etwa ein Jahrhundert zuvor Alexander Puschkin die Schwarzmeerstadt, in der er sein bekanntestes Werk verfasst hatte. Seine Affäre mit der Gräfin Woronzowa war aufgeflogen und der Graf wenig begeistert. Auch Adam Mickiewicz, der polnische Nationaldichter, hat hier gelebt und gearbeitet, ebenso wie Isaak Babel („Die Reiterarmee“) und die Satiriker Ilja Ilf und Jewgeni Petrow. Vom 1. bis 4. Oktober 2015 wird das „Internationale Literaturfestival Odessa“ (ILO) den aussichtsreichen Versuch unternehmen, die Kulturmetropole am Schwarzen Meer wieder in die Aufmerksamkeit der literarischen Welt zu rücken.

Die Idee zum Festival geht auf den ukrainischen Autoren Andrej Kurkow („Ukrainisches Tagebuch“) zurück. Beteiligen werden sich neben Serhij Zhadan („Mesopotamien“) und Juri Andruchowytsch („Perversion“) auch die aus Georgien stammende Nino Haratischwili („Das achte Leben (Für Brilka)“), der russische Schriftsteller Wiktor Jerofejew („Die Akimuden“), sein in der Schweiz lebender Kollege Michael Schischkin („Briefsteller“) und viele weitere internationale Gäste, etwa Joachim Sartorius, Marica Bodrožić, Melvin Burgess, Sema Kaygusu, Nils Mohl und andere – aus insgesamt 14 Ländern.

Nicht unmaßgeblich beteiligt an der Organisation des Ganzen sind die Kulturmanager Hans Ruprecht aus Bern und Ulrich Schreiber aus Berlin. Die Finanzierung des Festivals stellen im Wesentlichen das deutsche Auswärtige Amt und Schweizer Stiftungen. Trotz westlicher Geldgeber sei es aber nicht seine Aufgabe, “Staatsaufträge” zu erfüllen, betont Organisator Schreiber gegenüber der Schweizer Tageszeitung „Der Bund“. Angesichts der desolaten Haushaltslage und des fortwährenden Krieges wären ukrainische Ministerien derzeitig weder in der Lage noch bereit, Geld für schöne Literatur auszugeben.


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Der vermutlich leichteste Weg wäre es gewesen, Spenden von einem oder mehreren Oligarchen anzunehmen. Angeblich gab es sogar konkrete Angebote, was kaum verwundert, denn im Vorfeld der Kommunalwahlen am 25. Oktober ist gesellschaftliches Engagement eine gute Gelegenheit, das eigene Image aufzupolieren. Gerade die Lokalpolitik wird weiterhin stark von den Oligarchen dominiert. Micheil Saakaschwili, der ehemalige Präsident Georgiens und heutige Gouverneur der Region Odessa, ist mit einem Anti-Korruptionsprogramm angetreten.

Taras Yemchura, der sich im Organisationskomitee engagiert, ist überzeugt davon, dass sich das Literaturfestival nicht im Wahlkampf instrumentalisieren lassen darf. Seiner Ansicht nach spielt es auch eine wichtige Rolle im aktuellen Konflikt mit Russland, schreibt er per Email. Denn in dem ginge es nicht nur um Territorien, sondern auch um die Köpfe der Menschen. Der ehemalige Maidan-Aktivist sieht in kulturellen Aktivitäten wie dem ILO eine Perspektive für die Ukraine: “Ausstellungen, Festivals und Lesungen – bedeutet das nicht Leben in Frieden?”

Zwischen dem Osten und dem Westen Europas besteht noch immer eine Grenze, das hat sich im Ukraine-Konflikt gezeigt und es zeigt sich auch in der aktuellen Flüchtlingskrise. Die Literatur kann einen Beitrag dazu leisten, diese nicht sicht- aber spürbare Mauer zu überwinden. Dazu braucht es ambitionierte Projekte wie das ILO. Neben den literarischen Lesungen wird es Diskussionen und Vorträge geben, in denen die aktuelle politische Situation thematisiert wird. Die Veranstaltungen finden an so legendären Orten wie dem Londonskaya Hotel oder dem Literaturmuseum statt.

Das genaue Programm verrät die Website des ILO.

Fotos: Postkarten, Odessa um 1900